: Wie Delta die Herdenimmunität verändert

von Julia Klaus
06.07.2021 | 12:58 Uhr
Vollständig Geimpfte sind gut vor schweren Erkrankungen geschützt, doch auch sie können sich infizieren. Was das mit der Herdenimmunität macht.
Forschungen aus Israel zufolge bietet der Impfstoff von Biontech/Pfizer gegen die Delta-Variante nur einen Infektionsschutz von 64 %. Positiv dagegen die Erkenntnis: Auch bei Delta schützt Biontech/Pfizer weiterhin sehr gut vor schweren Verläufen.
Wie gut sind Geimpfte vor der Delta-Variante geschützt? Forschende aus Israel haben neue Daten zum Biontech/Pfizer-Impfstoff veröffentlicht: Der verhindere zu 93 Prozent schwere Verläufe und Krankenhausaufenthalte, so die gute Nachricht. Doch schütze die Impfung nur noch zu 64 Prozent vor einer Infektion oder einer Erkrankung mit leichteren Symptomen. Im Februar hatte der Schutz vor einer Erkrankung noch bei 95,8 Prozent gelegen, sagte damals das Gesundheitsministerium. In dem Land breitet sich die Delta-Variante aus.
Israel ist ein Impf-Vorreiter, dennoch steigt die Zahl der Neuinfektionen. Das gleiche Bild ergibt sich in Großbritannien, wo die Inzidenz sogar die 200er-Marke überschritten hat. Trotzdem sollen Mitte Juli alle Einschränkungen in England fallen. Ein Grund: Geimpfte, die sich anstecken, haben einen oft milderen Verlauf.
Laut Forschern aus Israel schützt der Biontech/Pfizer-Impfstoff weniger gut vor einer Infektion mit Delta-Variante als vor früheren Varianten, verhindert aber schwere Verläufe.

Herdenimmunität - nur mit Kindern und Jugendlichen möglich?

Was heißt das für Deutschland? Die Inzidenz ist niedrig, doch die ansteckendere Delta-Variante breitet sich aus und wird wohl dominierend werden, sagt das Robert-Koch-Institut.
Deshalb korrigieren Expert*innen eine entscheidende Zahl nach oben: die der Herdenimmunität. Sie sagt aus, wie viel Prozent einer Bevölkerung gegen einen Erreger geschützt ist - entweder durch Impfung oder nach einer Infektion.
Der Vizepräsident der Deutschen Gesellschaft für Immunologie rechnet heute in den Zeitungen der Funke Mediengruppe vor:
Klassischerweise geht man von einer Herdenimmunität aus, wenn 60 bis 70 Prozent der Bevölkerung gegen den Erreger geschützt sind. Das setzt aber voraus, dass sich der Erreger in diesen Personen nicht vermehren kann.
Reinhold Förster, Deutsche Gesellschaft für Immunologie
Der Impfstoff von Biontech/Pfizer schützt anscheinend doch nicht so zuverlässig vor der Delta-Variante des Corona-Virus wie erhofft. "Biontech schützt auf jeden Fall vor schweren Krankheitsverläufen", so Bayern Gesundheitsminister Klaus Holetschek (CSU).
Weltärztepräsident Ulrich Montgomery geht nun nach neuen Rechenmodellen davon aus, dass rund 85 Prozent Genesene oder Geimpfte sein müssten. Das sagte er ebenfalls den Zeitungen der Funke Mediengruppe
Montgomerys Fazit: Eine Herdenimmunität gegen das Coronavirus sei "kurzfristig nicht erreichbar". Der Immunuloge Förster forderte hingegen, dass man auch Kinder und Jugendliche impfen müsse: "Solange diese Gruppe gar nicht oder wenig geimpft ist, werden wir keine Herdenimmunität bekommen", so Förster.
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RKI: 85 Prozent der 12- bis 59-Jährigen sollten geimpft sein

Auch das Robert-Koch-Institut hatte am Montag neue Zielmarken veröffentlicht. In einem Bulletin skizzierten Forschende, dass mindestens 85 Prozent der 12- bis 59-Jährigen und 90 Prozent der Menschen ab 60 Jahren vollständig geimpft sein sollten. "Bei rechtzeitigem Erreichen dieser Impfquote scheint eine ausgeprägte 4. Welle im kommenden Herbst/Winter unwahrscheinlich", heißt es in dem RKI-Papier.
Das RKI mahnt zur Eile vor dem Herbst: "Aufgrund der sich schnell ausbreitenden Delta-Variante ist es jedoch entscheidend, dass die noch ungeimpfte Bevölkerung motiviert wird, das Impfangebot noch im Sommer wahrzunehmen." Derzeit geht die Zahl der Impfungen in Deutschland tendenziell zurück.
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Bei all den Mahnungen bleibt festzuhalten, dass Delta zwar ansteckender als andere Varianten ist, doch die Impfstoffe gut vor schweren Verläufen schützen, zum Teil aber erst nach der zweiten Dosis, wie unsere Übersicht zeigt:

Wann ist Schluss mit der Maske?

Aufgrund der geringen Fallzahlen läuft eine Debatte über das Ende der Einschränkungen für Geimpfte in Deutschland. Das forderte gestern etwa der KBV-Präsident Andreas Gassen bis spätestens September. Andere Mediziner kritisierten seine Forderung gegenüber ZDFheute als zu pauschal und verfrüht.
Wenn wir im Herbst wieder ansteigende Infektionszahlen haben, sollten wir mit Augenmaß bestimmte Maßnahmen in Kraft lassen - das könnte etwa die Maskenpflicht in Innenräumen und im öffentlichen Nahverkehr sein.
Leif Erik Sander, Infektiologe Charité Berlin
Dennoch müsse die Debatte darüber geführt werden, den Mut solle man haben, sagte Virologe Martin Stürmer. Doch zuvor solle auch Kindern und Jugendlichen ein Impfangebot gemacht werden.
Die Frage der Kinder-Impfungen hängt maßgeblich an der Ständigen Impfkommission (Stiko). Sie hat Biontech/Pfizer nur für Kinder ab 12 Jahren mit Vorerkrankungen empfohlen, will noch weitere Daten abwarten, denn Jüngere haben meist einen milderen Verlauf.

Lauterbach hofft auf Stiko-Empfehlung

Zwar dürfen Ärzte auch ohne Empfehlung der Stiko impfen, allerdings wies SPD-Gesundheitspolitiker Karl Lauterbach auch unter Verweis auf die Langzeitfolgen gegenüber ZDFheute darauf hin:
Ohne Empfehlung impfen die meisten Ärzte Kinder nicht. Die Stiko sollte ihre Entscheidung überdenken.
Karl Lauterbach, SPD-Gesundheitspolitiker
Die Debatte über das Ende aller Maßnahmen gab es auch im vergangenen Sommer. Allerdings findet sie nun unter ganz anderen Rahmenbedingungen statt, denn damals gab es noch keine Impfungen.
Quelle: Mit Material von dpa und AFP

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