Armenien, Aserbaidschan und der Bilder-Krieg

von Nils Metzger
16.10.2020 | 15:16 Uhr
Der Krieg zwischen Armenien und Aserbaidschan wird auch online geführt. Beide Seiten fluten die sozialen Medien mit Propaganda. Das sind ihre Strategien im Informationskampf.
Im Konflikt um Bergkarabach sind bei einem Angriff auf die aserbaidschanische Stadt Ganja mindestens 13 Menschen getötet worden. Laut Behörden wurden mehr als 50 verletzt.
Krieg medial zu inszenieren, ist schon lange keine Hollywood-Spezialität mehr. Die Konfliktparteien am Kaukasus, Armenien und Aserbaidschan, verstehen es, das aktuelle Kriegsgeschehen um die Region Bergkarabach in den sozialen Medien auszuschlachten.
Die Motive sind altbekannt: vorrückende eigene Truppen, leidende Zivilisten, die moralische Verkommenheit der Gegenseite. Im Stundentakt veröffentlichen offizielle Regierungskanäle und gut vernetzte Aktivistenseiten Videos, Infografiken oder verweisen auf aktuelle Presseberichte.

Mit Videos die Weltöffentlichkeit beeinflussen

Beiden Seiten ist bewusst: Dieser Konflikt verläuft fernab der Weltöffentlichkeit und seine Darstellung in den sozialen Medien ist zentral, um den Kampfeswillen der Bevölkerung hochzuhalten und internationale Unterstützung zu mobilisieren.
Armenien möchte mit internationalem Druck die aserbaidschanische Offensive stoppen und Aserbaidschan möchte seinen völkerrechtlichen Anspruch auf das seit den 1990er-Jahren von Armenien besetzte Gebiet unterstreichen.

Propaganda an jeder Straßenecke

"Ich kann keine zehn Minuten in Yerevan (Armeniens Hauptstadt, Anm. d. Red.) laufen, ohne aus irgendeinem Handy den markanten Adler-Schrei zu hören, mit dem die Videos des armenischen Verteidigungsministeriums anfangen", erzählt der kanadische Journalist Neil Hauer, der gerade von vor Ort berichtet, ZDFheute.
Robert Lee, Militärexperte und Doktorand am King's College in London, hat Ähnliches auch in Aserbaidschan beobachtet:
Man ging so weit, dass man Aufnahmen seiner Luftschläge auf Videowänden in der Hauptstadt Baku abgespielt hat.
Robert Lee, King's College London
Grundsätzlich würden sich die Strategien der beiden Parteien nicht großartig unterscheiden, sagt Lee gegenüber ZDFheute. "Anfänglich war Aserbaidschan langsam, Social Media zu einem zentralen Bestandteil ihrer Militärkampagne zu machen, während Armenien von Anfang an aktiv war." Inzwischen nutzten aber Offizielle beider Seiten Plattformen von Facebook bis Twitter. "So können sie die weltweite Wahrnehmung des Konfliktes beeinflussen", sagt Lee.

Kampfdrohnen liefern die besten Bilder

Dabei habe Aserbaidschan einen technologischen Vorteil: "Viele ihrer Angriffe erfolgen mit Kampfdrohnen und die haben bessere Kameras als die armenische Seite", betont Lee. Auf vielen der armenischen Videos könne man nicht klar erkennen, ob ein gegnerisches Fahrzeug oder eine Stellung nun getroffen wurde oder nicht. Schlechtes Bildmaterial, um daraus ein effektives Propagandavideo zu erstellen.
"Beide Seiten versuchen, Kriegsverbrechen und Verluste der Gegenseite zu belegen und arbeiten dabei auch mit überhöhten Zahlen", sagt Lee, der auf Twitter Hunderte Videos des Konflikts sammelt, archiviert und verifiziert.
Beide Seiten haben schon gelogen. Es ist oft nicht leicht, unmittelbar festzustellen, welche Seite die Wahrheit sagt.
Robert Lee, King's College London
Gemeinsam mit anderen Experten versucht er diese Lücken zu füllen, militärische Ausrüstung und Orte in den Videos zu identifizieren.
Im Ende September wieder aufgeflammten Konflikt um die Kaukasus-Region Bergkarabach werfen sich Armenien und Aserbaidschan gegenseitig Verstöße gegen die Waffenruhe vor.

Aktivisten aus der Diaspora spielen zentrale Rolle

Für Aserbaidschan sei es besonders wichtig, dass die Botschaften der Videos bei der eigenen Bevölkerung ankommen, weil sie in den letzten Wochen weniger Territorium erobert hätten als geplant, so Lee. "Indem ihre Videos die Zerstörung von armenischem Equipment zeigen, demonstrieren sie, dass sie weiter aktiv sind."
Ein großer Vorteil Armeniens sei seine große Gemeinde, betont Journalist Hauer. "Armeniens Kampagne baut massiv auf den Aktivismus der Diaspora, vor allem in den USA, Kanada, Frankreich und Deutschland." Allein in Los Angeles demonstrierten am Sonntag rund 35.000 Unterstützer Armeniens vor dem türkischen Konsulat.
Online organisiert sich ihr Aktivismus um Hashtags wie #AzerbaijaniAggression oder #ArmeniaStrong. Bei der Gegenseite sind #StopArmenianAggression oder #KarabakhIsAzerbaijan beliebt.

Friedensaktivisten gelten als Verräter

Die Verluste auf beiden Seiten seien hoch, aber noch denke niemand daran, den Kampf aufzugeben, sagt Hauer. "Der Eifer der Bevölkerung in Aserbaidschan ist noch immer sehr groß und die Aktivisten, die Frieden auch nur in Erwägung ziehen, werden bedroht und als Verräter gebrandmarkt." Er gehe nicht davon aus, das eine der beiden Seiten ihre Propaganda-Botschaften demnächst ändern wird.

Mehr zum Bergkarabach-Krieg