Der schwierige Umgang mit historischen Fotos

von Nils Metzger
02.05.2020 | 12:00 Uhr
Vor 75 Jahren entstand das Foto vom Reichstagssturm. Gestellt und manipuliert, wie wir heute wissen. Es lehrt uns, dass wir der Vergangenheit gegenüber eine Verantwortung tragen.
Quelle: dpaDer Reichstag am 2. Mai 1945: Ein Foto, das in die Geschichte eingehen sollte.
Es ist einer der ikonischen Momente des Zweiten Weltkriegs: Kurz vor Ende der blutigen Schlacht um Berlin vor 75 Jahren stürmten sowjetische Soldaten den Reichstag. Dort hissten sie Flaggen, um den nahenden Sieg zu feiern.
Es existiert ein weltberühmtes Foto, das diesen Moment zeigen soll – so zumindest die Intention der sowjetischen Propagandamaschine. Wegen der heftigen Kämpfe war kein Fotograf in der Nähe. Also wurde die Szene noch einmal nachgestellt und fotografisch festgehalten. Dieses Foto ging dann um die Welt.

Die falschen Soldaten wurden dafür gefeiert

Die Aufnahme war sorgfältig geplant: Stalin selbst hatte angeordnet, dass in der Presse ein georgischer und ein russischer Soldat als beteiligt genannt werden sollten - tatsächlich geschwenkt haben die Flagge drei völlig andere Soldaten.
Eine vermeintlich geplünderte Uhr am Armgelenk einer der Soldaten wurde wegretuschiert, zusätzliche Rauchwolken hinzugefügt. Die für die Propaganda ausgewählten Soldaten erhielten Orden und Statuen. Die Schicksale der auf dem Foto tatsächlich Abgebildeten waren egal.

Die Opfer kommen in Videomaterial nur selten vor

Vor allem Videoaufnahmen aus dem Zweiten Weltkrieg sind mit Vorsicht zu genießen. Das hat auch technologische Gründe: Videokameras waren, im Gegensatz zu Fotokameras, groß, teuer und unhandlich - kurz: kaum geeignet für den Einsatz in echten Schlachten.
Das Videomaterial entstand meist im Auftrag der Kriegsparteien. Entsprechend zeigen die Bilder meist nach vorne preschende Panzer, feuernde Geschütze und von Flugzeugen auf den Gegner fallende Bomben. Niederlagen, Opfer und Leid sind selten abgebildet – oft nur dann, wenn es politisch nützlich war.
Aus diesem Grund sind private, ungefilterte Aufnahmen aus dem Dritten Reich selten. Sehen Sie hierzu auch die ZDFzeit: Wir im Krieg - Privatfilme aus Hitlers Reich:
Zum 75. Jahrestag des Kriegsendes 1945 bietet die Dokumentation mit privatem und teils unveröffentlichtem Filmmaterial neue Einblicke in das Leben während des Zweiten Weltkrieges.

Wir haben Zugang zu mehr Informationen denn je

Wir verfügen heute über mehr Informationen denn je, um diese historischen Aufnahmen einzuordnen. Archive digitalisieren ihre Bestände, Fachliteratur wird übersetzt, Historiker wenden sich teils direkt auf Twitter an Personen, die Falschinformationen über historische Fotos verbreiten.
Weil Jahr für Jahr immer mehr Aufnahmen aus dieser Zeit gemeinfrei, also der Öffentlichkeit zugänglich, werden, begegnen uns Fotos aus den 1930er und 1940er Jahren inzwischen wieder häufiger im Alltag. Wir dürfen sie deutlich einfacher nutzen, verändern, vervielfältigen.

Die Verantwortung, das Gezeigte nicht falsch darzustellen

In den sozialen Medien haben sich zahllose Hobbygruppen gebildet, die historische Fotos feiern und miteinander teilen. Nicht immer ist das Interesse daran ohne Hintergedanken. Menschen nutzen historische Aufnahmen, um ihr Bild von der Vergangenheit zu belegen: Wie progressiv oder rückständig war eine Gesellschaft damals? Teils werden daraus sogar politische Forderungen für die Gegenwart abgeleitet.
Dabei geht häufig der historische Kontext der Aufnahmen verloren oder wird bewusst unterschlagen. Propagandaaufnahmen oder fiktive Filmszenen werden als authentisch dargestellt. Einzelne Bilder stehen pars per toto für eine ganze Epoche oder Nation.

Die Fotos aus den letzten Tagen des Zweiten Weltkriegs, die nun 75 Jahre alt werden, sind auch eine Erinnerung daran, wie wichtig es ist, den Kontext der Aufnahmen in Erinnerung zu behalten. Je älter die Fotos werden, desto schwieriger wird es, schiefe Bilder wieder gerade zu rücken.

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