: Aktivist verletzt sich vor Gericht selbst

01.06.2021 | 21:09 Uhr
Ein belarussischer Aktivist hat sich bei seinem Prozess in Minsk selbst schwer verletzt. Zuvor sollen Behörden seiner Familie gedroht haben. Er wurde in ein Koma versetzt.
Der schwer verletzte Aktivist Stepan Latypow wurde am Dienstag in ein Krankenhaus gebracht.Quelle: Reuters
Der belarussische Oppositionelle Stepan Latypow hat sich am Dienstag während seines Prozesses in der Hauptstadt Minsk versucht, das Leben zu nehmen. Latypow habe sich nach der Befragung seines Vaters mit einem Stift in die Kehle gestochen, bis er das Bewusstsein verlor, berichtete die belarussische Menschenrechtsorganisation Wiasna am Dienstag.
Im Internet gepostete Videos zeigten, wie Latypow daraufhin am Dienstag aus dem Gebäude getragen und in einen Krankenwagen gelegt wurde. In einer Klinik sei er später in ein künstliches Koma versetzt worden, teilte das Menschenrechtszentrum Wiasna mit. Latypows Anwältin Olga Batjuk äußerte sich zunächst nicht zu dessen Zustand.
Tweet von ZDF-Korrespondentin Phoebe Gaa

Beamte sollen Drohungen ausgesprochen haben

Der Vorfall trug sich am Dienstag zu. Ehe er sich verletzte, sagte der Aktivist seinem Vater während der Anhörung, dass Ermittler ihm mit der Einleitung eines Strafverfahrens gegen seine Verwandten und Verbündeten gedroht hätten, sollte er seine Schuld nicht einräumen. Der Angeklagte erschien laut Wiasna mit Blessuren vor Gericht.
Latypow wird vorgeworfen, mit Aktionen unter anderem die öffentliche Ordnung gestört und sich der Polizei widersetzt zu haben. Ihm drohen bei einer Verurteilung bis zu zehn Jahre Haft. Im Gefängnis sitzt Latypow seit September.
Der im polnischen Exil lebende Oppositionspolitiker und ehemalige Präsidentschaftskandidat Andrej Sannikow sprach auf Twitter von einer "Verzweiflungstat" des 41-Jährigen. Latypow sei "lange geschlagen und gefoltert" worden, erklärte er und fügte hinzu: "Ein weiterer Beweis für den mörderischen Charakter von Lukaschenkos Regime".
Nach der Festnahme eines Bloggers in Belarus haben EU und USA Sanktionen beschlossen. Die im Exil lebende Oppositionsführerin Tichanowskaja begrüßt das im ZDF heute journal.

Weitere Sanktionen nach Ryanair-Zwangslandung

Latypow wurde während der Massenproteste gegen Langzeitpräsident Alexander Lukaschenko festgenommen, die sich an dessen umstrittener Wiederwahl entzündet hatten. Die Opposition in Belarus wie auch die Europäische Union kritisierten die Wahlen als manipuliert. Demonstrationen schlugen die Behörden brutal nieder, mehr als 35.000 Teilnehmer wurden festgenommen und Tausende verletzt.
Die USA und die EU verhängten gegen Lukaschenko und andere belarussische Funktionäre Sanktionen wegen Wahlbetrugs und der Niederschlagung der Proteste. Zuletzt gab es neue Strafmaßnahmen, nachdem ein Ryanair-Flugzeug mit 171 Menschen an Bord auf dem Weg von Griechenland nach Litauen mithilfe eines Kampfjets von belarussischen Behörden zur Landung in Minsk gezwungen wurde. An Bord war der Regierungskritiker und Blogger Roman Protassewitsch. Er wurde umgehend nach der Landung verhaftet.
Quelle: AP, AFP

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