Bergkarabach: Neuer Anlauf für Waffenruhe

17.10.2020 | 22:15 Uhr
Vor genau einer Woche ist eine Waffenruhe für die Konfliktregion im Südkaukasus ausgehandelt worden. Es kommt dennoch immer wieder zu Kämpfen. Und es sterben weiter Zivilisten.
Armenien und Aserbaidschan wollen eine "humanitäre Waffenruhe" einlegen.Quelle: AP
Im Konflikt um die Südkaukasus-Region Bergkarabach nehmen Armenien und Aserbaidschan einen neuen Anlauf für eine Feuerpause. In der Nacht zum Sonntag um Mitternacht Ortszeit (22:00 Uhr MESZ) solle eine "humanitäre Waffenruhe" in Kraft treten. Das teilten die Außenministerien beider Länder am Samstagabend mit.
Bereits vor einer Woche hatten sich beide Seiten unter Vermittlung Russlands auf eine Feuerpause verständigt. Diese Vereinbarung war jedoch schon kurz nach Inkrafttreten gebrochen worden. Dafür gaben sich beide Länder gegenseitig die Schuld.
Die Menschen in Stepanakert in Bergkarabach sitzen eng gedrängt im Keller, um sie herum schlagen Bomben ein. "Ich bitte die Welt, uns Frieden zu geben", sagt eine Frau.

Frankreich beobachtet die Waffenruhe in Bergkarabach

Frankreich begrüßte am Abend die humanitäre Waffenruhe, die auch nach französischer Vermittlung zustande gekommen sei.
Dieser Waffenstillstand muss bedingungslos sein und von beiden Parteien strikt eingehalten werden.
... hieß es aus dem Élyséepalast. Frankreich werde die Situation "sehr aufmerksam verfolgen" und "sich weiterhin für eine dauerhafte Einstellung der Feindseligkeiten und die baldige Aufnahme glaubwürdiger Gespräche einsetzen."
Im Konflikt um Bergkarabach sind bei einem Angriff auf die aserbaidschanische Stadt Ganja mindestens 13 Menschen getötet worden. Laut Behörden wurden mehr als 50 verletzt.
Zuvor hatte es neue Kämpfe mit Toten und Verletzten gegeben. Aserbaidschan meldete schwere Angriffe der armenischen Seite in der Nacht zum Samstag auf Ganja, die zweitgrößte Stadt des Landes. Bei dem Raketenbeschuss seien 13 Menschen getötet worden, teilte das Zivilschutzministerium in der Hauptstadt Baku mit. Armenien machte das Nachbarland ebenfalls für Angriffe verantwortlich.
Von 50 Verletzten sprach Aserbaidschan in Ganja. Die Leichen seien etwa unter Trümmern zerstörter Häuser gefunden worden. Darunter sollen auch Kinder gewesen sein. Auf von Aserbaidschan verbreiteten Bildern war zu sehen, wie Rettungskräfte in zerstörten Häusern nach Überlebenden suchen. Dabei waren auch Suchhunde im Einsatz. Die Behörden sprachen von erheblichen Schäden.

Armenien und Aserbaidschan geben sich gegenseitig die Schuld

Der aserbaidschanische Präsident Ilham Aliyev nannte den Angriff im Fernsehen ein Kriegsverbrechen und drohte, dass die armenische Führung dafür zur Rechenschaft gezogen werde. Armenien unter Präsident Nikol Paschinjan wies jedoch eine Verantwortung zurück und warf dem verfeindeten Nachbarn im Gegenzug vor, selbst hinter dem Angriff zu stecken und dies als "Propaganda" gegen die Armenier zu verwenden.

Jahrzehntelanger Streit um Konfliktregion

Bergkarabach hatte in den 1990er Jahren seine Unabhängigkeit erklärt, wurde aber von keinem Land anerkannt und gilt international nach wie vor als Teil von Aserbaidschan. Die beiden ehemaligen Sowjetrepubliken Armenien und Aserbaidschan streiten seit Jahrzehnten um die mehrheitlich von Armeniern bewohnte Region.

In den vergangenen Wochen hatten sich Armenien und Aserbaidschan gegenseitig Angriffe im Grenzgebiet vorgeworfen. Zuletzt hatte es dort im April 2016 heftige Kämpfe gegeben. Dabei starben mehr als hundert Menschen. 2010 war die bislang letzte große Initiative für einen Frieden zwischen Eriwan und Baku gescheitert.
Karte: Armenien BergkarabachQuelle: ZDF
Armenien wiederum berichtete von Raketenangriffen der aserbaidschanischen Seite, darunter auf die Hauptstadt von Bergkarabach. Dabei seien in Stepanakert mindestens drei Zivilisten verletzt worden. Beide Seiten warfen sich gegenseitig vor, erneut gegen die Feuerpause verstoßen zu haben.
Der russische Außenminister Sergej Lawrow appellierte am Abend eindringlich an beide Seiten, sich an die Vereinbarung zu halten. Er telefonierte dazu nach Angaben seines Ministeriums in Moskau erneut mit seinen Kollegen aus Aserbaidschan und Armenien, Jeyhun Bayramov und Sohrab Mnazakanjan.
Quelle: dpa

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