: Testen, testen, testen - wie in Böblingen?

von Katharina Thode
30.03.2021 | 07:31 Uhr
Mindestens zwei Corona-Schnelltests pro Woche, kostenlos - so geht das "Böblinger Modell". Erfinder Björn Schittenhelm erklärt, warum so die Inzidenz massiv gesenkt werden kann.
Mit flächendecken Schnelltests versucht Böblingen, die Ausbreitung des Coronavirus einzudämmen. Seit fast zwei Monaten können sich die Böblinger zweimal pro Woche gratis testen lassen.
Gesundheitsminister Jens Spahn (CDU) hat ein digitales Treffen mit dem Erfinder des Böblinger Modells angekündigt. Der Landkreis in Baden-Württemberg hat am 8. Februar einen Sonderweg im Kampf gegen Corona eingeschlagen. Offenbar mit Erfolg: Im Interview mit ZDFheute zieht Björn Schittenhelm, Apotheker und Erfinder des Böblinger Modells, ein erstes Fazit.
ZDFheute: Das Böblinger Modell kurz erklärt ...
Björn Schittenhelm: Anfang Februar haben wir ein flächendeckendes Schnelltestangebot im Landkreis Böblingen eingeführt. Erst waren es fünf Testzentren, mittlerweile sind es 42 Teststellen. Das Konzept: Mindestens zwei Gratis-Schnelltests pro Woche pro Person, kurze Wartezeiten und ein schnelles digital übermitteltes Ergebnis.

Technische Umsetzung des "Böblinger Modells"

  • Online-Registrierung oder per Walk-in vorbeikommen
  • Dabei wird ein QR-Code generiert
  • QR-Code zur Anmeldung im Testzentrum vorzeigen
  • Testzentrum verteilt Barcode oder QR-Code-Armband
  • Nach 30 Minuten: Code via Handykamera scannen, Ergebnis wird angezeigt

Die App "Doctor Box"…

… ist ursprünglich eine Patientenapp zum Speichern und Übermitteln von Patientendaten. Damit ist sie die "ideale Basis zur sicheren Übermittlung sensibler Daten", erklärt Dr. Schittenhelm. Alternativ zur Anzeige des Testergebnis via App wurde vergangene Woche das QR-Code-Armband eingeführt.

Das QR-Code-Armband…

… funktioniert ähnlich wie ein Festival-Armband: Es ist versiegelt, kann nicht getauscht werden und enthält einen individuellen QR-Code. Der Code kann ohne App mit jedem Smartphone gescannt werden. Angezeigt werden keine persönlichen Daten der Patient*innen, sondern nur das Testergebnis. Damit können auch Ladenbesitzer*innen oder Gastronom*innen das Armband scannen, ohne dass der Datenschutz verletzt wird.
ZDFheute: Wie lautet Ihr Fazit nach knapp zwei Monaten?
Schittenhelm: Wir haben signifikant niedrigere Inzidenzwerte im ganzen Landkreis. Der Landkreis Böblingen ist - Stand gestern - der Landkreis mit der niedrigsten Inzidenz in ganz Baden-Württemberg. Die Schnelltests sorgen dafür, wenn man sie flächendeckend fokussiert anwendet, dass man frühzeitig Infektionsketten entdeckt.
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ZDFheute: Dabei heißt es doch häufig: Wer mehr testet, findet auch mehr positive Corona-Infektionen …
Schittenhelm: Wir können genau das Gegenteil beweisen. Die Logik: Wenn ich mehr teste, finde ich frühzeitig mehr Infizierte und wenn ich frühzeitig mehr Infizierte finde, können diese nicht Weitere infizieren. Dementsprechend habe ich weniger Fälle am Ende des Tages.
ZDFheute: Es gibt heftige Kritik an den Modellversuchen. Das Risiko sei zu hoch, sagte SPD-Gesundheitspolitiker Karl Lauterbach kürzlich im ZDF.
Schittenhelm: Ich bin ein totaler Freund von Herrn Lauterbach, weil er die Dinge in der Pandemie sehr weise und mit Voraussicht vorhergesehen hat. Ich gebe ihm auch recht, wir werden höhere Zahlen [durch Modellprojekte] bekommen. Aber in puncto Risikoauswertung stehe ich nicht bei ihm. Ich glaube, wir sind jetzt an einem Punkt, wo auch die Gerichte diese Einschränkungen nicht mehr tolerieren werden, weil wir eine Lösung haben. Die Lösung sieht vor: Testen.
Ich kann doch Menschen, die nachweislich negativ getestet sind, nicht einsperren.
Das widerspricht sämtlichen Grundgesetzregelungen, die wir haben. Der Lockdown in der ersten Welle, wo wir machtlos waren, der war vollkommen in Ordnung und der hat auch richtig funktioniert, die Menschen haben auch mitgemacht. Aber inzwischen tolerieren viele Menschen diesen Lockdown nicht mehr. Nicht die Mehrheit - die Mehrheit ist für Lockdown. Aber es reicht eben nicht, wenn nur 50 Prozent oder 60 Prozent der Menschen sich an einen Lockdown halten. Das haben wir in der zweiten Welle gesehen.

Dr. Björn Schittenhelm…

Quelle: privat
… ist Apotheker und hat das "Böblinger Modell" entwickelt. Er ist 1983 im Landkreis Böblingen geboren und hat in Tübingen studiert und promoviert.
ZDFheute: Warum Schnell- und keine PCR-Tests?
Schittenhelm: Der entscheidende Punkt ist die Schnell-Testung, das ist der Unterschied zur PCR-Testung, die einfach zu lange dauert. Ich verliere jedes Mal ein, zwei Tage Zeit, bis ich das Ergebnis habe. Beim Schnelltest habe ich es wesentlich früher und damit ein, zwei Tage Vorsprung. Ich weiß, beim Schnelltest haben viele Angst vor den falsch-positiven Ergebnissen. Unsere Erfahrungen aus dem Landkreis Böblingen haben gezeigt, dass 99,8 Prozent aller positiven Schnelltestergebnisse durch PCR-Tests bestätigt wurden.
Das Ziel des "Böblinger Modells" sind flächendeckende, regelmäßige und unaufwändige Kontrollen um Corona-Infektionen auch bei Menschen ohne Symptome herauszufiltern. Dafür gibt es mindestens zwei kostenlose Schnelltests pro Woche.
ZDFheute: Und die Kosten? Das Böblinger Modell mit seinen Schnelltests ist alles andere als billig.
Schittenhelm: Das ist vollkommen richtig, die kosten sehr viel Geld. Aber ich glaube, der Lockdown kostet täglich eine Milliarde. Die Schnelltest-Strategie wird lange nicht so viel Geld auffressen. Und wenn wir wieder Öffnungsstrategien haben und Menschen wieder arbeiten können, dann kommen wieder Steuereinnahmen rein. Volkswirtschaftlich macht es total viel Sinn zu testen, und zwar so viel wie möglich, auch wenn es teuer ist.
Das Interview führte Katharina Thode.
Quelle: ZDF

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