Kommentar

: Jetzt beginnt die Aufarbeitung

von Thomas Reichart
13.10.2021 | 15:44 Uhr
Mit der Ehrung ist es nicht getan. Die Aufarbeitung des längsten und verlustreichsten Auslandseinsatzes der Bundeswehr muss heute beginnen, damit sich die Fehler nicht wiederholen.
Kommentar: Thomas Reichart zum Abschlussappell zum Ende des Afghanistan-EinsatzesQuelle: ZDF/dpa
Die Kranzniederlegung, die Reden, der Große Zapfenstreich vor dem Reichstag sind wichtige Signale der Anerkennung und des Respekts gegenüber all jenen, die in Afghanistan ihr Leben riskiert oder verloren haben.
Aber natürlich ersetzt dieser Tag nicht die ehrliche Aufarbeitung eines Auslandseinsatzes, der die Bundeswehr geprägt hat wie kein anderer. Der aber von Politik und Gesellschaft über lange Zeit weitgehend verdrängt wurde als etwas irgendwie Lästiges, Unangenehmes.
Bestes Beispiel dafür die Rückkehr des letzten Afghanistan-Kontingents aus Masar-i-Scharif Ende Juni. Bei der Ankunft zurück in Deutschland waren weder die Verteidigungsministerin noch die Bundeskanzlerin zugegen.
Das war ein Ausmaß an Gleichgültigkeit, das einem Affront gleichkam.
Es ist die höchste militärische Zeremonie in Deutschland: der Große Zapfenstreich. Zum ersten Mal stehen nicht Politiker in der vordersten Reihe – sondern Soldatinnen und Soldaten der Bundeswehr. 150.000 Streitkräfte hatten in Afghanistan gedient.

Afghanistan: Ratlosigkeit bei Militärs

Die Bundeswehr hat in der vergangenen Woche zumindest versucht, erste Lehren zu ziehen. Was von dieser Tagung in Erinnerung blieb, war die Ratlosigkeit unter hohen Militärs. Warum liefen jene afghanischen Soldaten und Polizisten in Scharen davon, kaum dass die Bundeswehr und die Alliierten Afghanistan verlassen hatten? Warum waren Jahre der Ausbildung und Zusammenarbeit, war all die finanzielle Unterstützung so wenig nachhaltig?
Das sind wichtige Fragen für zukünftige Einsätze. Viel brisanter aber sind jene, die sich an die Politik richten.
Wie Berlin auf die sich lange vorher abzeichnende Machtübernahme der Taliban reagiert oder besser nicht reagiert hat, war erschütternd.
Die Opposition spricht angesichts der Fehler und Versäumnisse insbesondere beim Auswärtigen Amt, dem Verteidigungs- und Innenministerium zurecht von multiplem Organversagen. Es ist dringend nötig, dass ein Untersuchungsausschuss im neugewählten Bundestag das aufarbeitet, auch wenn die Verantwortlichen dann vermutlich nicht mehr in Amt und Würden sein werden.

Was ist das künftige Ziel von Auslandseinsätze?

Ebenso entscheidend ist, dass eine größere Frage geklärt wird. Mit welchem politischen Ziel schickt Deutschland seine Soldatinnen und Soldaten in Zukunft auf Auslandsmissionen? Was soll damit erreicht werden? Antworten auf diese Fragen von Seiten der Bundesregierung haben Militärs beim Afghanistan-Einsatz oft schmerzlich vermisst.
Das darf sich so nicht wiederholen. Wer von anderen erwartet, dass sie ihr Leben riskieren, muss ihnen glaubwürdig und überzeugend erklären, welches politische Ziel, welches höhere Gut damit erreicht werden soll.
Die Ehrung heute ist das eine. Die wahre Wertschätzung der Bundeswehr aber zeigt sich in der Aufarbeitung der Fehler der Vergangenheit. Und für die Zukunft: Dass diese Armee über jene Mittel und jene Unterstützung verfügt, die sie für Aufgaben braucht. Das wird keine kleine Aufgabe für die neue Regierung und das neue Parlament.
Der Auftrag: Menschen aus Afghanistan nach Deutschland bringen. So haben deutsche Soldatinnen und Soldaten die Evakuierungsmission aus Kabul erlebt.

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