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: Ballon über USA: Technik wie im Kalten Krieg

von Luca Bartolotta
03.02.2023 | 18:21 Uhr
Die USA werfen China vor, einen Spionage-Ballon über Montana zu steuern. Wieso sollte China gerade jetzt diesen Ballon schicken? Ist die Technologie überhaupt noch zeitgemäß?
Ein Höhenballon schwebt über Billings im US-Bundesstaat Montana.Quelle: dpa
Es ist nur ein kleiner weißer Fleck am Himmel über der US-amerikanischen Stadt Billings: Videoaufnahmen in sozialen Netzwerken zeigen einen mutmaßlichen Spionage-Ballon, der laut dem Pentagonsprecher Patrick Ryder bereits am Mittwoch über dem US-Bundesstaat Montana gesichtet wurde.
Die US-amerikanischen Behörden gehen davon aus, dass es sich bei dem Ballon um chinesische Spionageaktivitäten handelt und sagen, dass sie die Flugbahn schon länger verfolgen. China bedauert den Vorfall, spricht aber von einem "zivilen" Luftschiff für Forschungszwecke vor allem meteorologischer Art, welches vom geplanten Kurs abgekommen sei. Doch wieso sollte China gerade jetzt diesen Ballon schicken? Und ist die Technologie überhaupt noch zeitgemäß?

Nach US-Angaben ist ein chinesischer Ballon in den Luftraum der USA eingedrungen, um Atomwaffen-Stützpunkte auszukundschaften. China spricht von einem verirrten zivilen Ballon.

03.02.2023 | 03:10 min

Wie ist der mutmaßliche Spionage-Ballon über den USA ausgerüstet?

Erich Schmidt-Eenboom vom Forschungsinstitut für Friedenspolitik geht im Gespräch mit ZDFheute davon aus, dass der Ballon vor allem der Foto- und Radaraufklärung diene. Er ist erstaunt über den Einsatz des Ballons der chinesischen Regierung.
Veraltet ist das eigentlich schon. Ballonaufklärung hatten wir im Kalten Krieg in den 1960er Jahren entlang der innerdeutschen Grenze. Dass die Chinesen jetzt dieses Instrument revitalisieren, das hat mich doch schon sehr überrascht.
Erich Schmidt-Eenboom, Forschungsinstitut für Friedenspolitik
Auch ist Schmidt-Eenboom kein anderer Nachrichtendienst bekannt, der diese Technik aktuell nutzt. Die Gründe, weshalb China trotzdem auf Spionage-Ballons zurückgreifen könnte, erklärt er so: "Das liegt sicherlich daran, dass China in der Satellitenaufklärung nicht so gut aufgestellt ist wie die Amerikaner oder die Russen und deswegen zu dieser ergänzenden technischen Maßnahme greift."

Wieso fliegt der Ballon ausgerechnet über Montana?

Weshalb der Ballon gerade im US-Bundesstaat Montana eingesetzt wird, liegt vermutlich an den dort stationierten Nuklearwaffen. "Man kriegt natürlich sehr gute Fotoaufklärung, gerade in diesem sensiblen Bereich der amerikanischen Stellung der Nuklearraketen", erklärt Schmidt-Eeenboom. Im einwohnerarmen US-Bundesstaat Montana liegen derzeit nach Angaben des "Wall Street Journal" 150 mit Atomsprengköpfen bestückte Interkontinentalraketen vom Typ Minuteman III.
Bisher hat sich die US-Regierung dagegen entschieden, den Ballon abzuschießen, obwohl sie ihn laut Pentagon-Angaben bereits seit einiger Weile beobachteten. Schmidt-Eenboom geht davon aus, dass die US-Regierung im Fall eines Abschusses keine Risikien für die Zivilbevölkerung eingehen will, denn "die Flugkurve der Metallteile lässt sich nur schwer berechnen".
Auch in dem wenig besiedelten Gebiet über Montana könnten herabstürzende Teile Menschen verletzen. Letztendlich sei das eine Güterabwägung der Regierung gewesen, so Schmidt-Eenboom. Das geht auch aus einem Transkript eines Hintergrundgesprächs mit US-Medienvertretern und einem namentlich nicht weiter genannten Mitarbeiter des Pentagon hervor.

Wieso schickt China gerade jetzt diesen Ballon?

Der Ballon taucht kurz vor dem China-Besuch von Antony Blinken auf, der am Sonntag zur ersten Visite eines US-Außenministers seit Oktober 2018 in Peking erwartet wurde. Blinken sagte seine Reise als Reaktion auf die aktuelle Situation allerdings am Freitag kurzfristig ab. Außerdem wurde erst kürzlich bekannt, dass das US-Militär weiteren Zugang zu vier philippinischen Militärstützpunkten erhält und damit seinen Einfluss im Südchinesischen Meer ausweitet.
Dieser Einfluss ist insbesondere im Zusammenhang im Konflikt zwischen China und Taiwan wichtig. Schmidt-Eenboom geht davon aus, dass der Spionage-Ballon eine Signalwirkung von Peking in Richtung Washington haben sollte. US-Präsident Biden habe sehr deutlich gemacht, dass bei einem potentiellen Angriff der Chinesen auf Taiwan auch eine militärische Antwort der USA erfolgen könnte.
Jetzt machen die Chinesen sehr deutlich, dass sie eventuell damit rechnen, dass es sich um eine nukleare Antwort handeln könnte. Und sie machen zugleich deutlich, dass sie über eine gesicherte Zweitschlagkapazität verfügen und die amerikanischen Nuklearanlagen sehr wohl dabei im Visier haben.
Erich Schmidt-Eenboom, Forschungsinstitut für Friedenspolitik
Der ehemalige US-Verteidigungsminister Leon Panetta sagte dem ZDF dazu: "Es zeigt, dass das Verhältnis mit China sehr angespannt bleibt" Es sei ziemlich klar: "China, Präsident Xi, ist deutlich aggressiver geworden." 

Wie groß ist der Informationsgewinn durch den Ballon?

Den tatsächlichen Informationsgewinn der chinesischen Regierung durch den Ballon ordnet der anonyme Pentagon-Offizielle als eher gering ein.
Derzeit gehen wir davon aus, dass dieser Ballon aus der Sicht der Nachrichtendienste nur einen begrenzten Zusatznutzen hat.
Pentagon-Mitarbeiter
Solche Ballons seien in der Vergangenheit bereits über den USA gesichtet worden, so der Pentagon-Offizielle. Besonders sei allerdings in diesem Fall, dass der Ballon länger als sonst über dem Luftraum schweben würde. Auch die kanadische Regierung berichtet von einem möglichen zweiten Vorfall.

Besonders die Zeit des Kalten Kriegs war eine Hochphase der Spionage.

21.08.2018 | 44:29 min
Der Ballon befindet sich aktuell auf einer Höhe weit über der Flughöhe von Passagierflugzeugen und stellt somit zumindest aktuell keine Gefahr für den Flugverkehr dar. Über die genaue Größe des Ballons schweigt das Pentagon bisher. In US-amerikanischen Medien ist allerdings die Rede davon, dass das Flugobjekt ungefähr so groß wie drei Busse sei.
Quelle: Mit Material von dpa, AFP

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