: Wieso Impfabstände nicht zu kurz sein sollten

06.05.2021 | 21:37 Uhr
Bund und Länder haben beschlossen, dass der Abstand zwischen Erst- und Zweitimpfung mit Astrazeneca verkürzt werden kann. Experten sehen diesen Schritt kritisch.
Zu kurze Abstände zwischen den Impfungen mit Astrazeneca sehen Experten kritisch. Quelle: dpa
Bundesgesundheitsminister Jens Spahn hat nach Beratungen mit seinen Länderkollegen in Berlin mitgeteilt, dass es in Zukunft möglich sein soll, den Abstand zwischen der ersten und der zweiten Dosis bei Impfungen mit Astrazeneca zu verkürzen. Es liege dann im Ermessen des Arztes, wann der vollständige Impfschutz eintrete.
Laut dem Bund-Länder-Beschluss könne der Abstand zwischen vier und zwölf Wochen variieren.
Die Zweitimpfung haben jetzt viele lieber früher, auch mit Blick auf den Sommer - das geht mit Astrazeneca auch innerhalb der Zulassung
Jens Spahn, Bundesgesundheitsminister
Astrazeneca-Geimpfte müssten dann weniger lang warten bis zum Wegfall von Corona-Einschränkungen.

Immunologe sieht die Verkürzung kritisch

Professor Carsten Watzl, Leiter des Forschungsbereichs Immunologie am Leibniz-Institut für Arbeitsforschung an der TU Dortmund sieht die von Gesundheitsminister Spahn vorgeschlagene Verkürzung des Zeitraums zwischen Erst- und Zweitimpfung kritisch: "Studien haben klar gezeigt, dass die Effektivität bei einem Abstand von weniger als sechs Wochen nur 55 Prozent beträgt und erst bei einem Abstand von zwölf Wochen bei über 80 Prozent liegt! Das ist schon ein gewaltiger Unterschied. Daher muss man den Menschen klar sagen:
Wenn Sie Ihren Impfabstand bei Astrazeneca verkürzen, um damit schneller in den Genuss von Lockerungen zu kommen, machen Sie das auf Kosten ihres Immunschutzes!
Neue Impfschemata können sich somit einerseits auf den Schutz des Einzelnen in Form der Wirksamkeit, aber auch auf gesamtgesellschaftliche Eindämmung der Pandemie auswirken. 

Unterschied zu mRNA-Impfstoffen groß

Der entscheidene Faktor beim Impfstoff von Astrazeneca sei, dass es sich dabei nicht um einen mRNA- sondern einen Vektorimpfstoff handle, so Watzl.
Bei der Verkürzung der Impfabstände bei den mRNA-Impfstoffen habe er keine Bedenken: "21 Tage bei Biontech und 28 Tage bei Moderna waren die Abstände, bei denen die Impfstoffe ihre gute Effektivität von rund 95 Prozent gezeigt haben". Bei Astrazeneca sei das Bild aber anders.
Seit heute wird in Deutschland der Impfstoff von Moderna verabreicht. Ein mRNA-Impfstoff, wie der von BioNtech/Pfizer. Zudem hat Astrazeneca die Zulassung seines Vektor-Impfstoffs bei der EU beantragt. Beide wirken ähnlich, aber es gibt Unterscheide.

Datenlage zu Verkürzung der Abstände noch nicht eindeutig

Dr. Anke Huckriede vom Institut für Medizinische Mikrobiologie der Universität Groningen ist in ihrer Bewertung etwas optimistischer. "Auf Basis der letzten, noch vorläufigen Daten einer Phase-III-Studie, die in den USA durchgeführt wurde, liegt bei einem vierwöchigen Intervall zwischen den Impfungen der Schutz gegen eine symptomatische Erkrankung bei 76 Prozent, bei Älteren sogar etwas höher, erklärt die Professorin für Vakzinologie. Das sei etwa die gleiche Effektivität wie bei einem längeren Impfintervall.
Die Daten dieser Studie seien allerdings seit März noch nicht publiziert worden. Die kombinierte Analyse von vier früheren Studien, die in verschiedenen Ländern durchgeführt wurden, hatte eine niedrigere Effektivität bei einem kürzen Abstand zwischen den Impfungen gezeigt.

Watzl: Freigabe für alle sinnvoll

Die Freigabe des Impfstoffs von Astrazeneca für alle hält Immunologe Watzl an sich für sinnvoll:
Um unsere Impfziele zu erreichen, möglichst viele Menschenleben zu schützen, können wir es uns nicht erlauben, Impfdosen ungenutzt zu lassen.
Carsten Watzl, Immunologe
Das Risiko der speziellen Sinusvenenthrombosen als Nebenwirkung sei sehr gering. Dagegen sei das Risiko einer schweren Komplikation durch Covid-19 für viele Personen sehr viel höher. Lediglich bei den unter 30-Jährigen würde er zur Verwendung eines mRNA-Impfstoffes raten.
Quelle: dpa, Reuters

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