: Muss Deutschland für Afghanistan einstehen?

von Katrin Eigendorf, Kabul
21.07.2021 | 16:54 Uhr
Die Taliban wollen mit Gewalt an die Macht. Doch die Zivilgesellschaft ist in den letzten Jahren stärker geworden und setzt sich zur Wehr. Eindrücke aus einem Land am Wendepunkt.
Fast 20 Jahre lang waren ausländische Truppen in Afghanistan. Nach deren vollständigem Abzug zeigt sich nun, wie schnell und entschlossen die Taliban die entstandenen Lücken füllen.
Es ist nicht das erste Mal, dass ich nach Kabul reise, aber nie habe ich die Veränderung dramatischer empfunden. Es vergeht kaum ein Tag ohne Bombenexplosionen, manchmal ist es eine Sprengstoffladung, an einem Auto befestigt, manchmal sind es große Anschläge, wie zuletzt in der Nähe des Präsidentenpalastes.
Dass Schulen, Krankenhäuser und sogar eine Säuglingsstation zu Zielen werden, zeigt: Die Terroristen schrecken vor nichts mehr zurück. Auch wir bewegen uns nur noch mit einem gepanzerten Auto, und unsere Fahrer sind geschulte Sicherheitsleute, die uns auf auch der Straße begleiten.

Kabul ist eine der gefährlichsten Städte der Welt

Das Hotel, in dem wir wohnen, gleicht einem Hochsicherheitstrakt: Panzersperren auf der Straße, hohe Betonmauern mit Nato-Stacheldraht, die Wächter am Eingang haben Kalaschnikows und sind bereit zu schießen, sollte das Haus angegriffen werden. Kabul ist heute eine der gefährlichsten Städte der Welt. Besonders die Menschen, die für ein modernes, weltoffenes Afghanistan eintreten, sind Zielscheiben.
Wo leistete die Bundeswehr was? Wieviele Soldat*innen waren im Einsatz?
Ich treffe mich mit einer Kollegin, Hasiba Atakpal. Sie arbeitet für den privaten Fernsehsender Tolo News, der auch für mich eine wichtige Informationsquelle ist. Die 25-Jährige war gerade mit der afghanischen Armee in Kandahar, wo sie filmen konnte, wie die Soldaten gegen die Taliban kämpfen.
Erstaunlicherweise ist sie zuversichtlich, vertraut darauf, dass Afghanistan diesen Kampf auch ohne internationale Unterstützung gewinnen kann: "Ich habe erlebt, dass es Menschen gibt, die bereit sind für unser Afghanistan zu kämpfen." Auch sie selbst gehört dazu. Sie will bleiben, auch wenn sich die Lage verschlimmert.

Viele sagen: "Afghanistan muss erwachsen werden"

Fühlen sich die Afghanen im Stich gelassen, von den USA, auch von Deutschland? Ich bin erstaunt, aber viele Menschen sehen in der Situation auch eine Chance.
Afghanistan ist wie ein Kind, das jetzt erwachsen werden muss.
Farkhunda Zahra Naderi, Politikerin
"20 Jahre lang hat der Westen uns an die Hand genommen, jetzt ist Zeit, dass wir selbst die Zukunft unseres Landes gestalten", sagt die Politikerin Farkhunda Zahra Naderi.
Als Mitglied des Teams, das Verhandlungen mit den Taliban führt, tritt sie dafür ein, aus den Fehlern der Vergangenheit zu lernen und den Weg für Versöhnung frei zu machen. Ganz anders sieht das Zarifa Ghafari, die 29-jährige Politikerin, die wir schon mehrfach interviewt haben, weil sie als Bürgermeisterin der afghanischen Stadt Maidan Shar die Taliban bekämpft.
Bei unserem Treffen erklärt sie mir, wie sehr sie sich über die USA ärgere. "Dass sie abziehen, ok. Aber dass sie uns vorschreiben wollen, welche Regierung wir haben, das ist nicht ok."
Afghanistan droht immer weiter ins Chaos zu stürzen: Die afghanische Armee kann nach dem Abzug westlicher Unterstützer dem Vordringen der Taliban kaum Stand halten.

Rechtzeitig raus aus Kandahar

Nirgendwo wird mir die Veränderung deutlicher als in Masar-i-Scharif. Die Stadt, die unter Kontrolle der Bundeswehr einmal zu den sichersten im Land zählte, ist inzwischen Kriegsgebiet und auch wir können uns nur noch sehr eingeschränkt bewegen.
Als wir zum Einkaufen in einem Lebensmittelladen stehen, kursiert plötzlich in den sozialen Medien das Foto eines Taliban-Kämpfers, der in Siegerpose vor dem Eingang zur Stadt steht. "Das ist nur fünf Kilometer von hier"; erklärt mir mein afghanischer Kollege Nesar Fayzi. Wir beschließen, am nächsten Tag abzufliegen – gerade noch rechtzeitig genug, einen Tag später werden alle Flüge kurzfristig gecancelt.

Sendehinweis

Quelle: ZDF
Sehen Sie die auslandsjournal-Doku "Die Rückkehr der Taliban" heute Abend um 22:15 Uhr im ZDF.

Afghanistan bleibt Deutschland verbunden

Zum Glück hatte ich noch Gelegenheit, mit dem deutschen Entwicklungshelfer Dirk Drewes, der für die Entwicklungshilfebank KFW seit 2011 im Norden unterwegs ist, in die Bergdörfer des Hindukush zu reisen. Dörfer, die noch bis vor wenigen Jahren von der Welt abgeschnitten waren. Mit deutschen Steuergeldern wurden Stromleitungen gebaut – jetzt haben die Einwohner zum ersten Mal Elektrizität.
Auch wenn die Bundeswehr abgezogen ist: Deutschlands Verbindung mit diesem Land, in das wir so viel investiert haben, endet damit nicht. Es gibt so viele auch private Initiativen, die Schulen und Krankenhäuser bauen. Menschen, die sich im Land auch weiterhin engagieren wollen. Ich bin nach dieser Reise überzeugt: Deutschland trägt nach 20 Jahren Verantwortung.

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