: "Es herrscht blanke Angst in Afghanistan"

von Katrin Eigendorf
02.03.2021 | 11:04 Uhr
Deutschland plant seine Mission in Afghanistan bis Ende des Jahres zu verlängern - doch jetzt drohen die Taliban mit Krieg, wenn nicht alle NATO-Truppen bis Mai abziehen.
Die Sicherheitslage in Afghanistan hat sich verschlechtert - denn die Taliban kontrollieren fast die Hälfte des Landes.Quelle: picture alliance / Photoshot
Deutschland plant seine Mission in Afghanistan bis Ende des Jahres zu verlängern, 1.100 Soldaten sind derzeit im Einsatz. Die radikalislamischen Taliban drohen jetzt mit Krieg, sollten nicht alle NATO-Truppen bis Mai abziehen.
Eine Fahrt über den Highway Number One, die wichtigste Route, die Kabul mit Kandahar im Süden des Landes verbindet, ist lebensgefährlich. Denn immer wieder werden Sprengladungen auf der Straße gezündet, Autos aus dem Hinterhalt beschossen, Fahrer entführt. Armee und Polizei haben die Kontrolle verloren, auch sie sind Ziel von Anschlägen. Die Welle der Gewalt hat dramatisch zugenommen - vor allem gegen Vertreter der Zivilgesellschaft und Sicherheitskräfte.

Blutspur des Terrors in Afghanistan

Dabei sollte 2021 das Jahr des Friedens werden: Vor genau einem Jahr vereinbarte US Präsident Donald Trump mit den Taliban ein Friedensabkommen. Die Aufständischen verpflichteten sich, internationalen Terrorgruppen wie Al Kaida keinen Rückzugsort mehr in Afghanistan zu bieten und Gespräche mit der Regierung in Kabul aufzunehmen. Dafür sicherte Trump einen Abzug der US-Truppen bis Mai 2021 zu.
Doch heute zeigen sich die Schwächen der Vereinbarung: Die USA haben nur heute noch 2.500 Soldaten im Land - doch die Gespräche zwischen den Aufständischen und der Regierung haben bislang keinen Frieden gebracht - ganz im Gegenteil: Seit Oktober zieht sich eine Blutspur des Terrors durch Afghanistan.

Es herrscht blanke Angst im Land

Die von der Regierung geforderte Waffenruhe lehnen die Taliban ab. Doch sie haben ihre Strategie verändert: Internationale Truppen greifen sie nicht an, die Anschläge zielen nun auf afghanische Sicherheitskräfte. Es herrscht blanke Angst im Land und viele stellen sich die drängende Frage: Wie sieht Afghanistans Zukunft aus?
Fast 20 Jahre nachdem die USA und ihre Verbündeten die Taliban entmachtet und vertrieben haben, sind sie zurück und kontrollieren inzwischen mehr als die Hälfte des Landes. 60.000 Kämpfer - so schätzen Militärexperten haben die Aufständischen unter Waffen. Ihre Ziele formulieren sie selbstbewußt. Sie haben eigene Medienberater und Pressesprecher. Auf Anfrage des ZDF willigt eine Gruppe der Taliban in der Provinz Ghazni ein, sie begleiten zu dürfen.
Sie führen Krieg im Namen des Islam. Afghanistans Taliban sind zurück - 20 Jahre nach ihrer Entmachtung durch die USA und ihre Verbündeten. Ein ZDF-Team hat die Kämpfer begleitet.

Die Taliban haben einen Parallelstaat errichtet

Ghazni ist inzwischen zum Symbol für die Schwäche der afghanischen Sicherheitskräfte geworden, denn 2018 stürmten die Taliban die Stadt, die nur rund 150 Kilometer von Kabul entfernt liegt. Trotz Warnungen hatte die Armee nicht rechtzeitig für Verstärkung gesorgt und unterlag zunächst, die Aufständischen belagerten. Die Stadt ist zwar heute wieder unter Kontrolle der Regierung, doch der Rest der Provinz ist Taliban-Gebiet. In Waghaz, einem Distrikt mit rund 200 Dörfern, haben die Aufständischen vor fünf Jahres ein Islamisches Emirat errichtet - eine Parallelstaat mit eigenen Gerichten, Krankenhäusern, Schulen.
Ein Islamisches Emirat streben die Taliban für Afghanistan an - die Regierung in Kabul bezeichnen sie als Marionetten-Regime. Die USA und ihre Verbündeten müssen jetzt eine Entscheidung treffen: Bleiben, oder abziehen. Deutschland will die Mission um 10 Monate verlängern. Die Taliban stellen jetzt ein Ultimatum: Sollten die internationalen Truppe Afghanistan nicht verlassen, drohen sie mit Krieg.
Seit fünf Jahren berät die Bundeswehr das afghanische Militär bei der Soldatenausbildung. Die Mission soll nun noch einmal verlängert werden. Die Sicherheitslage hat sich verschlechtert, die Taliban kontrollieren fast die Hälfte des Landes.

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