: Als auf Utøya das Unvorstellbare geschah

von Hermann Bernd
22.07.2021 | 06:00 Uhr
ZDF-Korrespondent Hermann Bernd hat von dem Anschlag in Oslo und dem Massaker auf Utøya berichtet. Er erzählt, was er erlebt hat - und wie Norwegen heute mit der Tat umgeht.
Norwegen hält heute inne und gedenkt an die Opfer der Terroranschläge von Oslo und Utøya vor 10 Jahren. Der Rechtsextremist Anders Behring Breivik tötete an diesem Tag 77 Menschen.
Das Unvorstellbare geschieht in Oslo um 15.25 Uhr am 22. Juli 2011. Noch in der Nacht komme ich in Oslo an. Keiner im Flugzeug weiß, was wirklich passiert ist. Eine Explosion, Gas, eine Bombe? Dann soll auch etwas auf einer Insel in einem Fjord passiert sein. Am nächsten Morgen weiß ganz Norwegen mehr.

Anders Breivik legte Bombe direkt an Regierungsgebäude

Der Terrorist Anders Breivik hat im Osloer Regierungsviertel eine selbst gebaute Bombe in einem Lieferwagen gezündet, den er einfach am Regierungsgebäude abstellen konnte. Acht Menschen sterben.
Anschließend fährt er zur Insel Utøya, wo die Jugendorganisation der Sozialdemokraten (AUF) ihr jährliches Zeltlager veranstaltet. Er schießt wahllos. In den 92 Minuten bis zu seiner Festnahme sterben 69 Jugendliche. Seine jüngsten Opfer sind 14 Jahre alt.
Jens Stoltenberg war Ministerpräsident Norwegens, als Anders Breivik in Oslo eine Bombe zündete und auf Utoya 69 Menschen hinrichtete. Hier erzählt er, wie er den Tag erlebte.

Oslo gleicht einem Trümmerhaufen

In Oslo angekommen, zeigt sich ein furchtbares Bild: Glassplitter überall, zerstörte Autos - erste Geschäftsleute räumen auf, unter Schock.
Bewaffnete Soldaten sichern die Szenerie. Ein unwirkliches Bild, dass ich den ganzen Tag versuche zu schildern, live. In den Pausen Gespräche mit Augenzeugen, die von der unvorstellbaren Wucht der Bombe erzählen, die am Regierungsgebäude detonierte.

Im Laufe des Tages immer mehr Details zu Utøya

Breiviks Ziel war es, Vertreter der sozialdemokratischen Regierung zu treffen, die er für die aus seiner Sicht massenhafte Einwanderung von Muslimen verantwortlich macht. Im Laufe des Tages erreichen mich in Oslo immer mehr Details des Massakers auf Utøya. Details, die schwer zu schildern sind in ihrer Grausamkeit, die ich fast nicht glauben kann.
Am Abend des 23. Juli 2011 versuche ich einen Standort nahe der Domkirche in Oslo zu finden. Dort legen Menschen erste Rosen nieder. Im Laufe der nächsten Tage werden es Blumenmeere. Die Kirche wird zum Ort der Trauer.
Tausende Norweger gehen an mir vorbei, weinend, aufgelöst, legen Blumen nieder. Schweigend. Eine unglaublich emotionale Stimmung, die auch mich sehr aufwühlt.

"Ich dachte, ich müsste wählen, wie ich sterben will"

Wie ist das Land mit dem Terror umgegangen? Ob der 22. Juli Norwegen verändert hat? Kamzy Gunaratnam jedenfalls schüttelt mit dem Kopf. "So leicht ist das nicht“, sagt die 33-Jährige. "Wir haben uns das Versprechen gegeben: Nie wieder 22. Juli. Wir haben einander versprochen, niemals zuzulassen, dass sich ein solcher Hass ausbreitet. Und dieses Versprechen haben wir nicht gehalten."
22. Juli 2011, Oslo: Anders Behring Breivik zündet eine Bombe im Regierungsviertel und erschießt 69 Menschen auf der Insel Utøya. Der Film rekonstruiert den terroristischen Anschlag.
Gunaratnam überlebte den Horror auf der Insel. Weil sie sich schnell entschieden hatte, zum Festland zu schwimmen. "Ich dachte, ich müsste wählen, wie ich sterben will. Ich bin nicht gut im Schwimmen, aber ich wollte auch nicht erschossen werden." Heute ist sie stellvertretende Bürgermeisterin von Oslo. Eines ihrer wichtigsten Ziele ist die Bekämpfung des Rechtsradikalismus.
Die Leute sprechen nicht gern darüber, dass Breivik ein Ergebnis der norwegischen Gesellschaft ist.
Kamzy Gunaratnam, Utøya-Überlebende
Vorbeugen, Prävention - so sieht sie es. Rechtsradikale Einstellungen seien weiter sehr verbreitet, das hört man immer wieder. Jens Stoltenberg beklagt, dass Breivik so viele Nachahmer weltweit gefunden habe. Neuseeland sei nur ein Beispiel.

Polizei aufgestockt

In den Jahren nach dem 22. Juli 2011 wurde in Norwegen vor allem der Polizeieinsatz diskutiert. Es gab zu viele Pannen, die Menschenleben kosteten. Die Polizei hatte keine Hubschrauber, keine Boote, die Einsatzkräfte konnten nicht miteinander kommunizieren.
Daraus habe man gelernt, heißt es - und die die norwegische Polizei wurde auch personell aufgestockt.

Höchststrafe für Breivik

Wir waren einfach naiv, glaubten, der Terror sei weit weg,
sagt Lisbeth Røyneland. Sie leitet die Gruppe der Angehörigen der Opfer. Ihre Tochter Synne starb auf Utøya. Sie wurde mit drei Schüssen im Kopf gefunden, erzählt Røyneland sichtlich bewegt.
Die enorme Solidarität in der Gesellschaft war am Anfang für sie ein großer Trost. Doch die Sprachlosigkeit vieler Menschen ärgert sie. Breivik und der Terror, der nicht von außen, sondern aus dem eigenen Land kam - das verdrängen zu viele aus ihrer Sicht.
Und Breivik? Er wurde zur norwegischen Höchststrafe verurteilt: 21 Jahre Haft mit anschließender Sicherungsverwahrung. Er sitzt isoliert in drei Zellen im Gefängnis von Skien. Bis heute hat er seine Taten nicht bereut. "Ich verschwende keine Gedanken an ihn", sagt Røyneland.

Einschusslöcher heute noch zu sehen

"Nie wieder 22. Juli" - sagt man sich auf der Insel Utøya. Die Insel gehört noch immer der Jugendorganisation AUF.
"Heute ist Utøya ein Ort zum Erinnern, ein Ort zum Lernen und ein Ort, um sich zu engagieren“, erklärt der 36-Jährige Wadne Frydnes, der hier seit zehn Jahren arbeitet. Das Café-Gebäude, in dem 13 Jugendliche starben, wurde zum Teil erhalten. Die Einschusslöcher sind noch in den Wänden zu sehen.