Waffenruhe für Bergkarabach: Lösung in Sicht?

von Phoebe Gaa
10.10.2020 | 12:22 Uhr
Meilenweit lagen die Positionen der Außenminister Aserbaidschans und Armeniens auseinander. Die Verhandlungen dauerten bis tief in die Nacht. Und endeten mit einer Waffenruhe.
In Bergkarabach gilt seit dem Mittag eine Waffenruhe - doch sie scheint brüchig. Dabei hatten sich die Außenminister Armeniens und Aserbaidschans erst auf die Feuerpause geeinigt.
"Der Status quo wurde in ein Schlachtfeld verwandelt", sagte der aserbaidschanische Präsident Ilham Alijew noch in seiner letzten Ansprache an das Volk. Er macht Armenien dafür verantwortlich, dass die Kämpfe um Bergkarabach Ende September erneut aufgeflammt sind. Eriwan habe 30 Jahre diplomatische Bemühungen zunichte gemacht. Daher "wird der Konflikt erst militärisch geklärt, später aber auf der politischen Ebene", zitiert die russische Nachrichtenagentur Interfax Alijew.
Bergkarabach liegt territorial im islamischen Aserbaidschan, jedoch wohnen dort mehrheitlich christlich-orthodoxe Armenier. Die beiden Ex-Sowjetrepubliken streiten seit Jahrzehnten um die Kaukasusregion, doch die Kämpfe jetzt sind die schwersten seit 30 Jahren. Mehr als 370 tote Soldaten meldet die armenische Seite, Aserbaidschan schweigt über seine Opferzahlen.

Jahrzehntelanger Streit um Konfliktregion

Bergkarabach hatte in den 1990er Jahren seine Unabhängigkeit erklärt, wurde aber von keinem Land anerkannt und gilt international nach wie vor als Teil von Aserbaidschan. Die beiden ehemaligen Sowjetrepubliken Armenien und Aserbaidschan streiten seit Jahrzehnten um die mehrheitlich von Armeniern bewohnte Region.

In den vergangenen Wochen hatten sich Armenien und Aserbaidschan gegenseitig Angriffe im Grenzgebiet vorgeworfen. Zuletzt hatte es dort im April 2016 heftige Kämpfe gegeben. Dabei starben mehr als hundert Menschen. 2010 war die bislang letzte große Initiative für einen Frieden zwischen Eriwan und Baku gescheitert.
Karte: Armenien BergkarabachQuelle: ZDF
In den vergangenen Tagen besonders umkämpft: Stepanakert, die Hauptstadt der Region Bergkarabach. Auch andere Städte und Dörfer waren unter Beschuss. Viele Bewohner sind geflohen, andere verstecken sich in den Bunkern und Kellern. Die verfeindeten Nachbarn Armenien und Aserbaidschan werfen sich gegenseitig den Einsatz geächteter Streumunition gegen Zivilisten vor. In einem Interview mit dem ZDF sagte Armeniens Regierungschef Nikol Paschinjan diese Woche, die Armenier in Bergkarabach stünden davor, erneut Opfer eines Völkermords zu werden.
Die Menschen in Stepanakert in Bergkarabach sitzen eng gedrängt im Keller, um sie herum schlagen Bomben ein. "Ich bitte die Welt, uns Frieden zu geben", sagt eine Frau.

Syrische Söldner in Bergkarabach?

Armeniens Regierungschef Paschinjan wirft der Türkei vor, syrische Söldner an der Seite Aserbaidschans im Kampf um Bergkarabach einzusetzen. Paris und Moskau teilen diese Einschätzung, Baku und Ankara bestreiten sie.
Aserbaidschans Alijew beteuert, die Türkei mische sich nicht in den Konflikt ein. "Armenien, das solch eine gefälschte Nachricht in die Medien bringt, will die Kapazität der aserbaidschanischen Armee verringern. Wir kämpfen selbst", sagte der aserbaidschanische Staatschef im Interview mit Euronews. Aserbaidschan kaufe lediglich türkische Waffen und freue sich über die unterstützenden Worte aus Ankara.
Der armenische Regierungschef appelliert an die internationale Gemeinschaft, den Konflikt in Bergkarabach ernst zu nehmen. Er spricht von einer "Bedrohung, dem Dritten Weltkrieg ausgesetzt zu sein".

Russischer Drahtseilakt

Verzwickt ist die Lage aus Russlands Sicht. Moskau verkauft beiden Ländern Waffen. Die Verbindung zu Armenien ist jedoch deutlich intensiver. Russland gilt historisch als Armeniens Schutzmacht und hat in der zweitgrößten Stadt des Landes, Gjumri, eine eigene Militärbasis.
Regierungschef Nikol Paschinjan bekräftigte im ZDF-Interview, im Falle einer weiteren Eskalation auf die Unterstützung Moskaus zu bauen:
Russland hat Sicherheitsverpflichtungen gegenüber Armenien und ich denke, Russland erfüllt diese Verpflichtungen und wird sie erfüllen.
Nikol Paschinjan, Regierunschef Armeniens
Gleichzeitig tritt Russland als Vermittler auf und wirbt um Aserbaidschans Vertrauen.

Lösung in Sicht?

Vor den Verhandlungen der Außenminister in Moskau sagte Nikol Paschinjan, ein wichtiger Schritt für eine Lösung im Bergkarabach-Konflikt sei, dass die internationale Gemeinschaft die Republik Karzach anerkenne.
Der armenische Regierungschef zeigt sich kompromissbereit. Ob diese Bereitschaft jedoch auch auf Gegenseitigkeit beruht, stellt Paschinjan in Frage.
Ilham Alijew wiederum bestand darauf, dass Verhandlungen über einen dauerhaften Frieden nur nach dem Ende der Okkupation von Karabach möglich seien. Maximalforderungen auf beiden Seiten also – eine Einigung schien nicht in Sicht. Umso überraschender, dass die Außenminister aus Baku und Eriwan in Moskau sich auf eine Waffenruhe einigen konnten.
Sie soll der humanitären Hilfe, dem Austausch von Gefangenen und der Überführung der Toten in ihre Heimat dienen. Für die Bevölkerung Bergkarabach kann dies die lang ersehnte Möglichkeit sein, nach knapp zwei Wochen inmitten heftiger Kämpfe, mal aufzuatmen. Vorausgesetzt, die Waffenruhe hält. Allerdings warfen sich Armenien und Aserbaidschan schon kurz nach Inkrafttreten gegenseitig vor, die Feuerpause verletzt zu haben.
Quelle: ZDF

Mehr zum Konflikt in Bergkarabach