Kommentar

: 9/11 hat uns geschwächt und gespalten

von Elmar Theveßen
11.09.2021 | 18:55 Uhr
Die Terroranschläge vom 11. September 2001 haben den Westen geschwächt. Welche Fehler gemacht wurden - ein Kommentar.
„Extremismus von innen“ – die wohl gefährlichste Nachwirkung von 9/11, so US-Korrespondent Theveßen. Den Terroristen sei es gelungen, den Westen zu schwächen.
9/11 war eine Falle, und wir sind hineingetappt. Al-Kaida wollte die Vereinigten Staaten und ihre Verbündeten schwächen - politisch, wirtschaftlich, gesellschaftlich. Die Rechnung ist aufgegangen.
Nicht falsch verstehen: Osama bin Laden hat nicht unbedingt erwartet, dass wir in Afghanistan einmarschieren und den Krieg gegen Terrorismus so entschlossen führen. Aber wir reagierten auf die neue Herausforderung mit alten und berechenbaren Reflexen. Robert Cooper, ein Berater des damaligen britischen Premierministers Tony Blair, postulierte diesen "liberalen Imperialismus" im April 2002 in einem Kommentar in der Zeitung "The Observer":
Vor 20 Jahren wurden bei Terroranschlägen in den USA 2977 Menschen getötet. Zum Jahrestag rief Präsident Biden zu nationaler Einheit auf.
"Untereinander operieren wir auf der Grundlage von Gesetzen und einer offenen, kooperativen Sicherheit. Aber wenn das postmoderne Europa es mit Staaten der altmodischeren Art zu tun hat, dann müssen wir auf die raueren Methoden der Vergangenheit zurückgreifen - militärischen Druck, vorbeugende Angriffe, Täuschungsmanöver und was immer notwendig ist im Umgang mit denen, die immer noch in der Welt des 19. Jahrhunderts leben, in der jeder Staat für sich stand. Untereinander sollten wir uns an die Gesetze halten, aber wenn wir im Dschungel operieren, müssen wir die Gesetze des Dschungels anwenden."
20 Jahre 9/11 bedeuten auch 20 Jahre Kampf gegen den Terror. Als direkte Folge der Anschläge zieht Amerika mit seinen Verbündeten in einen Krieg gegen den Terrorismus und verliert.

Menschenrechte - ein Opfer des Kriegs gegen den Terror

Genau so geschah es. Nach dem Krieg in Afghanistan folgte der in Irak. Wir jagten und töteten Terrorverdächtige weltweit, oft starben dabei Unbeteiligte. Wir trampelten auf Bürger- und Menschenrechten herum, mit Überwachungsexzessen, Geheimgefängnissen, Folter und gezielten Tötungen.
Ich sage "wir", denn es waren nicht nur die USA, sondern auch die Verbündeten, die wegschauten. Proteste wurden oft unterdrückt, aber ehrlicherweise gab es auch wenige, und das hatte einen Grund: Angst.
"Der Qualm, die weinenden Menschen und vor allem die fallenden Menschen, die aus dem Gebäude sprangen", so Julie von Kessel, ZDF-Journalistin und Augenzeugin, zum 20. Jahrestag des 9/11-Anschlags.
Die Angst war perfide, weil sie unser Wegschauen legitimierte. Auch deshalb sind wir in Afghanistan viel zu lange geblieben, obwohl Militärs, Politiker, Journalisten und die Öffentlichkeit eigentlich wussten oder wissen konnten, was alles schief lief am Hindukusch: von der ausufernden Korruption der Anführer bis zur offensichtlichen Unmöglichkeit, aus diesem Land eine stabile Demokratie zu machen. Es lässt sich alles in offiziellen Berichten des Pentagons und der Bundeswehr nachlesen.

9/11 als Grundlage für Verbreitung von Hass

Nach 9/11 wurden Lügen zur Grundlage für Kriege, politische Kampagnen, für die Dämonisierung von Andersdenkenden, die Verbreitung von Hass gegen jene, die vermeintlich anders sind, weil sie anders aussehen, anders beten, eine andere Sprache sprechen, eine andere ethnische Herkunft haben.
All jene werden schnell zu "Feinden des Volkes" erklärt, zur Bedrohung für das "nationale Wohl". Solche Ideen haben es bis in die Parlamente und in die Regierungsparteien vieler Länder hineingeschafft. In Amerika wurde die republikanische Partei von Anhängern dieser Gesinnung weitgehend übernommen. In Deutschland könnte ähnliches geschehen, wenn Politiker in ihren eigenen Parteien wegsehen und schweigen.
"Dieser Anschlag sollte die USA und deren Verbündete wirtschaftlich, politisch und gesellschaftlich schwächen", so Elmar Theveßen, ZDF-Korrespondent, zum 20. Jahrestag des 9/11-Anschlags in den USA.

Positiv: Bin Laden ausgeschaltet, Anschläge verhindert

Nun mögen Sie sagen, "das alles gab's ja eigentlich immer schon". Ja. Aber in diesem Ausmaß gab es das selten, und wenn, dann führte das zu den düstersten Zeiten in der Menschheitsgeschichte. Wir haben auch manches richtig gemacht, viele Anschläge verhindert, Osama bin Laden ausgeschaltet. Das war gut so.
Aber durch die Art und Weise unseres Vorgehens haben wir das Vertrauen in die Demokratie, den Rechtsstaat und deren Institutionen erschüttert. Und gleichzeitig eine neue Bedrohung erschaffen: Extremistische und terroristische Überzeugungen im Inneren unserer Gesellschaften.

Lügen und Paranoia gefährden die Demokratie

Es gibt eine direkte Verbindung zwischen dem 11. September 2001, als der United-Airlines-Flug 93, der in Pennsylvania zerschellte, eigentlich ins Kapitol in Washington stürzen sollte, und dem 6. Januar 2021, als Aufständische, angestachelt von Donald Trump, das Parlament stürmten.
Die Demokratie selbst ist in Gefahr. "Diese Bedrohung ist sehr, sehr groß. Ich wiederhole: Sehr, sehr groß", sagte mir vor ein paar Tagen der ehemalige NSA- und CIA-Direktor Michael Hayden, und er fuhr fort: "Ich mache mir Sorgen um meine Enkel. Ich dachte, dass Amerika zwar viele, viele Probleme hat, aber dass sich die Dinge auch schrittweise verbessern. Jetzt bin ich mir nicht mehr sicher, zum ersten Mal in meinem Leben. Und das treibt mich um."
Unsere Anfälligkeit für Lügen und Paranoia sollte uns umtreiben. Ihretwegen vernachlässigen wir seit langem den dringenden Kampf gegen Klimawandel, gegen Armut, gegen soziale Ungerechtigkeiten, ja sogar gegen Pandemien. Da stehen wir also nun, geschwächt und gespalten - politisch, wirtschaftlich und gesellschaftlich. 9/11 war eine Falle, und wir waren so dumm, hineinzutappen.

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