: "TOGG" - Konkurrenz für Tesla und VW?

von Jörg-Hendrik Brase
06.07.2021 | 08:56 Uhr
Mit vereinten Kräften verfolgt die Türkei ein ehrgeiziges Ziel: Ab Ende kommenden Jahres soll der TOGG, ein Elektro-SUV aus türkischer Produktion, vom Band laufen.
Gürcan Karakas präsentiert den TOGG-Prototypen. 2022 sollen eine Limousine und ein Kombi-Modell auf den SUV der Marke folgen.Quelle: ZDF/Jörg Brase
"Wir bauen nicht nur ein Auto. Wir bauen ein Smart Device" - schwärmt Gürcan Karakas, Chef des türkischen Herstellerkonsortiums TOGG beim Treffen mit deutschen Journalisten.
Stolz präsentiert er die Prototypen eines Autos, das nicht nur mit Elektroantrieb laufen soll, sondern per App digital vernetzt werden kann mit anderen Komponenten, vom Smartphone bis zur smarten Kaffeemaschine zuhause. Man wolle den nationalen und internationalen Markt erobern mit einem Produkt, das technologisch auf dem neuesten Stand sei, kündigt Karakas an.
Chefdesigner des Herstellers ist der Deutsche Murat Günak. Quelle: ZDF/Jörg Brase

Keine Revolution - aber ein gut geplanter Angriff

Tatsächlich sieht der TOGG aus wie moderne SUV-Modelle der Firmen Ford oder Jeep. Man habe Marktstudien durchgeführt, berichtet Karakas - und habe Ideen, Wünsche und Erwartungen der Konsumenten in die Planung des Wagens einbezogen. Der TOGG verspricht also keine Revolution auf dem E-Mobil-Markt, sondern ist ein gut geplanter Angriff auf die Marktanteile der etablierten Konkurrenz.
Die Türkei ist dafür ein durchaus geeigneter Standort. Das Land hat seit den 60er-Jahren Erfahrung mit der Automobilproduktion. Viele Hersteller, vor allem aus Deutschland, produzieren an der Schnittstelle zwischen Europa und Asien.
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Türkei als vielversprechender Automobilstandort

Die Türkei ist automobiles Exportzentrum, rund 80 Prozent der Produktion werden ins Ausland geliefert. Es gibt viele gut ausgebildete Fachkräfte, die Arbeitskosten sind vergleichsweise niedrig. Diese Standortvorteile will man nun in eigener Sache nutzen, und das auf Geheiß von ganz oben.
Präsident Erdogan selbst blies bereits vor über zwei Jahren zum Angriff auf Tesla und VW, als er ankündigte, die Türkei werde bis 2022 ein eigenes, elektrogetriebenes Auto bauen. Vor wenigen Tagen erst hatte Erdogan sein Ziel bekräftigt, die Türkei unter die zehn größten Wirtschaftsnationen der Welt führen zu wollen.
Ab Sommer 2021 sollen in Grünheide (Brandenburg) 500.000 Elektroautos pro Jahr produziert werden, so der Plan von Tesla-Chef Elon Musk. In nur einem Jahr entsteht eine Gigafactory.
Dafür bündelt der Präsident eigene Ressourcen, und bedient sich - zumindest was den Automobilbereich angeht - auch deutschen Know-Hows. So warb das Investorenkonsortium den Maschinenbau-Ingenieur Gürcan Karakas von Bosch ab.

Wissen auch aus Deutschland importiert

27 Jahre lang hatte Karakas für den deutschen Automobilzulieferer gearbeitet, zuletzt als Chef des Großhandelsgeschäfts. "Ich bin ein Ingenieur," sagt Karakas. "Es war immer mein Traum, von Null an etwas zu machen." Den Traum will er sich nun in der Türkei erfüllen.
Als Chefdesigner wurde Murat Günak engagiert, ein Deutscher mit türkischen Wurzeln, der unter anderem für Mercedes und VW Modelle entwarf.
Das Armaturenbrett des TOGG ist ein durchgehender Computerbildschirm. Den Außenspiegel ersetzt eine Kamera, die auf den kleinen Monitor überträgt.Quelle: ZDF/Jörg Brase

Türkei drängt in den Internationalen Wettbewerb

"Wir haben uns auf Wettbewerbsfähigkeit vorbereitet", sagt Karakas. Wettbewerbsfähigkeit - das gelte sowohl für die Technologie wie für den Preis. Wie viel der TOGG kosten soll, verrät Karakas noch nicht. Klar ist aber, dass er während der Testphase in der Türkei sehr viel günstiger angeboten werden kann als ausländische SUV-Modelle.
"In der Türkei werden alle SUVs importiert. Das heißt, wir haben in den ersten 15 bis 18 Monaten nicht die Situation, dass wir mit einem Fahrzeug aus lokaler Produktion konkurrieren müssen."
Gürcan Karakas, Ingenieur
Dass der TOGG ein Prestigeprojekt des türkischen Präsidenten ist, bedeutet für Karakas Segen und Fluch zugleich. "Der Druck ist da, weil wir bis 2023 auf dem Markt sein müssen."
In zwei Jahren jährt sich zum hundertsten Mal die Gründung der modernen Türkei. Dann will sich Präsident Erdogan auf dem Höhepunkt seiner Macht zeigen. Und das E-Mobil made in Türkei wäre dafür ein schmückendes Beispiel. "Das Team arbeitet mit einer hohen Motivation. Wir kriegen Unterstützung von allen Seiten. Nicht nur von den Investoren, sondern auch vom Staat und der türkischen Presse," formuliert Karakas diplomatisch.
Stellen Gebrauchtwagen-Verkäufer alle Vor- und Nachteile richtig dar?
Dass der TOGG als Erdogan-Auto gilt, störe ihn nicht. Viele Startups bekämen finanzielle Hilfen durch den Staat, meint Karakas. Bei wenigen aber ist der Erfolgsdruck so hoch wie bei TOGG.

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