: Schluss mit Maske? Das sagen Experten

von Julia Klaus
05.07.2021 | 16:45 Uhr
Kassenärzte-Chef Gassen fordert, bis spätestens September die Maßnahmen für vollständig Geimpfte fallen zu lassen. Wie sieht das rechtlich, virologisch und epidemiologisch aus?
Fast 39 von 100 Deutschen sind mittlerweile vollständig gegen Covid-19 geimpft. Mit steigender Impfquote werden auch die Rufe nach weniger Einschränkungen lauter.
Ein Ende der Corona-Maßnahmen für vollständig Geimpfte - das fordert der Vorsitzende der Kassenärztlichen Bundesvereinigung (KBV) Andreas Gassen. In der "Bild" sagte er:
Spätestens im September wird für jeden ein Angebot für die Zweitimpfung verfügbar sein. Dann müssen eigentlich nahezu alle Corona-Maßnahmen weg. Jeder kann dann immer noch individuell entscheiden, eine Maske zu tragen - Pflicht sollte es aber nicht mehr sein.
Andreas Gassen, Chef der Kassenärztlichen Bundesvereinigung
Ist der Vorstoß für Geimpfte eine gute Idee? Welche Folgen könnte das angesichts der ansteckenderen Delta-Variante haben? ZDFheute hat Expert*innen dazu befragt.
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Infektiologe: keine pauschalen Forderungen

Leif Erik Sander, Impfstoffforscher mit dem Schwerpunkt Infektiologie an der Berliner Charité, warnt vor zu frühen und pauschalen Entscheidungen:
Wenn wir im Herbst wieder ansteigende Infektionszahlen haben, sollten wir mit Augenmaß bestimmte Maßnahmen in Kraft lassen - das könnte etwa die Maskenpflicht in Innenräumen und im öffentlichen Nahverkehr sein.
Leif Erik Sander, Infektiologe Charité Berlin
Sander hält es für "viel zu undifferenziert", bereits jetzt ein Ende aller Maßnahmen bis spätestens September zu fordern. Denn: "Wir können die Situation im Herbst noch nicht vorhersagen, daher ist es schwierig, jetzt pauschale Forderungen zu stellen", so Sander.

Virologe glaubt, September wird zu knapp

Der Frankfurter Virologe und Laborleiter Martin Stürmer begrüßt dagegen die Debatte:
Es ist gut, dass wir grundsätzlich immer auch auf das Ende der Einschränkungen schauen. Den Mut müssen wir haben. Ich glaube aber, dass September verfrüht ist.
Martin Stürmer, Virologe und Laborchef in Frankfurt
Stürmer meint: "Wir sollten die Maßnahmen erst beenden, wenn wir wirklich allen - auch Kindern und Jugendlichen - den Piks anbieten können." Das werde aber noch bis zum Frühjahr dauern, schätzt er.
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Epidemiologe: Studien zu Delta abwarten

Auch der Epidemiologe Hajo Zeeb würde lieber die Entwicklungen der nächsten Monate abwarten:
Aktuell müssen wir erstmal sehen, wie sich jetzt die Zahlen (Infektionen, Erkrankungen) in den kommenden drei Monaten entwickeln, dann wird entscheidbar sein, ob es verantwortbar ist, weitere Lockerungen gerade auch in Innenräumen zu ermöglichen.
Hajo Zeeb, Leiter der Abteilung Prävention und Evalutation des Leibniz Institut BIPS in Leipzig
Zeeb plädiert dafür, mehr Studien zu Delta abzuwarten, hat aber auch Lockerungen im Blick. Wenn klar sei, dass Geimpfte Infektionen nicht oder nur sehr selten an Nicht-Geimpfte weitergeben würden, seien Restriktionen für Geimpfte epidemiologisch kaum mehr zu begründen, so Zeeb.

Juristisch: Maskenpflicht könnte bleiben

Der Göttinger Staatsrechtler Alexander Thiele fordert mehr Differenzierung: "Geimpfte sind viel besser geschützt und das muss sich auch in ihren Rechten widerspiegeln. Gleichzeitig ist noch zu wenig über Geimpfte und die Weitergabe von Delta bekannt", so Thiele. Ein Blick nach Großbritannien deute aber darauf hin, dass auch sie Delta weitergeben könnten.
Thiele weiter: "Ich würde deshalb die Maßnahmen differenzieren, statt ein pauschales Ende zu fordern."
Die Maskenpflicht könnte meiner Meinung nach aufrecht erhalten bleiben - denn sie stellt einen eher geringen Grundrechts-Eingriff dar.
Alexander Thiele, Staatsrechtler Uni Göttingen
Thiele geht es auch um den Alltag - etwa im Supermarkt. Es sei ein "erheblicher Aufwand", wenn am Supermarkt-Eingang kontrolliert werden müsse, ob jemand geimpft ist und deshalb keine Maske tragen muss.
"Stattdessen könnte man sagen: Wir verzichten auf die Kontrolle, tragen dafür aber alle im Herbst erstmal weiter Maske."

Blick nach England und das Ende der Einschränkungen

Die Debatte schließt an jene in England an, wo schon Mitte Juli alle Einschränkungen fallen könnten - das verspricht zumindest Premier Boris Johnson. Die Inzidenz dort liegt bei über 200, doch aufgrund der hohen Impfquote von 86 Prozent müssen deutlich weniger Menschen ins Krankenhaus als bei früheren Wellen.
Die Mathamatikerin Christina Pagel vom University College in London nannte es auf Twitter jedoch einen "schrecklichen Plan" der britischen Regierung, "die wenigen Maßnahmen, die wir haben, zu beenden".
Christina Pagel auf Twitter:
Pagel nannte fünf Gründe, warum man Infektionen weiter gering halten solle - eine Forderung, die bald auch in Deutschland prominenter diskutiert werden dürfte:
  1. Die Hospitalisierungen und Corona-Toten sind derzeit zwar vergleichsweise niedrig, würden mit weiteren Infektionen aber zunehmen.
  2. Die Langzeitfolgen der Corona-Pandemie, auch Long Covid genannt, betreffen auch Jüngere.
  3. Die Fälle sind in sozial schwachen Gegenden am höchsten, die Impfquoten dort am niedrigsten - Corona trifft die sozial Schwachen.
  4. Mehr Neuinfektionen erhöhen das Risiko für weitere Mutationen.
  5. Mit Hilfe des Impfprogramms kann man Fälle verhindern - man solle abwarten, bis die Impfungen weiter fortgeschritten sind.
Die Debatte um ein Ende der Einschränkungen - sie dürfte in Deutschland erst begonnen haben. Wohin sie sich entwickelt, hängt sicher auch davon ab, ob es eine weitere Welle im Herbst geben wird.

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