: Impfgespräche: Zwei Blasen, eine Drohung

von Gunnar Krüger, Brüssel
25.02.2021 | 21:17 Uhr
Chefs und Chefs: Die einen machen Politik, die anderen Impfstoffe. Zeitgleich laufen ein EU-Gipfel und eine Anhörung mit Pharma-Chefs. Digitale Parallelwelten - manchmal.
Bundeskanzlerin Merkel und ihre EU-Kollegen beraten bei einem EU-Gipfel über den gemeinsamen Kampf gegen die Corona-Pandemie. Unter anderem sollen die Impfungen beschleunigt werden. Sorge bereitet den Regierungschefs die Ausbreitung der Virus-Mutanten.
Aus Verhandlungskreisen heißt es am Nachmittag, die Staats- und Regierungschefs der Europäischen Union seien entschlossen, die Produktion von Impfstoffen hochzufahren - und wollten künftig strategischer an die Sache rangehen.
[Sehen Sie hier die Pressekonferenz von Kanzlerin Merkel nach dem parallel laufenden EU-Sondergipfel - in voller Länge]

Viele Fragen an EU-Kommission

Sie hätten der EU-Kommission viele Fragen gestellt, über frühere Verzögerungen, künftige Liefertermine und mutmaßliche Exporte von Impfstoffen an Staaten außerhalb der EU.
Auf dem EU-Gipfel hat man sich vorerst auf eine Impf-App geeinigt, die in allen Mitgliedsstaaten funktionieren soll, so Korrespondentin Anne Gellinek. Zur Impfstoffproduktion heißt es vonseiten der Hersteller, dass die EU sich noch gedulden müsse.

Pharma-Chefs sollten Antwort geben

Bei der Video-Schalte saß jeder in seiner Hauptstadt - und war doch nur einen Klick entfernt von einer zweiten Veranstaltung, die auch in Brüssel stattfand - und wohl eher Antworten gegeben hätte.
Das Europa-Parlament hatte zu einer Anhörung geladen. Auf der Gästeliste: die Chefs von Astrazeneca, Moderna, Novavax, CureVac, Johnson & Johnson, Pfizer und Sanofi - kurz alle, die liefern sollen, das aber nicht immer tun.
Hier lesen Sie, wie wirksam die verschiedenen Impfstoffe sind:

So wirksam waren Corona-Impfstoffe in Labortests

Der Vektorviren-Impfstoff von Astrazeneca hat laut klinischen Studien eine Wirksamkeit von rund 70 Prozent. Bei den Impfstoffen von Biontech/Pfizer und Moderna, die auf der neuen mRNA-Technologie basieren, liegt die Wirksamkeit hingegen bei 95 und 94,1 Prozent. Eine 70-prozentige Wirksamkeit bedeutet allerdings nicht, dass nur 70 Prozent der Geimpften geschützt werden und 30 Prozent sich mit Corona infizieren können - sie bedeutet vielmehr, dass die Zahl der Infektionen bei Geimpften um 70 Prozent geringer ist als bei nicht Geimpften.

Wie wurde die Wirksamkeit berechnet?

Um die Wirksamkeit zu überprüfen haben die Impfstoffhersteller Tests mit geimpften und ungeimpften Personen gemacht. Beim Beispiel Biontech/Pfizer haben also rund 17.500 Menschen den Impfstoff bekommen und 17.500 ein Placebo. Nach sieben Tagen wurde dann überprüft, ob sich die Personen mit dem Coronavirus infiziert hatten. Laut dem Studienprotokoll von Pfizer teilt man dann den Anteil der Covid-19-Fälle unter den Geimpften Studienteilnehmer durch den Anteil der Fälle in der Kontrollgruppe. Das Ergebnis wird von 1 abgezogen und mit hundert multipliziert. Im Beispiel Biontech gab es bei den Geimpften 8 Infektionen, bei der Gruppe, die nur das Placebo erhalten hatte, 162 Infektionen. So kommt man zu der Wirksamkeit von 95 Prozent. Die Rechnung bezieht sich also nur auf die Zahl der Infizierten. Ein ganz wichtiger Faktor bei der Einschätzung von Impfstoffen ist die Verhinderung von schweren oder gar tödlichen Krankheitsverläufen, diese wird aber über die Angabe der Wirksamkeit nicht abgedeckt.
Der Vorwurf richtet sich zuerst an Pascal Soriot. Der CEO der britisch-schwedischen Firma Astrazeneca hat sich in Brüssel unbeliebt gemacht mit dünnen Erklärungen für das, was Kommission und Parlament Vertragsbruch nennen.

Diesmal redet Soriot mehr: vom Start vor über einem Jahr mit der Uni Oxford. Von den zig Millionen Pfund, die man in Großbritannien dann in den Aufbau einer Produktion steckte. Und von der Enttäuschung, als der Ertrag der biologischen Reaktoren geringer war als erwartet.

Astrazeneca-Chef: EU hatte dann einfach Pech

Der Gegenvorwurf steht unausgesprochen zwischen Zeilen: Die EU war nicht so schnell, nicht so freigiebig - und hatte dann einfach Pech: "Manche Produktionsstätten liefen gut an, manche waren langsamer", erklärt Soriot. Diese Ertragsschwankungen hätten Einfluss auf die Liefermenge für die EU.
Ich kann Ihnen aber sagen, dass das allermeiste von dem, was in der EU produziert wird, auch in die Versorgung der EU geht.
Pascal Sorio, CEO Astrazeneca
Das ist das Mindeste, was Parlament und Kommission verlangen. Denn im Vertrag der EU mit Astrazeneca stehen auch Werke in Großbritannien. Von dort werde auch nach Europa geliefert, bestätigt Soriot. "Alles wird geteilt. Selbst wenn wir die ganze britische Produktion nach Europa schaffen, macht das keinen großen Unterschied". Damit bleibt er eine Erklärung schuldig, warum Großbritannien dann nicht vor vergleichbaren Engpässen steht.
[Mehr zum Hintergrund zum Impfstreit zwischen EU und Astrazeneca lesen Sie hier]
Am Abend ist auch der Gipfel vorbei und Angela Merkel beklagt:
Großbritannien exportiert sehr, sehr wenig.
Angela Merkel, Bundeskanzlerin
Es ist der Moment, in dem Brüssels digitale Parallelwelten einen Abgleich nötig hätten. Eine Drohung in Merkels Worten dürfte aber auch so bei Soriot und den anderen ankommen: Die EU exportiere Impfstoff in alle Welt, führt die Bundeskanzlerin aus: "Das ist okay, solange sich die Firmen an die Verträge halten, die die EU mit den Firmen hat."
Heißt umgekehrt: Wenn Ihr nicht liefert, was Ihr versprochen habt, drohen wir mit einem Exportverbot.
Gunnar Krüger berichtet als Korrespondent aus dem ZDF-Studio Brüssel über die EU, die NATO und die Benelux-Staaten.

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