: Antikörper-Medikamente werden kaum genutzt

von Nils Metzger
11.04.2021 | 10:40 Uhr
Im Januar kaufte das Bundesgesundheitsministerium für 400 Millionen Euro experimentelle Corona-Antikörper. Die Anwendung ist aufwändig, jetzt liegen sie meist ungenutzt im Schrank.
Das Antikörper-Medikament Bamlanivimab war eines der beiden vom Bundesgesundheitsministerium eingekauften Mittel. Quelle: dpa
Ein zusätzliches Werkzeug gegen die Corona-Pandemie, um bei Risikopatienten einen schweren Krankheitsverlauf zu verhindern: Das erhoffte sich Bundesgesundheitsminister Jens Spahn, als er am 24. Januar verkündete, dass sein Haus für 400 Millionen Euro insgesamt 200.000 Dosen zweier Antikörper-Medikamente bestellt habe.
Beide sind bis heute nicht offiziell in der EU zugelassen, werden aber vom Bund an 19 ausgewählte Kliniken verteilt und nach ärztlichem Ermessen eingesetzt. Die Mittel Casivirimab/Imdevimab und Bamlanivimab wirken dabei für einen begrenzten Zeitraum wie eine Art passive Corona-Impfung.
Die Bundesregierung hat 200.000 Dosen eines amerikanischen Antikörper-Medikaments gegen Corona gekauft. Der speziellen Präparate sollen Kliniken zur Verfügung gestellt werden.

Maximal 20 Prozent der Bestellung wurden bislang eingesetzt

Gelohnt hat sich dieser Einkauf bislang nicht. Stand 12. März wurden laut "Deutschem Ärzteblatt" lediglich 620 Fläschchen Bamlanivimab und 190 Einheiten Casivirimab/Imdevimab bei Patienten eingesetzt. Aktuelle Zahlen gab das Bundesgesundheitsministerium auf ZDFheute-Anfrage nicht heraus.
Auch Stefan Kluge, Direktor der Klinik für Intensivmedizin am Universitätsklinikum Hamburg Eppendorf (UKE), erlebte die Antikörper im eigenen Klinikalltag nicht als "Gamechanger":
Meines Wissens nach wurden nur maximal 20 Prozent dieser Antikörper bereits verbraucht.
Prof. Stefan Kluge, Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf
Das UKE ist eine der Kliniken, die vom Bund beliefert wurden. Woran liegt dieser zögerliche Einsatz? Und wusste das Ministerium schon vorher von diesen Fallstricken?

Antikörper müssen kurz nach Infektion gespritzt werden

Antikörper-Medikamente verhindern schwere Covid-Verläufe nur, wenn sie zum vorgesehenen Zeitpunkt verabreicht werden. Bei Casivirimab/Imdevimab und Bamlanivimab ist das meist ganz am Anfang der Infektion, wenn die meisten Patienten noch keine Symptome aufweisen und im besten Fall daheim in Isolation sind.
Gleichzeitig können die Mittel bislang nur intravenös, also mit einer Spritze, verabreicht werden. Diese Kombination führt dazu, dass geeignete Patienten und Medikamente nur selten aufeinandertreffen.
"Es ist eine intravenöse Therapie mit notwendiger Überwachung, die eigentlich nur im Krankenhaus erfolgen kann. Das heißt, man bräuchte einen Arzt, der ins Pflegeheim oder nach Hause fährt und dort diese Infusion ansetzt", erklärt Kluge. In der Praxis sei das bei Sars-CoV-2-positiven Patienten schwierig, so Kluge bei einer digitalen Veranstaltung des Science Media Centers.
Dafür haben wir keine Infrastruktur. Diese Verzahnung zwischen dem ambulanten und stationären Bereich klappt nicht gut, sodass die Antikörper nicht eingesetzt werden.
Prof. Stefan Kluge, Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf
Nach eigenen Angaben steht die TU Braunschweig kurz vor einem Durchbruch bei der Entwicklung eines Corona-Medikaments. Nun brauchen die Forscher weitere Gelder – und hoffen auf Hilfe der Bundesregierung.

Dem Ministerium waren diese Anforderungen bekannt

Der begrenzte Zeitraum, in dem die Mittel verabreicht werden müssen, war dem BMG zum Zeitpunkt der Bestellung bereits klar. "Die Gabe dieser Antikörper kann Risikopatienten in der Frühphase helfen, dass ein schwerer Verlauf verhindert wird", sagte Minister Spahn der "Bild am Sonntag" am 24. Januar.
Fragen zur Beschaffung dieser Antikörper-Medikamente und wie ihr praktischer Einsatz mit Kliniken und Apotheken vorab besprochen wurde, beantwortete das BMG nicht.
Die Reaktionen auf die BMG-Ankündigung fielen schon im Januar nicht durchweg positiv aus:
Sich jetzt 200.000 Dosen zu sichern – für 400 Millionen Euro – halte ich für verfrüht.
Prof. Wolf-Dieter Ludwig, Vorsitzender der Arzneimittelkommission der deutschen Ärzteschaft

Herstellerstudien sahen Einsatz etwa in Altenheimen vor

Das lag auch an der damals wie heute lückenhaften Studienlage. Ein typisches Anwendungsszenario in den wenigen bislang vorliegenden Herstellerstudien aus den USA ist der präventive Einsatz der Antikörper in Alten- und Pflegeheimen. Dort konnten im Fall von Bamlanivimab das Infektionsrisiko um 80 Prozent gesenkt werden. Mitte März vermeldeten dann auch Roche und Regeneron für Casivirimab/Imdevimab eine Reduzierung von schweren und tödlichen Verläufen um 70 Prozent.
Diese Studiendesigns unterscheidet sich aber erheblich vom aktuellen Einsatzprofil der Antikörper-Medikamente vor allem in deutschen Unikliniken.
Hier hat das Bundesgesundheitsministerium uns diese Antikörper zur Verfügung gestellt, bevor große Studiendaten überhaupt da waren, die einen Benefit gezeigt haben.
Prof. Stefan Kluge, Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf
Auch klare Empfehlungen der Fachgesellschaften zum Einsatz hätten noch gefehlt. Das sei eine Situation, die es so nur im Rahmen einer Pandemie gebe, sagte Kluge.

Fazit

Für einen flächendeckenden, präventiven Einsatz bei Risikogruppen sind die vom Bund bestellten Antikörper-Medikamente auch weiterhin nicht zugelassen. Mit Kosten von rund 2.000 Euro je Dosis wären die Kosten dafür auch erheblich. Für den stattdessen angestrebten zielgerichteten Einsatz hat es die Politik aber versäumt, vor dem Kauf im Januar die benötigte Logistik zu klären. So kommen die 400 Millionen teuren Medikamente bisher nur selten zum Einsatz.

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