: Ukraine festigt ihre Erfolge in Charkiw

von Christian Mölling, András Rácz
16.09.2022 | 22:36 Uhr
Die Ukraine baut ihre Kontrolle in der befreiten Region Charkiw aus und erzielt kleinere Erfolge in der Region Cherson. In Isjum gibt es Hinweise auf russische Kriegsverbrechen.
Soldaten unterwegs auf einer Landstraße im ukrainischen Charkiw (Archivbild).Quelle: dpa
Der Gegenangriff der Ukraine, der am 6. September in der Region Charkiw begann, konnte die russischen Besatzungstruppen aus der Region vertreiben. Die russischen Streitkräfte waren gezwungen, eine erhebliche Anzahl militärisches Gerät zurückzulassen. Der Ukraine gelang es, Hunderte von Militärfahrzeugen, darunter mehr als hundert Panzer, sowie große Mengen Munition zu erbeuten.
Die russischen Truppen versuchten, ihre Position östlich des Flusses Oskil zu festigen, aber den ukrainischen Kräften gelang es, einen Brückenkopf am Fluss Sewerskij Donez bei Swjatohirsk zu errichten und diesen durch die Einnahme der Stadt Sosnowo zu festigen. Damit bleibt die linke Flanke der russischen Truppen, die versuchen, den Fluss Oskil zu halten, verwundbar.

Dr. Christian Mölling ...

Quelle: DGAP
... ist Forschungsdirektor der Deutschen Gesellschaft für Auswärtige Politik (DGAP) in Berlin und leitet dort das Programm Sicherheit, Verteidigung und Rüstung. Er forscht und publiziert seit über 20 Jahren zu den Themenkomplexen Sicherheit und Verteidigung, Rüstung und Technologie, Stabilisierung und Krisenmanagement. Für ZDFheute analysiert er regelmäßig die militärischen Entwicklungen im Ukraine-Konflikt.

Dr. András Rácz ...

Quelle: DGAP
... ist Associate Fellow im Programm Sicherheit und Verteidigung der Deutschen Gesellschaft für Auswärtige Politik (DGAP) in Berlin. Er forscht und publiziert zu Streitkräften in Osteuropa und Russland und hybrider Kriegsführung.

Keine Referenden zum Anschluss

Russland hat Berichten zufolge seine Pläne aufgegeben, Referenden abzuhalten, die Moskaus Annexion der besetzten Regionen Cherson, Saporischschja und Charkiw legitimieren sollten.
Quelle: ZDF
Moskau hat bereits seine Politikexperten und Wahlkampftechniker aus diesen Regionen abgezogen, was darauf hindeutet, dass die Referendumspläne seit geraumer Zeit nicht mehr auf der Tagesordnung stehen.
Die Unterbindung der russischen Bemühungen ist ein großer politischer Erfolg für die Ukraine.

Ukraine verhaftet Kollaborateure

Der ukrainische Inlandsgeheimdienst SBU arbeitet intensiv an der Identifizierung und Verhaftung derjenigen Einheimischen in den befreiten Gebieten, die mit den russischen Besatzungstruppen zusammenarbeiten.
Die notwendigen Maßnahmen werden rasch und manchmal mit harter Hand durchgeführt, da die Ukraine einen möglichen russischen Gegenschlag befürchtet und daher ihre politische und administrative Kontrolle über die befreiten Gebiete zu festigen sucht, bevor Russland versucht, sie zurückzuerobern.

Russlands Antwort: Bomben auf zivile Ziele

Als unmittelbare Vergeltung für die ukrainische Gegenoffensive in Charkiw entschied sich Russland für eine asymmetrische Antwort und begann mit systematischen Angriffen auf essenzielle Teile der Infrastruktur ukrainischer Städte.
Sowohl in Charkiw als auch in Poltawa wurde die Strom- und Wasserversorgung durch die Raketeneinschläge für kurze Zeit unterbrochen.
Ebenso zerstörte Russland einen Damm in Kryvyi Rih und verursachte eine kurze, aber heftige Überschwemmung in der Stadt. Dies war der erste Fall, in dem Russland zivile Infrastruktur mit der Absicht angegriffen hat, erhebliche Kollateralschäden zu verursachen.

Russland dürfte weitere Soldaten mobilisieren

Trotz der Verluste in Charkiw ist es unwahrscheinlich, dass Russland eine vollständige oder teilweise Mobilisierung anordnen wird.

Die Söldnergruppe "Wagner" rekrutiert angeblich Häftlinge – ein Zeichen der Schwäche? Generalinspekteur der Bundeswehr Zorn warnt davor Russland zu unterschätzen.

16.09.2022 | 01:43 min
Stattdessen beabsichtigt der Kreml, seine Rekrutierungsbemühungen in ganz Russland zu intensivieren. Offenbar zögert man in Moskau noch, die wirtschaftlichen und sozialen Folgen einer Ausrufung des Kriegszustands in Kauf zu nehmen.

Andere Fronten: Stabilität und kleine Gewinne für Russland

In der Region Cherson hat die Ukraine eine Reihe von Bodenangriffen gegen die russischen Besatzungstruppen durchgeführt und kleinere Gebiete zurückerobert. Die russische Frontlinie hält jedoch weiterhin, so dass in Cherson kein Durchbruch erzielt werden konnte.
Der verzweifelte Kampf der Ukrainer um ihre Heimat:

ZDF-Reporterin Eigendorf ist unterwegs mit ukrainischen Soldaten im Donbass.

29.06.2022 | 06:35 min
In der Zwischenzeit setzt Russland seine Offensive im Donbass fort, was auf die große Bedeutung der Region für den Kreml hinweist. Den russischen Streitkräften gelang es, Mayorsk, Mykolajew und eine Reihe weiterer kleinerer Siedlungen in der Region Donezk einzunehmen.

Hinweise auf Kriegsverbrechen

Es gibt vereinzelte Hinweise auf Kriegsverbrechen, die von den russischen Streitkräften in der Region Charkiw begangen wurden. Mehr als 400 Leichen wurde bereits gefunden, und es gibt möglicherweise noch mehr. Viel deutet darauf hin, dass die sich zurückziehenden russischen Streitkräfte die von ihnen zurückgelassenen zivilen Siedlungen weitgehend vermint und mit Sprengfallen versehen haben.
Katrin Eigendorf zu den Leichenfunden in Isjum:

16.09.2022 | 02:15 min
Derzeit ist jedoch noch unklar, ob in der Region Cherson ähnlich systematisch Kriegsverbrechen begangen wurden wie in Butscha und in anderen Siedlungen in der Region Kiew.
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