: Kritik an "Kakophonie" - Streit um Schulen

22.03.2021 | 06:20 Uhr
Städtetag und Handelsverband kritisieren "Durcheinander" bei Corona-Maßnahmen und fordern Geschlossenheit. Kultusminister sind für offene Schulen, Lehrer und Ärzte für Schließung.
Die Kultusminister-Präsidentin hat vor erneuten Schulschließungen gewarnt. Der Lehrerverband kritisierte dahingegen das Festhalten am Präsenzunterricht ohne ausreichende Tests.
Der Deutsche Städtetag hat angesichts der Bund-Länder-Spitzengespräche zu mehr Geschlossenheit aller Beteiligten aufgerufen. Auch der Handelsverband Deutschland (HDE) fordert einheitliche Regeln. Der Lehrerverband, die Ärzteorganisation Marburger Bund und die Kultusministerkonferenz hingegen sind uneinig beim Thema Schulschließungen.
Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) und die Ministerpräsidenten sollten "mit einer Stimme sprechen und auch so handeln", sagte Städtetagspräsident Burkhard Jung den Zeitungen der Funke-Mediengruppe.

Städtetag fordert Ende der Kakophonie

Der SPD-Politiker weiter: "Das Schlimmste ist die Kakophonie nach einem solchen Gipfel, wenn jedes Bundesland seinen eigenen Weg geht - obwohl es doch eine gemeinsame Grundlinie geben sollte."
Wir verlieren die Menschen, wenn wir nicht zurückkehren zu klaren Botschaften und nachvollziehbaren Entscheidungen.
Burkhard Jung, Deutscher Städtetag
Auch der Handelsverband Deutschland (HDE) forderte einheitliche Regeln. "Das bundesweite Durcheinander unterschiedlicher Corona-Maßnahmen muss ein Ende haben", sagte HDE-Hauptgeschäftsführer Stefan Genth der "Bild"-Zeitung.

HDE: Nicht nur Inzidenzzahlen als Maßstab

Er sprach sich dafür aus, die Entscheidungen nicht in erster Linie von der Inzidenzzahl abhängig zu machen. "Wir müssen die Inzidenzzahl hinter uns lassen und Aspekte wie die höhere Testquote und die Auslastung der Intensivbetten einbeziehen."
Es ist Zeit für einfache Regeln und eine einheitliche und evidenzbasierte Öffnungsstrategie.
Stefan Genth, HDE
Wird der Shutdown verlängert oder kommen Lockerungen? Darum wird es beim Bund-Länder-Treffen am Montag gehen. Sorge machen aktuell die steigenden Infektionszahlen.

Kultusminister: Kinder leiden unter Pandemie

Die Präsidentin der Kultusministerkonferenz, Britta Ernst (SPD), warnte vor dem Corona-Gipfel von Bund und Ländern vor den Folgen von erneuten Schulschließungen. Die Kultusministerkonferenz betrachte die Auswirkungen der zur Eindämmung der Corona-Pandemie getroffenen Maßnahmen auf Kinder und Jugendliche "mit Sorge".
Die Bildungsministerin von Brandenburg sagte der "Bild"-Zeitung, für Kinder und Jugendliche sei der Schulbesuch für ihre weitere Bildungsbiographie und auch für die sozialen Kontakte von entscheidender Bedeutung. Das gelte insbesondere für jüngere Schüler, aber auch für die Abschlussklassen. "Viele Kinder und Jugendliche leiden unter der Pandemiesituation", so Ernst.
Damit die Folgen nicht dauerhaft ihr Leben begleiten, liegt die Priorität der Kultusminister*innen darauf, die Schulen so lange wie möglich offen zu halten.
Britta Ernst, Kultusministerkonferenz

Lehrerverband: Präsenzunterricht in Frage stellen

Der Präsident des Deutschen Lehrerverbands, Heinz-Peter Meidinger, sagte der "Rheinischen Post", er habe kein Verständnis für den Vorstoß der Kultusministerkonferenz, weiter am Präsenzunterricht festzuhalten, wenn die Inzidenzen über 100 klettern. Das sei mit Blick auf die Infektionsgefahr nicht verantwortbar.
Meidinger weiter: "Wenn es den Bundesländern ernst gewesen wäre, Schulen (...) offen zu halten, hätte man dafür sorgen müssen, dass Lehrkräfte geimpft und Schulen mit Schnelltests in ausreichender Zahl ausgestattet sind. Davon sind wir aber an 9 von 10 Schulen noch meilenweit entfernt."

Marburger Bund: Ohne Tests Schulen schließen

Die Chefin der Ärzteorganisation Marburger Bund, Susanne Johna, befürwortete eine Schließung aller Schulen, in denen keine Schnelltests möglich seien. "Schulen dürfen nur bei einem funktionierenden, engmaschigen Testkonzept offen bleiben", sagte sie der "Neuen Osnabrücker Zeitung".
Es sei zwar richtig, Schulen zuletzt zu schließen. "Aber jetzt sehen wir, dass Jugendliche genauso häufig betroffen sind und die Infektion weitertreiben", sagte Johna. Nach den Osterferien seien "hoffentlich" überall Tests vorhanden. "Und wenn dann ein Großteil der Lehrkräfte geimpft ist, könnten wenigstens die jüngeren Schüler zurück in den Unterricht."
Quelle: dpa, AFP

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