So kann es für Mieter besser werden

von Frédérique Veith
18.07.2020 | 14:06 Uhr
Bezahlbarer Wohnraum knapp, Baulandpreise explodieren, Spekulation floriert. Viele Menschen reagieren. Was lässt sich regulieren? Was hilft, um den Wohnungsmarkt zu entlasten?
Bezahlbarer Wohnraum und Bauland sind knapp. Die Spekulation floriert. Viele Kommunen haben die Kontrolle über die eigene Stadt verloren. Deshalb werden immer mehr Menschen selbst aktiv.
Nirgendwo in Deutschland ist Wohnen so teuer wie in München. Bis zu 30 Euro kalt kostet der Quadratmeter zur Miete. Und der Bodenpreis macht bis zu 60 Prozent der Kosten eines Neubaus aus. Deshalb versucht die Stadt, zu regulieren.

Kasernengebiete werden zu Stadtquartieren

Ehemalige Kasernen sind durch Rückkauf vom Bund zu städtischen Wohnbauflächen geworden. Der Prinz-Eugen-Park ist eine davon: Hier soll ein neues sozial durchmischtes Quartier entstehen. Um das zu begünstigen, wurden die Baufelder zu 50 Prozent an den geförderten Mietwohnungsbau vergeben. 30 Prozent der Bewerber hatten die Möglichkeit, durch ein sozialgerechteres Hauskonzept an günstiges Bauland zu kommen.
Baugenossenschaften haben hier eine Chance, denn sie sind per se nicht darauf aus, Wohnraum gewinnbringend zu vergeben. Jedes Mitglied zahlt an die Baugenossenschaft eine Einlage pro bewohntem Quadratmeter, die es mit dem Austritt zurückbekommt. Dadurch wird Wohnraum geschaffen, dem Genossenschaftsmitglied aber auch eine dauerhaft günstige Miete garantiert.

Prinz-Eugen-Park

Das etwa 30 Hektar große Gelände der ehemaligen Prinz Eugen Kaserne liegt im Stadtbezirk 13 – Bogenhausen, im Stadtteil Oberföhring. In den nächsten Monaten werden auf dem Neubauquartier etwa 1.800 Wohnungen für über 4.500 Menschen errichtet.

Kommunale Wohnungsgesellschaften, Genossenschaften, Bauträger und Baugemeinschaften haben sich zu einem Konsortium zusammengeschlossen, um für dieses Quartier ein Konzept zur Entstehung eines nachbarschaftlichen Miteinanders und eines vielfältigen sozialen, kulturellen und kommerziellen Wohnumfelds zu entwickeln.

Jung und Alt, Singles und Familien sollen sich gleichermaßen zu Hause fühlen können. Acht ähnliche Projekte, die ehemaliges Kasernengelände in Wohnquartiere umwandeln, gibt es in ganz München.

Die Gemeinde selber bauen

In Almere, 35 Kilometer vor Amsterdam, entsteht ein neues Viertel - so wie sich die Bauherren das wünschen. Oosterwold heißt es. Häuser wachsen wie Kraut und Rüben aus der Erde. Noch dazu zahlen die Bauherren für ihr Traumhaus einen unschlagbar günstigen Bodenpreis von 76 Euro pro Quadratmeter.
Allerdings müssen sie die Erschließung mittragen. Dafür ist es notwendig, sich mit Nachbarn zusammen zu tun und alles gemeinsam auszuarbeiten. Die Gemeinde hält sich zurück, plant Zufahrtsstraßen, Schulen und steht mit Rat und Tat zur Seite. Zukünftig sollen hier 15.000 Wohnungen entstehen. 1.000 Häuser stehen bereits.

Oosterwold revolutioniert die Stadtplanung

Es gibt keinerlei Vorgaben zur Bebauungsform, außer dass Gebäude möglichst konzentriert auf dem Grundstück angelegt werden müssen. Das einzige Ordnungsprinzip ist die Funktionsverteilung des Baugrundes: 18 Prozent dürfen bebaut werden, 8 Prozent sind für Erschließung reserviert, 13 Prozent für öffentlichen Grünraum, 2 Prozent für Wasserflächen und satte 59 Prozent für Urban Gardening.

Werkswohnungen erleben ein Revival

Anders ist es bei Werkswohnungen. Die hatten bereits im Zuge der Industrialisierung Ende des 19. Jahrhunderts Hochkonjunktur. Damals wurden immer mehr Arbeiter in den Fabriken am Stadtrand gebraucht.So bauten Fabrikanten ganze Siedlungen für ihre Mitarbeiter. Nach dem Krieg kam es mit dem Wiederaufbau zur zweiten Welle im Werkswohnungsbau. Firmen wie Thyssen-Krupp, BASF, Siemens, Hoechst oder Henkel errichteten ganze Stadtteile.

<em>Sendehinweis</em>

Quelle: ZDF
Sehen Sie die Doku: plan b: "Billiger Wohnen” - Alternativer Wohnungsbau am 18. Juli 2020 um 17:30 Uhr.
Heute besteht eine neue Notwenigkeit: Normal bezahlte Jobs reichen in begehrten Regionen nicht mehr aus, um bezahlbaren Wohnraum zu finden. Von bezahlbarem Wohnraum spricht man, wenn die Miete nicht mehr als 30 Prozent des Gehalts ausmacht.
Sei es der angehende Polizist, der Handwerker, Bahn- oder Busfahrer: Viele wichtige Stellen können in Städten nicht mehr besetzt werden. Der Wohnraum ist zu teuer, die Anfahrtswege zu weit.
Wenn Arbeitgeber zu Bauherren werden, können sie selber die Entwicklung der Mieten steuern. Und wenn sie ihren eigenen Bedarf gedeckt haben auch dafür sorgen, dass die übrig gebliebenen Wohnungen den Markt etwas entspannen.

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