: Mangel an Brennstäben: "Blödsinn" oder nicht?

von Michael Wiedemann
22.06.2022 | 18:29 Uhr
Russland drosselt die Gaslieferungen. Politiker der Opposition - und nun auch der FDP - erwägen einen Weiterbetrieb deutscher Atomkraftwerke. Wären dafür neue Brennstäbe verfügbar?
Derzeit sind in Deutschland noch drei Atomkraftwerke in Betrieb.Quelle: mev
Die Debatte um eine verlängerte Nutzung der Atomenergie dreht sich auch um die Frage, ob es genügend Brennstäbe dafür gäbe. Bundeskanzler Olaf Scholz (SPD) sagte, dass die vorhandenen Elemente bis Ende 2022 reichten. CSU-Chef Markus Söder wirft Scholz die Verbreitung falscher Argumente vor. Es sei "fachlicher Blödsinn" zu sagen, es seien keine Brennstäbe zu bekommen.

AKWs laufen bis Ende des Jahres

Aber stimmt das? Wären neue Brennstäbe verfügbar? Drei Kernkraftwerke produzieren augenblicklich noch Strom für Deutschland.
  • Das RWE-Kraftwerk Emsland in Lingen
  • Der ENBW-Meiler in Neckarwestheim
  • Isar2 von Preussen-Elektra im bayerischen Essenbach
Sie werden laut Gesetz nur noch bis Ende dieses Jahres laufen. Und bis dahin werden auch die dort vorhandenen Brennelemente erschöpft sein. Sollten die Kraftwerke auch im Jahr 2023 weiter Strom produzieren, bräuchten sie also neue Brennelemente. Woher könnten diese kommen? Und wie schnell wären sie verfügbar?

CSU-Chef Markus Söder kritisiert Wirtschaftsminister Habeck. Dessen Aussage, Brennelemente könnten nicht auf die Schnelle besorgt werden, sei "fachlicher Blödsinn".

20.06.2022 | 00:14 min

Branchenverband: Brennstab-Bestellung dauert mindestens 12 Monate

Eine Recherche von ZDFheute bei den Betreibern der drei infrage kommenden Kraftwerke ergibt schnell: Wirklich Auskunft möchte man dazu nicht geben. Die Standardantwort lautet, die Debatte sei zu Ende. Zu bisherigen Geschäftsbeziehungen mit Herstellern von Brennelementen möchte man nichts sagen.
Auch eine Nachfrage bei der deutschen Brennelementefertigungsanlage Lingen, die zur französischen Framatome gehört, führt nicht wirklich weiter. Man sei traditionell sehr zurückhaltend gegenüber der Presse und rede sowieso nicht über Kunden.
Im Übrigen verweise man auf die Aussagen des Branchenverbandes Kerntechnik (KernD) zu diesem Thema. Dieser hatte zur Aussage von Bundeskanzler Scholz, dass das Beschaffen neuer Brennstäbe zwölf bis 18 Monate dauere, auf Anfrage präzisiert:
Bei entsprechender Priorisierung (ist) eine Neubelieferung innerhalb von 12 Monaten ab Bestellung möglich (…), aber nicht schneller.
Mitteilung Branchenverband Kerntechnik (KernD)

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Ein unterbrechungsfreier Betrieb, wie er etwa bei entsprechender Entscheidung bis Mai noch möglich gewesen wäre, ist im kommenden Jahr also nicht mehr gegeben.

Preiswerte russische Uran-Anreicherung

Übrigens werden Brennelemente auch vom russischen Staatsunternehmen Rosatom hergestellt. Eine echte Abhängigkeit von Russland in dieser Frage, wie gelegentlich behauptet wird, besteht aber für deutsche Kernkraftwerksbetreiber nicht. Vielmehr beziehen diese ihre Brennelemente wohl hauptsächlich von der französischen Framatome und der amerikanisch-schwedischen Westinghouse-Gruppe.
Dass Russland eine Rolle spielt bei einem wichtigen Zwischenschritt der Brennelementeherstellung, nämlich der Anreicherung des verwendeten Urans, ist bekannt. Das ist wesentlich dem günstigen russischen Preis dafür geschuldet.
2020 konnte die Rosatom-Tochter TWEL rund vierzig Prozent der weltweiten Nachfrage bedienen. Aber es gibt auch andere, westliche Firmen, wie Urenco oder Areva, die zusammen auf ähnliche Kapazitäten kommen.

Streit um längere Laufzeiten für deutsche Atomkraftwerke. Robert Habeck schließt das aus. Brennelemente bräuchten 1,5 Jahre in der Produktion. Markus Söder nennt das "Blödsinn".

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Russisches Natur-Uran könnte leicht ersetzt werden

Ähnlich sieht es beim Natur-Uran, dem Ausgangsprodukt für Brennelemente, aus. Obwohl Russland nur rund sechs Prozent des globalen Natur-Urans produziert, lieferte es bislang gut zwanzig Prozent des Bedarfs der EU. Große Uranvorkommen, etwa in Kanada oder Australien, könnten das russische Uran aber leicht ersetzen.
Insgesamt zeigt unsere Recherche: An der Versorgung mit neuen Brennelementen würde der Weiterbetrieb der drei noch aktiven deutschen Kernkraftwerke kaum scheitern. Vielmehr scheinen hohe bürokratische und genehmigungsrechtliche Hürden echte Probleme zu verursachen. Zudem müsste man ausreichend Fachkräfte für eine Verlängerung der Laufzeiten zur Verfügung zu haben.
Mit dem entsprechenden politischen Willen der Regierung, so die überwiegende Einschätzung aus der Branche, wären diese Hindernisse aber überwindbar. Mittlerweile jedoch wäre ein lückenloser Weiterbetrieb nach dem 31. Dezember 2022 nicht mehr möglich.
    

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