: Königsmacher Grüne

von Dominik Rzepka
19.09.2021 | 08:08 Uhr
Alle reden über die FDP als Königsmacher. Dabei sind die Grünen ebenso entscheidend bei der Regierungsbildung nach der Wahl. Will die Partei Jamaika? Oder eine Ampel-Koalition?
Sehen Sie hier ein Porträt der Grünen-Kanzlerkandidatin Annalena Baerbock.
Offiziell trommeln die Grünen immer noch für ihre Kanzlerkandidatin. Annalena Baerbock darf den Anspruch auf Platz 1 eine Woche vor der Wahl noch nicht ganz aufgeben - trotz der Umfragen. Doch hinter den Kulissen ihres heutigen Parteitags bereiten sich die Grünen längst auf ein anderes Szenario vor: Koalitionsverhandlungen als Drittplatzierter.
Vor allem eine Frage treibt sie um: Was, wenn ein möglicher Wahlverlierer Armin Laschet ihnen zusammen mit FDP-Chef Christian Lindner ein supermächtiges Klimaschutzministerium anbietet? Und einen früheren Kohleausstieg? Müsste man dann nicht Armin Laschet zum Kanzler in einer Jamaika-Koalition machen, selbst wenn die Union nur zweitstärkste Kraft wird?
Wenn am nächsten Sonntag Bundestagswahl wäre, gäbe es laut ZDF-Politbarometer kaum Veränderung. In Führung bleibt die SPD, gefolgt von der CDU.

Jamaika seit 2017 in Schleswig-Holstein

Grünen-Fraktionsvize Konstantin von Notz beantwortet diese Frage nicht direkt. Aber er lässt sich immerhin so zitieren:
In Schleswig-Holstein regieren wir gut in einer Jamaika-Koalition.
Konstantin von Notz, Grüne
Von Notz sieht mit der FDP eine gemeinsame kulturelle Grundhaltung. Beide Parteien wollten, dass sich etwas verändere in Deutschland, etwa bei der Digitalisierung. Und auch bei der Innen- und Rechtspolitik gebe es Gemeinsamkeiten.
Die Union aber sei in großer Unordnung und isoliert, weil sie sogar die FDP in die linke Ecke stelle. Und CDU-Mann Friedrich Merz denke sogar über ein Revival der Atomkraft nach. So weit, so trennend. Doch dann sagt von Notz noch einen interessanten Satz: "Sollte die Union weniger als 25 Prozent bekommen, ist nicht die Frage, ob Armin Laschet Bundeskanzler wird."
Grüne und FDP halten heute letzte Parteitage vor der Wahl ab. Die Rede von FDP-Chef Lindner wird mit Spannung erwartet - er könnte Bedingungen für eine mögliche Koalition nennen.

Jamaika ja - aber ohne Laschet?

Eine Andeutung. Ein denkbares Szenario: Holt die CDU ihr historisch schlechtestes Wahlergebnis (31 Prozent im Jahr 1949), serviert sie Armin Laschet ab. Ein neuer CDU-Chef müsste her. Ralph Brinkhaus? Norbert Röttgen? Daniel Günther? Namen, mit denen auch Grünen-Wähler leben könnten, die vor allem eins nicht wollen: Mit einer Stimme für die Grünen einen Kanzler Armin Laschet zu bekommen.
Sehen Sie hier ein Porträt von Unions-Kanzlerkandidat Armin Laschet.
Aber wäre das mehrheitsfähig bei den Grünen? Der Parteilinke Sven-Christian Kindler will diese Frage nicht direkt beantworten. Er sagt, seine Partei kämpfe dafür, die nächste Regierung anzuführen und inhaltlich zu definieren. Die Union nennt er tief gespalten. "Es wäre gut, wenn sie mal in die Opposition gehen würde", sagt er - und positioniert sich dann doch Richtung Rot-Grün-Rot oder Ampel:
Es ist kein Geheimnis, dass wir insgesamt mit der SPD mehr inhaltliche Gemeinsamkeiten haben als mit CDU und CSU.
Sven-Christian Kindler, Grüne

Grüne und FDP könnten sich zusammentun

Laut Parteienforscher Karl-Rudolf Korte ist nicht abzusehen, welche Koalition bei den Grünen am Ende populärer sein wird: "Robert Habeck tendiert vielleicht mit seiner schleswig-holsteinischen Erfahrung etwas mehr zu Jamaika. Annalena Baerbock ist tendenziell vielleicht einer Ampel näher", sagt er. Und weiter:
Es sind aber beide Koalitionen - Stand heute - gleich wahrscheinlich und denkbar.
Karl-Rudolf Korte
Sicher ist nur eins: Auch die Grünen werden Königsmacher, wie die FDP. Korte sieht beide Parteien in vielen Punkten nah beieinander, nennt sie einen "liberalen Block". Möglich, dass sich beide zusammentun und eine schwarze oder rote Mehrheit suchen. Für Union und SPD komme es bei Sondierungsgesprächen darauf an, die zwei kleineren Partner gleichwertig zu behandeln. "Wenn Laschet das gut macht, kann er Kanzler werden. Verhandelt Scholz geschickter, dann wird er Kanzler."
Sehen Sie hier ein Porträt von SPD-Kanzlerkandidat Olaf Scholz.