: Die "grüne Lunge" immer mehr unter Druck

von Mark Hugo
14.09.2020 | 05:30 Uhr
Tropenwälder legen sich wie ein grünes Band um den Globus. Eines allerdings, das seit Jahren immer dünner wird. Besonders betroffen ist der Amazonas-Regenwald.
Brandrodungen zerstören wichtige Fläche des Amazonas-Regenwaldes.Quelle: Reuters
Es gibt ihn offenbar, den Wunsch, etwas zu ändern: Bis August sind die brasilianischen Rindfleischimporte nach Deutschland im Vergleich zum Vorjahr um mehr als ein Viertel eingebrochen. Die Branchenvereinigung Abrafrigo führt das neben Corona auch darauf zurück, dass sich in Deutschland und Europa das Bewusstsein verstärkt hat, den Regenwald in Südamerika zu schützen.
Allerdings: Die Branche wird die europäische Zurückhaltung gut verkraften können. Denn insgesamt sind die Exporte in alle Welt um rund zwölf Prozent gestiegen. Kaum ein Land führt mehr Rindfleisch aus als Brasilien. Und das gehe auf Kosten der Natur, kritisiert Roberto Maldonado vom WWF. "Auf circa 80 Prozent der entwaldeten Flächen stehen heute Rinder", sagt er. Oder aber es sind Weiden, die sich Spekulanten gesichert haben, um sie später lukrativ zu verkaufen. "Es ist ein Multi-Millionen-Geschäft."

Tropenwälder weltweit unter Druck

Nicht nur in Südamerika, auch in Asien und Afrika geraten die Tropenwälder immer weiter unter Druck. 2019 gingen 3,8 Millionen Hektar Urwald verloren, schätzen Wissenschaftler der Universität von Maryland. Das entspreche der Größe eines Fußballfeldes - alle sechs Sekunden.
Nur 2016 und 2017 war der Rückgang größer. Vom ursprünglichen Amazonas-Regenwald sind laut WWF bereits 20 Prozent vernichtet und weitere 20 Prozent durch Bodenfeuer oder das Fällen von Edellaubhölzern "degradiert". Das heißt: "Diese Wälder stehen zwar noch, aber sind stark geschwächt", erklärt Maldonado.
Umweltschützer machen auch Bolsonaros Politik für die Feuer verantwortlich. Er nehme die Brände in Kauf, um den Amazonas-Regenwald wirtschaftlich zu erschließen.

Brandrodungen im Amazonas-Regenwald

Gerodet wird in Brasilien nicht nur für Weiden, sondern auch für den Anbau von Soja. Ein weiterer Exportschlager, der tonnenweise als Futter auch in europäischen Ställen landet. Brandrodungen haben in der Amazonas-Region viele der Feuer ausgelöst, die dort aktuell wieder wüten.
Allein im August haben Satelliten mehr als 29.000 Brände registriert - 44 Prozent mehr als noch 2019, sagt Maldonado. Und das, obwohl in Brasilien die Trockenzeit noch gar nicht begonnen habe.

Bolsonaro leugnet Brände

Dass Brasiliens Präsident Jair Bolsonaro behauptet, Regenwald könne gar nicht brennen und Umweltschützer wüst beschimpft, hilft da wenig. Bolsonaro hat seit seinem Amtsantritt die zunehmende Abholzung in den letzten Jahren mindestens billigend in Kauf genommen, um die Agrarwirtschaft voranzubringen. Und auch die illegale Goldförderung im Regenwald hat er bisher toleriert. Ein großes Problem dabei ist Quecksilber, das als Lösungsmittel verwendet wird und Flüsse, Böden und Tiere vergiftet.   
Inzwischen allerdings bekommt Bolsonaro Gegenwind.
Die Wirtschaft in Brasilien, vor allem der Finanzsektor, hat sich ganz klar gegen die aktuelle Politik ausgesprochen,
sagt der WWF-Brasilienexperte Maldonado. Im Juni hatten bereits internationale Investmentfonds mit einem Gesamtvolumen von vier Billionen Dollar damit gedroht, den Geldhahn zuzudrehen. "Wie lange er den Druck aushält, das wissen wir noch nicht. Aber er steht unter erheblichem Druck."
Weltweit Bäume pflanzen, und schon ist das Klima gerettet. Eine schöne Vision, doch so einfach ist es leider nicht.

Zerstörung des Regenwaldes setz CO2 frei

Druck, um die Regenwälder zu schützen. Es gehe darum, ein "Massenartensterben" zu verhindern, so Maldonado. Und: Das Amazonas-Gebiet ist der größte Kohlendioxid-Speicher der Welt, also eine Art "grüne Lunge". Das Treibhausgas wird aber durch den Verlust der Wälder in großen Mengen freigesetzt.
"Wenn wir die Klimakrise aufhalten wollen, müssen wir die Tropenwälder erhalten", sagt Maldonado. Anders seien auch die Probleme in Deutschland - Trockenheit und Waldsterben - nicht in den Griff zu bekommen.
Mark Hugo ist Redakteur in der ZDF-Umweltredaktion.

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