: Taliban nehmen Masar-i-Scharif ein

14.08.2021 | 21:02 Uhr
Unaufhaltsam rücken die Taliban vor: Nun stehen sie kurz vor der Hauptstadt Kabul. Auch der frühere Bundeswehr-Standort Masar-i-Scharif ist gefallen - offenbar kampflos.
Die Taliban kommen der afghanischen Hauptstadt immer näher. Präsident Ashraf Ghani rief in einer Fernsehansprache zum Kampf gegen die Islamisten auf und kündigte an, die Armee erneut zu mobilisieren.
Die Taliban haben auf ihrem Eroberungszug durch Afghanistan den ehemaligen Bundeswehr-Standort Masar-i-Scharif eingenommen. Dies berichteten Einwohner der nordafghanischen Stadt am Samstag der Nachrichtenagentur AFP. Augenzeuge Atiqullah Ghajor, der in der Nähe der berühmten blauen Moschee der Stadt wohnt, berichtet:
Sie paradieren mit ihren Fahrzeugen und Motorrädern und schießen in die Luft, um zu feiern.
Augenzeuge in Masar-i-Scharif
Die afghanische Armee habe sich aus der Stadt zurückgezogen. Anscheinend sei die Stadt kampflos gefallen, sagt auch der Vorsitzende des örtlichen Provinzrats, Afsal Hadid, laut Nachrichtenagentur Reuters.
Masar-i-Scharif ist die Hauptstadt der Provinz Balch und die größte Stadt im Norden Afghanistans. Dort hatte die Bundeswehr zuletzt ihr größtes Feldlager. Präsident Aschraf Ghani hatte noch vor wenigen Tagen die belagerte Stadt besucht.
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Seit dem Beginn des vollständigen Abzugs der Nato-Truppen aus Afghanistan Mitte Mai haben die Taliban weite Teile des Landes unter ihre Kontrolle gebracht. Innerhalb von etwas über einer Woche eroberten sie rund die Hälfte der 34 afghanischen Provinzhauptstädte, darunter auch die zweitgrößte Stadt des Landes, Kandahar.
In zahlreichen Provinzen hatten die afghanischen Regierungstruppen gegenüber den vorrückenden Taliban kaum oder gar keinen Widerstand geleistet. Inzwischen steht die radikalislamische Miliz vor den Toren Kabuls, de facto der letzten Bastion der afghanischen Regierungstruppen. Am Samstag lagerten Taliban-Kämpfer nur noch rund 50 Kilometer entfernt von der Hauptstadt.
[Wie schnell die Taliban vorrücken konnten, lesen Sie in unserer Chronik]
Angesichts der Lage bereiten die USA und andere westliche Staaten wie Deutschland und Großbritannien derzeit unter Hochdruck die Ausreise ihres zivilen Personals aus Kabul vor.
Seit dem Abzug internationaler Truppen aus Afghanistan nehmen die radikal-islamischen Taliban immer mehr Gebiete ein. Und stehen nun vor der Hauptstadt Kabul.
Landesweit gingen die Kämpfe am Samstag in mindestens fünf Provinzen weiter. Die militanten Islamisten konnten zwei kleine Provinzhauptstädte übernehmen: Scharana in der Provinz Paktika mit geschätzt 66.000 Einwohnern sei nach Vermittlung Ältester den Taliban kampflos übergeben worden, bestätigten lokale Behördenvertreter. Wenig später bestätigten mehrere lokale Behördenvertreter, dass Regierungsvertreter und Sicherheitskräfte auch Asadabad, die Hauptstadt der Provinz Kunar im Osten des Landes mit geschätzt 40.000 Einwohnern, verlassen hätten. Man habe so zivile Opfer und Zerstörung verhindern wollen.
Die Taliban ziehen in immer mehr afghanische Städte ein, zerstören Häuser und töten Zivilist*innen. Vielen bleibt da nur die Flucht.
Zuvor waren mit Herat und Kandahar bereits die dritt- und die zweitgrößte Stadt des Landes an die Islamisten gefallen. Mit Pul-i Alam in der Provinz Logar haben die Taliban auch eine Provinzhauptstadt rund 70 Kilometer südlich von Kabul eingenommen.

Präsident wendet sich an Nation und sagt - nichts

Erstmals seit Beginn der Blitzoffensive der Taliban wandte sich Präsident Aschraf Ghani in einer Fernsehansprache an die Nation. Er versprach, die, wie er sagte, Errungenschaften der vergangenen 20 Jahre würden nicht aufgegeben. "Wir haben Konsultationen begonnen, innerhalb der Regierung mit Stammesältesten und politischen Führern, Repräsentanten verschiedener Ebenen der Gemeinschaft ebenso wie mit unseren internationalen Verbündeten", sagte Ghani. "Bald werden die Ergebnisse mit Ihnen geteilt." Ins Detail ging er nicht.
Am Mittwoch war Ghani nach Masar-i-Scharif geflogen und hatte mit den Milizenkommandeuren Raschid Dostum und Mohammed Nur gesprochen, die mehrere tausend Kämpfer befehligen, die die Stadt verteidigen sollen. Sie sind zwar noch mit der Regierung verbündet, aber bei früheren Gefechten in Afghanistan hatten ehemalige Warlords immer wieder die Seiten gewechselt.
Quelle: AFP, AP, Reuters

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