Islamistischer Anschlag mit viel Symbolik

von Julia Klaus
03.11.2020 | 11:04 Uhr
Es war ein Angriff im Ausgehviertel, am letzten Tag vor dem Corona-Lockdown. In dem Terror von Wien steckt viel Symbolik, er traf die Stadt ins Herz. Eine Analyse.
Quelle: APSchwerbewaffnete Polizisten kontrollieren in der Wiener Innenstadt eine Person.
In Wien herrscht noch immer Ausnahmezustand - bei einem Terroranschlag gestern Abend sind vier Zivilisten getötet und 14 verletzt worden. Ein mutmaßlicher 20-jähriger Täter, laut Innenminister ein IS-Anhänger, wurde von der Polizei erschossen. Die genaue Anzahl der Angreifer ist noch unklar, die Situation weiter unübersichtlich. Was bereits deutlich wird: Der Anschlag weist Parallelen zu vergangenen islamistischen Attentaten auf - es geht um die große Symbolik, wie in einer blutigen Inszenierung.
Insgesamt soll es sechs Tatorte in der Stadt gegeben haben, davon viele im sogenannten "Bermudadreieck", einem Ausgehviertel mit Bars und Restaurants. Das erinnert an die islamistischen Terroranschläge vor fast genau fünf Jahren in Paris, bei denen Menschen in der Bataclan-Konzerthalle und in umliegenden Restaurants, Bars und Cafés getötet wurden. Auch damals gab es mehrere Tatorte in der Stadt.
"Mehrere Tatorte zu wählen, schürt besonders viel Chaos und sorgt für Verunsicherung bei den Menschen", analysiert die Terrorismusexpertin Julia Ebner, die selbst aus Wien stammt. Solche Nachahmer-Taten nennt man auch Copycat-Terrorismus.

Unmittelbar vor Corona-Lockdown

Ebner betont den symbolischen Charakter der Tatorte und des Zeitpunkts - denn ab heute tritt in Wien ein Corona-Lockdown in Kraft:
Die Tatorte liegen im Herzen Wiens, sie sind ein Angriff auf das soziale Leben - am letzten Tag vor dem Lockdown.
Julia Ebner, Terrorismus-Expertin am Institute for Strategic Dialogue in London
In dschihadistischen Gruppen, etwa im Messenger Telegram, sei bereits seit Längerem zu Attentaten während der Pandemie aufgerufen worden, hat Ebner beobachtet. "Man will die Lage der Länder ausnutzen: Die Menschen stehen bereits wegen Corona unter Stress, dort will man noch mehr Chaos säen", so Ebner.

Julia Ebner...

...ist Politikwissenschaftlerin und forscht am Institut für strategischen Dialog in London zu Online-Radikalisierung. Sie beobachtet extremistische Communities auf verschiedenen Plattformen, darunter die Identitäre Bewegung, Neonazis oder islamistische Gruppen.

Kein Livestream der Tat - aber Augenzeugen-Videos auf Twitter

Anders als bei rechtsextremistischen Anschlägen, wie etwa jenem in Halle, bei dem ein Terrorist eine Synagoge stürmen wollte, ist von der Tat in Wien bislang kein Livestream eines mutmaßlichen Täters bekannt.
Die Livestream-Taktik ist bislang eher von rechtsextremistischen Taten bekannt, obwohl dschihadistische Gruppen das auch immer wieder diskutiert haben.
Julia Ebner, Terrorismus-Expertin ISD
Dennoch gab es in den sozialen Medien früh Videos der Taten - in einem liegt etwa ein Mann auf dem Boden in einer Blutlache. Augenzeugen luden zahlreiche Videos auf Twitter und in anderen sozialen Medien hoch. "Man spielt damit den Terroristen in die Hände" kritisiert Ebner. "Man gibt ihren Gewaltakten eine Plattform." Die Polizei hatte dazu aufgerufen, Videos und Fotos nicht zu veröffentlichen, sondern sie ihr auf einer Plattform mitzuteilen.
Boulevardmedien griffen wiederum einige brutale Szenen auf - laut der Wiener Tageszeitung "Standard" gingen wegen Schuss-Videos von den Anschlägen bereits rund 300 Beschwerden beim Presserat ein.

Islamistischer Terror in Frankreich und Paris

Erst vergangene Woche war bei einem mutmaßlich islamistischen Terroranschlag in einer Kathedrale in Nizza eine Frau enthauptet worden, insgesamt starben drei Menschen.
Kurz zuvor war der französische Lehrer Samuel Paty enthauptet worden - mutmaßlich, weil er im Unterricht Mohamed-Karikaturen gezeigt hatte. Daraufhin war ein Streit zwischen dem französischen Präsidenten Macron und seinem türkischen Amtskollegen Erdogan entbrannt. Macron hatte das Attentat als Angriff auf die Meinungsfreiheit gewertet und dem gewaltbereiten Islamismus den Kampf angesagt. Erdogan hatte ihm wiederum Hetze gegen Muslime vorgeworfen.
Ob und wie das Attentat in Wien mit den Vorfällen in Frankreich zusammenhängt, ist noch unklar.
Extremismusexpertin Ebner betont, dass dieser Terroranschlag für Österreich eine völlig neue Situation ist: "Solch einen Anschlag hat es in Österreich noch nicht gegeben." Zwar gebe es in Wien islamistische Netzwerke, vor denen auch gewarnt wurde. "Die Sicherheitsbehörden haben seit Jahren damit in der Theorie gerechnet - in der Praxis aber nicht."

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