Die Hintergründe des Bergkarabach-Konfliktes

29.09.2020 | 17:44 Uhr
Seit Jahrzehnten schwelt der Konflikt um Bergkarabach im Kaukasus. Jetzt könnte es erneut zum offenen Krieg kommen. Warum gekämpft wird und wer den Konflikt anheizt.
Im Konflikt um Bergkarabach gibt es die schwersten Kämpfe seit Jahren. Armenien und Aserbaidschan wissen mächtige Verbündete hinter sich. Die Türkei, Schutzmacht Aserbaidschans, soll heute sogar selbst in die Kämpfe eingegriffen haben.
Seit Sonntag kommt es in der zwischen Armenien und Aserbaidschan umstrittenen Kaukasusregion Bergkarabach zu heftigen Kämpfen zwischen Soldaten und Miliziönären beider Staaten. Völkerrechtlich gehören Bergkarabach und die umliegenden Provinzen zu Aserbaidschan, werden seit dem Krieg bis 1994 jedoch von Armenien besetzt. Die von Armenien in diesem Gebiet gestützte Republik Arzach ist international nicht anerkannt. Gegenwärtig befinden sich aserbaidschanische Truppen mit türkischer Unterstützung auf dem Vormarsch.
ZDFheute: Es gab immer wieder Gewalt zwischen Armenien und Aserbaidschan. Was ist diesmal anders?
Dr. Uwe Halbach: Im April 2016 starben bei militärischen Auseinandersetzungen mehr als 200 Menschen. Zuletzt gab es im Juli Zusammenstöße mit 17 Toten an einem Grenzabschnitt. Verglichen damit hat sich die Situation jetzt nochmals deutlich zugespitzt und wir erleben gerade die wohl ernsteste Konfrontation seit dem Waffenstillstand von 1994. Das könnte sich zu einem zweiten Karabachkrieg ausweiten, was den gesamten Kaukasus erschüttern würde.

Dr. Uwe Halbach ...

Uwe Halbach, wissenschaftlicher Mitarbeiter der Stiftung Wissenschaft und PolitikQuelle: privat
... ist wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Stiftung Wissenschaft und Politik in der Forschungsgruppe Osteuropa/Eurasien. Sein Forschungsschwerpunkt liegt auf dem Südkaukasus und dem zu Russland gehörenden Nordkaukasus.
ZDFheute: Beide Seiten beschuldigen sich, für die Gefechte verantwortlich zu sein. Wer ist glaubwürdiger?
Halbach: Wir haben im Moment Schlachtenlärm auf allen Seiten. Die Verteidigungsministerien machen Aussagen, die alle überprüfungsbedürftig sind. Das Problem ist, dass es kein verlässliches Monitoring an dieser 250 Kilometer langen Waffenstillstandslinie um Bergkarabach gibt.
Von armenischer Seite gibt es den Vorwurf, dass die Türkei syrische Kämpfer nach Aserbaidschan schleust. Der armenische Botschafter in Moskau sprach von 4.000 Kämpfern. Die Überprüfung solcher Aussagen durch neutrale Beobachter ist kaum möglich.
ZDFheute: Welche Ziele verfolgen die Konfliktparteien?
Halbach: Armenien ist vor allem an der Aufrechterhaltung des Status Quo interessiert. Es möchte sein Militärprotektorat Bergkarabach beschützen. Das ist heute nach Flucht und Vertreibung der aserbaidschanischen Minderheit zu fast 100 Prozent von Armeniern besiedelt.
Das Ziel Aserbaidschans ist die Rückgewinnung der sogenannten besetzten Gebiete. Dabei wird kein Unterschied mehr gemacht zwischen Bergkarabach und den sieben umliegenden Provinzen, die von armenischen Truppen kontrolliert werden. Und in dieser Zielsetzung wird es deutlich unterstützt von der Türkei.
Die Region Bergkarabach und die umliegenden Provinzen sind umstritten zwischen Armenien und Aserbaidschan.Quelle: ZDF
ZDFheute: Hat der Konflikt auch eine religiöse Dimension – Christen gegen Muslime?
Halbach: Ich würde die religiöse Dimension nicht überschätzen. Das ist ein ethno-territorialer Konflikt, wie er sich im Kaukasus ähnlich auch in Südossetien oder Abchasien ab Ende der Sowjetzeit entwickelt hat. Für die Armenier sind die Gegner vor allem Türken und nicht Muslime. Für die Aserbaidschaner sind die Gegner in erster Linie Armenier und nicht Christen. Der Akzent liegt auf der ethnischen, weniger auf der religiösen Zuordnung.
ZDFheute: Welche Rolle spielen externe Akteure wie Russland oder die Türkei?
Halbach: In den vergangenen Jahren gab es auf beiden Seiten eine erhebliche Militarisierung. Aserbaidschan hat enorm aufgerüstet und wurde vor allem von Russland und von Israel mit Waffen beliefert. Umgekehrt steht Armenien in einer strategischen Partnerschaft mit Russland und hat von dort Waffen erhalten. Bereits Ende August wurde in Armenien ein Gesetz zur Gründung einer nationalen Miliz auf den Weg gebracht. Die Mobilisierung der Bevölkerung jetzt gerade ist erheblich. Wenn es wirklich zu einem Krieg kommt, würde der auf einem höheren militärischen Niveau ausgetragen als der erste Karabachkrieg.
Die Türkei sah sich immer als Verbündeter Aserbaidschans. Häufig bemüht man dafür die Formel 'zwei Staaten, eine Nation'. Dass sie sich aber in dieser Weise in den Konflikt einschaltet, war vorher nicht der Fall. Ich sehe die Rolle der Türkei mit großer Besorgnis.
Die Türkei und Aserbaidschan haben in Südkaukasus gemeinsame Militärmanöver gestartet. Armenien protestiert gegen diese Truppenübung.
ZDFheute: Was bedeutet die Eskalation für die Zivilbevölkerung?
Halbach: Von beiden Seiten gibt es Drohungen, Ziele wie das armenische Kernkraftwerk Mezamor oder Wasserkraftwerke und Ölpipelines auf aserbaidschanischer Seite zu bombardieren. Das wäre eine humanitäre Katastrophe. Die militärische Auseinandersetzung könnte erhebliche humanitäre und wirtschaftliche Folgen für beide Seiten haben. Zudem könnte sie zu einer Unterbrechung der Energiekanäle vom Kaspischen Meer nach Europa führen.
ZDFheute: Welche Perspektive gibt es für eine diplomatische Beilegung des Konfliktes?
Halbach: Die Konfliktvermittlung der OSZE läuft seit 30 Jahren, ohne eine wirkliche Lösung auf den Weg zu bringen. Besonders Aserbaidschan hat erhebliche Frustration mit diesem Verhandlungsprozess zum Ausdruck gebracht und 'militärische Konfliktlösung' angedroht. Bislang ist es den Mediatoren der Minsker OSZE-Gruppe mit Russland, USA und Frankreich an der Spitze zumindest gelungen, Eskalationen wie den 'Viertagekrieg' vom April 2016 einzudämmen. Ob dies auch diesmal gelingt, steht in Frage.
Das Interview führte Nils Metzger.

Vier Fakten zu dem Konflikt in Bergkarabach im Video:

Armenien und Aserbaidschan streiten um die Region Bergkarabach - der Konflikt dauert schon seit den 1990er Jahren an. Darum geht es:

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