FAQ

: Warum Cherson so wichtig für Russland ist

23.10.2022 | 18:00 Uhr
Kämpfe um Cherson: Russland will die ukrainische Stadt unbedingt halten, die Ukraine will sie zurückerobern. Warum die Stadt am Dnipro militärisch und strategisch so wichtig ist.
Ukrainischer Soldat in einem Schützengraben bei ChersonQuelle: dpa
Ukrainische Truppen haben in Cherson den Druck auf die russische Besatzung offenbar so sehr erhöht, dass diese am Samstag die vollständige Evakuierung der Zivilbevölkerung aus der gleichnamigen Regionalhauptstadt anordnete. Dass eine Entscheidungsschlacht bevorstehen könnte, ließ eine auf Telegram veröffentlichte Erklärung eines russischen Besatzers in Cherson erahnen.
Kirill Stremoussow betonte darin, dass die Einwohnerinnen und Einwohner freiwillig gingen - weil sie um ihr Leben fürchteten.
Die Menschen gehen aktiv, weil heute Leben Priorität ist. Wir zerren niemanden irgendwohin.
Kirill Stremoussow, Russe in Cherson Kirill Stremoussow
Ein Blick auf die militärische und politische Bedeutung der Regionalhauptstadt Cherson:

Warum ist die Stadt Cherson so wichtig?

Cherson ist ein wichtiges Industriezentrum und liegt nahe der Dnipro-Mündung ins Schwarze Meer. An diesem Punkt kann die Ukraine die Trinkwasserversorgung für die von Russland 2014 illegal annektierte Halbinsel Krim abschneiden. Das hatte Kiew nach der Annexion auch gemacht. Der russische Präsident Wladimir Putin hatte das als einen Grund für seine Entscheidung genannt, die Invasion in die Ukraine zu befehlen.

Hinweis zum Begriff "Evakuierung"

Im Zusammenhang mit der Räumung der Stadt Cherson sprechen die russischen Besatzer von "Evakuierung". Cherson ist Teil der von Russland völkerrechtswidrig annektierten Gebiete. Da die Menschen dort gedrängt oder gezwungen werden, nach Russland auszureisen, spricht Kiew von einer Zwangsumsiedlung oder "Deportation" der Bewohner.
In den Sommermonaten haben ukrainische Truppen systematische Versorgungsrouten über den Dnipro zu der auf dem Westufer gelegenen Regionalhauptstadt beschossen - insbesondere eine Brücke und einen großen Damm weiter stromaufwärts. Die russischen Truppen waren gezwungen, auf Pontonbrücken und Fähren auszuweichen, die ebenso unter Feuer genommen worden.
Die russischen Truppen auf der Westseite bekamen so Nachschubprobleme und wurden damit auch anfälliger für eine Umzingelung. Ihre Versorgungslage wurde am 8. Oktober durch die Explosion auf der Kertsch-Brücke von Russland auf die Krim noch weiter verschlechtert.

Eine große Explosion hat die strategisch wichtige Brücke zu der von Moskau annektierten Halbinsel Krim beschädigt. In Kiew zeigt man unverholen Freude, Moskau spricht von "Terror".

08.10.2022 | 02:10 min

Wie reagierte Russland auf die Explosion?

Putin machte für die Explosion auf der Kertsch-Brücke ukrainische Geheimdienste verantwortlich und lässt zur Vergeltung die ukrainische Energie-Infrastruktur mit Drohnen und Raketen beschießen. Zudem verhängte er in Cherson und den drei anderen völkerrechtswidrig annektierten ukrainischen Regionen das Kriegsrecht. Die militärische Lage in Cherson veränderte sich damit aber offenbar nicht.
Der neue Befehlshaber der russischen Invasionstruppen, General Sergej Surowikin, sprach vor wenigen Tagen von einer "ziemlich schwierigen" Lage. Die von Moskau installierten Behörden, die zunächst nichts von einer Evakuierung der Regionalhauptstadt wissen wollten, änderten in dieser Woche abrupt ihren Kurs und empfahlen Zivilisten, Cherson zu verlassen - aber nur in Richtung russisch kontrollierter Gebiete.
Nach Schätzung der Behörden haben bis Samstag 25.000 Menschen Cherson verlassen. Auch von Moskau eingesetzte Behördenbedienstete verließen die Stadt.

Die russische Besatzungsverwaltung fordert Zivilisten zum Verlassen der annektierten Stadt Cherson auf.

19.10.2022 | 02:02 min

Welche Rolle spielt das Wasserkraftwerk Kakhovka?

Große Sorgen macht das Wasserkraftwerk Kakhovka rund 50 Kilometer flussaufwärts. Russland sagt, die ukrainischen Streitkräfte könnten es angreifen und die flussabwärts gelegenen Gebiete fluten.
Kiew weist das zurück und sagt, Russland plane die Sprengung, um vor dem Rückzug seiner Truppen verheerende Überschwemmungen auszulösen. Präsident Wolodymyr Selenskyj rief die internationale Gemeinschaft auf, Putin deutlich zu machen, dass dies "dasselbe bedeuten würde wie der Einsatz von Massenvernichtungswaffen".

In Cherson wird mit einem ukrainischen Großangriff gerechnet, um die von Russland annektierte Stadt zu befreien. ZDF-Korrespondent Dara Hassanzadeh berichtet aus Kiew über die Lage.

19.10.2022 | 01:05 min

Was würde der Verlust Chersons für Russland bedeuten?

Ein Rückzug aus Cherson und anderen Gebieten auf der Westseite des Dnipros würde Russlands Hoffnungen auf eine Offensive weiter nach Westen zerstören, um von Mykolajiw bis Odessa die Ukraine vom Zugang zum Schwarzen Meer abzuschneiden.
Für die ukrainische Wirtschaft wäre der Verlust der Stadt ein schwerer Schlag, außerdem hätte Moskau bei einem weiteren Vorrücken nach Westen einen Landzugang zur russisch dominierten Region Transnistrien in Moldau.
"Der Verlust von Cherson würde alle diese südlichen Träume des Kremls zu Staub werden lassen", sagt der ukrainische Militäranalyst Oleh Schdanow.
Cherson ist der Schlüssel zur gesamten südlichen Region, der der Ukraine ermöglichen würde, wichtige Versorgungsrouten der russischen Streitkräfte ins Visier zu nehmen.
Oleh Schdanow, ukrainischer Militäranalyst
Die Russen würden mit allen Mitteln versuchen, die Kontrolle über Cherson zu behalten.

Was würde die Rückeroberung Chersons für die Ukraine bedeuten?

Für die Ukraine würde die Rückeroberung Chersons den Weg für Offensiven auf die teilweise russisch besetzte Region Saporischschja ebnen - und auch auf die Krim. Und einmal wieder im Besitz Chersons könnte sie der Krim wieder das Trinkwasser abdrehen, so Schdanow.
Der Leiter der Kiewer Denkfabrik Penta, Wolodymyr Fessenko, erwartet von einem Verlust Chersons auch Erschütterungen im Inneren des russischen Machtzentrums um Putin. Der Kreml-Chef würde dann zunehmend mit Kritik aus ultra-nationalistischen Kreisen rechnen müssen - und seine Truppen würden weiter demoralisiert werden.
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Quelle: AP

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