Interview

: Arlt: "Euer Kommandeur weint abends auch"

13.10.2021 | 08:30 Uhr
Jens Arlt war verantwortlich für die Evakuierung in Kabul. Im Interview spricht der Brigadegeneral über menschliche Abgründe, das Wort "Held" - und Tränen am Ende des Einsatztages.
Brigadegeneral Jens Arlt hat die Evakuierungsmission der Bundeswehr geleitet. Der Einsatz ist zwar vorbei, die Aufarbeitung des Erlebten aber nicht. Arlt gewährt Einblicke in das Seelenleben der am Einsatz beteiligten Soldatinnen und Soldaten.
Mehr als 5.300 Menschen - so viele Menschen hat die Bundeswehr in der zweiten Augusthälfte aus Afghanistan gerettet, nachdem die Taliban im Eiltempo das Land übernommen hatten. Doch viele Hilfsbedürftige konnten nicht an Bord der rettenden Maschinen geholt werden. Im Interview mit ZDFheute spricht der verantwortliche Bundeswehr-Brigadegeneral Jens Arlt darüber, wie er den Einsatz am Flughafen der Hauptstadt Kabul erlebte - als Kommandeur und als Mensch.
ZDFheute: Wie war die Situation am Flughafen, war klar, wer ausfliegen darf und wer nicht?
Jens Arlt: Das ist ein Wettstreit der Nationen. Jeder versucht, so viele wie möglich in den Flughafen zu bringen. Wir hatten dann an manchen Tagen Tausende da drinnen. Das Problem ist, wenn Sie die nicht ausfliegen können, dann kommen auch keine mehr rein. Das gibt dann draußen Konflikte (…) Und dann müssen Sie kanalisieren.
Wir hatten eine Frau, die hatte einen Ohrabriss. Durch einen Irritationskörper wirklich abgefetzt. Dann haben wir sie versorgt, stellten aber fest, diese Dame ist nicht ausreiseberechtigt. Sie kümmern sich um jemanden, Sie versorgen den, und wissen genau: Das ist nicht der Personenkreis, der rausgeht. Auch das ist eine ganz schwierige moralische Entscheidung. Und dann kann es passieren, dass Familien auseinandergerissen werden.
20 Jahre war die Bundeswehr im Afghanistan-Einsatz. Kriegsveteran Peter Hämmerle verfolgen bis heute bittere Erinnerungen und Traumata. Die aktuelle Lage in Kabul ist für ihn der Beweis: Afghanistan war ein Fehler. Die Mission ist für ihn gescheitert.
Ein Beispiel: Eine Familie bestehend aus vier Personen. Mann, Ehefrau, zwei Kinder. Der Mann hat die Pässe dabei gehabt. Der Mann ist reingekommen, die Familie nicht. Sie können dann nicht denken: Jetzt telefoniere ich wie wild durch die Gegend. Irgendwann ist der Akku leer. Dann haben Sie keinen Kontakt mehr nach außen. Da ist keine Ladesteckdose. All das müssen Sie genau überlegen.
ZDFheute: Was hat Sie an diesem Einsatz am meisten beeindruckt oder berührt?
Arlt: Man sieht in die menschlichen Abgründe. Wenn Sie die Bilder sehen, dass Frauen einfach niedergewalzt werden. Und Kinder. Wirklich in den Stacheldraht reingetreten werden, die dann im S-Draht drinhängen und die sie da wieder rausschneiden. Das ist einfach brutal, das ist unmenschlich.
Sie sehen aber auch die andere Dimension, wenn Sie Familien zusammengeführt haben, die vorher getrennt waren. Die Dankbarkeit in den Augen, die Kinder, die Sie anschauen, wo die ganze Belastung abfällt (…) Da sagen Sie dann auch: Gut, wir haben das Richtige gemacht.
Der Auftrag: Menschen aus Afghanistan nach Deutschland bringen. So haben deutsche Soldatinnen und Soldaten die Evakuierungsmission aus Kabul erlebt.
ZDFheute: Was haben Sie im Flughafen erlebt? Wie sah es dort aus? Wie hat es gerochen?
Arlt: An manchen Tagen waren mehrere tausend Menschen drinnen. Das Abwasser wird nicht entsorgt. Es ist also so, dass Sie da überall auch Exkremente haben. Im wahrsten Sinne des Wortes - das stinkt zum Himmel. Und in dieser Situation leben sie alle und die wird nicht besser. Das sind die Bilder, die Sie mitnehmen. Die Gerüche. Die wandern halt mit.
ZDFheute: Gab es Momente, in denen Sie selbst Probleme hatten, das zu verarbeiten?
Arlt: Ich habe das auch den Männern und Frauen gesagt: Macht Euch keine Illusionen, euer Kommandeur weint abends auch. Wenn Sie Familienvater sind und sehen, wie da mit Kindern umgegangen wird, und mit Frauen - das lässt Sie nicht kalt. Und das ist auch gut so. Es ist wichtig, dass man Mensch bleibt. Bei all der Brutalität und Barbarei, die man da vor Ort sieht.
ZDFheute: Wie war es, als Sie wieder nach Hause kamen?
Arlt: Das war sehr emotional. Die Kinder schliefen. Ich war mit meiner Frau zusammen, wir haben uns lange in den Armen gelegen, ganz wichtig. Wir haben geredet. Und dann versucht, ein Stück Normalität und Routine zu bekommen. Meine Frau hat mir Bilder gezeigt, die die Kinder gemalt haben. Bilder von Leuten die gut sind, und die, die böse sind, und dann ist da Papa - das war emotional. Das war schön.
Die Machtübernahme der Taliban war zuletzt eine große Niederlage für die beteiligten Truppen und die verantwortliche Politik. ZDF-Korrespondentin Shakuntala Banerjee ordnet ein.
ZDFheute: Sie haben selbst in Afghanistan gekämpft, wie bewerten Sie diesen Einsatz heute?
Jens Arlt: Ich habe viele Kampfhandlungen erlebt, in der Hochphase. Militärisch muss man sich sicherlich die Frage stellen und ganz klar umreißen: Was war mit den Sicherheitskräften, die wir aufgebaut haben? Warum sind die so schnell umgekippt? Warum gab es keinen Widerstand? Das ist eine Frage, die ich mir auch stelle. Ich habe vor Ort viele Sicherheitskräfte ausgebildet.
Dieser Evakuierungseinsatz ist nicht zu vergleichen. Und das darf nicht dazu führen, dass er hochstilisiert wird. Man darf die Veteranen und die Kameraden die unter einer posttraumatischen Belastungsstörung leiden, nicht außen vor lassen. Das muss man in Einklang bringen. Wir sind nicht besser, wir haben nur andere Sachen erlebt in der kurzen Zeit. Es muss darüber geredet werden. In allen Facetten.
ZDFheute: Sie haben das Bundesverdienstkreuz bekommen und man hat Sie schon als Held bezeichnet …
Jens Arlt: Allein dieser Begriff Held ist etwas, was ich gar nicht gerne höre. Es gibt keine Helden für mich. Wir haben unseren Auftrag, den haben wir erfüllt. Und das haben wir als Team gelöst.
Das Interview führten Susanne Freitag-Carteron und Vera De Wel vom ZDF-Landesstudio Saarbrücken.

Der Bundeswehr-Einsatz am Kabuler Flughafen