: Leopard und Co. bringen Vorteile an der Front

von Christian Mölling, András Rácz
26.01.2023 | 05:00 Uhr
Die Ukraine erhält westliche Kampfpanzer. Das kann ein entscheidender Vorteil sein an der Front. Denn Leopard, Abrams und Co. sind mit Ex-Sowjet-Panzern nicht zu vergleichen.
Ein Leopard-Panzer bringt deutliche Vorteile.Quelle: dpa
Bei der Bewertung der kürzlich angekündigten Lieferung von Leopard-2-Panzern an die Ukraine muss man den tatsächlichen Bedarf der Ukraine an Panzern im Auge behalten. Seit der Eskalation im Februar 2022 hat die Ukraine nachweislich mindestens 449 Panzer ihres Vorkriegsbestands von etwa 990 Panzern verloren (basierend auf The Military Balance 2021).

Kritischer Mangel an Panzern

In Wirklichkeit sind die Panzerverluste wahrscheinlich viel höher. Selbst wenn man die erbeutete russische Ausrüstung hinzurechnet, die in Dienst gestellt wird, hat die Ukraine immer noch einen kritischen Mangel an Panzern.

Deutschland liefert Leopard-Panzer: Sehen Sie hier die Rede von Kanzler Olaf Scholz (SPD) im Bundestag.

25.01.2023 | 09:56 min
Ukrainische Beamte erklärten, dass sie mindestens 300 moderne Kampfpanzer bräuchten, um alle besetzten Gebiete zurückzuerobern. Diese hohe Zahl ist wahrscheinlich mit etwas Vorsicht zu genießen.
Berücksichtigt man jedoch die riesigen Gebiete, die die Ukraine befreien muss, und die umfangreichen russischen Befestigungen, die vor allem in der besetzten Region Saporischschja errichtet wurden, liegt die Zahl der von Kiew mindestens benötigten modernen Panzer bei etwa hundert.

Was kann wann geliefert werden?

Die eigentliche Frage ist also, wie viele Panzer die so genannte "Panzerkoalition" - das heißt, die Zusammenarbeit derjenigen Staaten, die bereit sind, Kiew mit Panzern auszurüsten - liefern kann, und in welchem Zeitrahmen.
Was die Zahlen angeht, so wird seit dem 25. Januar über insgesamt 80 Leopard-2-Panzer diskutiert, was für etwa zwei Bataillone ausreicht. Zusammen mit den 14 Challenger-2-Panzern (ausreichend für eine Panzerkompanie), die das Vereinigte Königreich angeboten hat, kommt die Ukraine damit bereits der erforderlichen Mindestzahl an Kampfpanzern nahe.
Quelle: ZDF

Vorbereitung auf große Frühjahrsschlachten

Die USA haben 31 Abrams-Panzer zugesagt, die ein drittes Bataillon bilden würden. Die von Frankreich angebotenen AMX-10RC-Radpanzer (die trotz ihrer dünnen Panzerung und ihres Fahrgestells auf Rädern manchmal auch als leichte Panzer bezeichnet werden) sind zwar nicht mit echten Panzern vergleichbar, können aber dank ihrer hohen Mobilität und ihrer relativ starken Kanone das Arsenal der Ukraine sinnvoll ergänzen.

Dr. Christian Mölling ...

Quelle: DGAP
... ist Forschungsdirektor der Deutschen Gesellschaft für Auswärtige Politik (DGAP) in Berlin und leitet dort das Programm Sicherheit, Verteidigung und Rüstung. Er forscht und publiziert seit über 20 Jahren zu den Themenkomplexen Sicherheit und Verteidigung, Rüstung und Technologie, Stabilisierung und Krisenmanagement. Für ZDFheute analysiert er regelmäßig die militärischen Entwicklungen im Ukraine-Konflikt.

Dr. András Rácz ...

Quelle: DGAP
... ist Associate Fellow im Programm Sicherheit und Verteidigung der Deutschen Gesellschaft für Auswärtige Politik (DGAP) in Berlin. Er forscht und publiziert zu Streitkräften in Osteuropa und Russland und hybrider Kriegsführung.
Was den Zeitplan betrifft, so ist es derzeit realistisch, dass viele Leopard-Panzer bereits Ende März oder Anfang April geliefert werden können, also vermutlich mehr oder weniger rechtzeitig, um der wahrscheinlichen russischen Frühjahrsoffensive zu begegnen. Noch nicht bekannt ist, wie schnell die britischen Challenger und amerikanischen Abrams-Panzer eintreffen können, das heißt, ob sie früh genug geliefert werden können, um an den bevorstehenden Frühjahrsschlachten teilzunehmen.

Westliche Panzer machen den Qualitätsunterschied

Der Erhalt von Panzern aus westlicher Produktion ist für die Ukraine viel wichtiger als der Erhalt weiterer Chargen unterschiedlich modernisierter ehemaliger sowjetischer T-72. Der Grund dafür ist der Qualitätsunterschied.
Sowjetische - und auch russische - Panzerkonstruktionen bevorzugten Feuerkraft, Manövrierfähigkeit und relativ geringe Größe als Mittel zum Überleben auf dem Schlachtfeld. Daher sind diese Panzer kleiner und viel leichter als ihre westlichen Gegenstücke (und sie waren auch viel billiger zu produzieren, was für die Sowjets ebenfalls von Bedeutung war). Als Nachteil haben sie einen viel schwächeren Panzerschutz.

Munition als Schwachstelle

Außerdem haben sie eine weitere inhärente Schwachstelle: die Art und Weise, wie die Munition in ihnen gelagert wird. Um ihre Größe zu verringern, arbeiten die sowjetischen T-72, T-80, T-90 und ihre späteren Varianten nur mit einer dreiköpfigen Besatzung, wobei der Lader (das vierte Besatzungsmitglied in den meisten westlichen Panzern) durch ein Selbstladesystem ersetzt wird.
All diese Panzer wurden jedoch noch vor dem Aufkommen der Panzerabwehrmunition entwickelt, die die Panzer von oben angreift (wie die Javelin- und NLAW-Raketen und so weiter). Da es diese Bedrohung in den 1970er und 80er Jahren noch nicht gab, lagern sowjetische Panzer ihre Munition im Mannschaftsraum, nicht getrennt von der Besatzung, denn nur so kann das automatische Ladesystem funktionieren. Dieser Fehler macht alle diese Panzer - und ihre Besatzung - äußerst anfällig für durchschlagende Treffer, was oft zu einer sofortigen, katastrophalen Explosion führt.

Bessere Panzerung und Sensorik

Kurz gesagt, die westlichen Panzer, die von der "Panzerkoalition" angeboten werden, sind viel besser geschützt (ein Leopard 2 ist etwa 20 Tonnen schwerer als ein T-72) und haben daher eine viel bessere Überlebensfähigkeit auf dem modernen Schlachtfeld.
Ihre Sensoren und Kommunikationssysteme sind ebenfalls viel fortschrittlicher und ihre Waffen sind stärker. Alles in allem stellen sie eine grundlegend andere Qualität dar als die ex-sowjetischen Panzer, mit denen die Ukraine bisher ausgestattet wurde.
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