Der Minister und die Fake News

von Katja Belousova
17.03.2020 | 20:41 Uhr
Das Gesundheitsministerium bezeichnete Meldungen über Einschränkungen des öffentlichen Lebens als "Fake News". Jetzt werden diese Einschnitte real - und die Kritik laut.
Quelle: EPAEin Tweet von Jens Spahn zu den Folgen des Coronavirus sorgt für Unverständnis.
Als Bundesgesundheitsminister Jens Spahn sich Ende Januar zum ersten Coronavirus-Infizierten Deutschlands äußerte, hatte er eine klare Botschaft: Es sei weniger das Virus, das ihn beunruhige, als die Vielzahl an Fake News und Verschwörungstheorien, die dazu im Umlauf seien.
Knapp zwei Monate später hat sich die Lage zugespitzt: Immer mehr Deutsche haben sich seither mit dem neuen Erreger namens SARS-CoV-2 infiziert. Mindestens 13 Menschen sind bereits daran gestorben.

Weitreichende Einschnitte im Alltag wegen des Coronavirus

Um die Infektion unter den Bundesbürgern zu verlangsamen, wurden weitreichende Schritte beschlossen: Kindergärten und Schulen bleiben zu, ebenso wie Clubs und Bars. Restaurants dürfen zum Teil nur noch bis 15 Uhr öffnen, in einigen Bundesländern werden Spielplätze geschlossen.

Bei einer Pressekonferenz am Dienstag erklärte Spahn: "Wir erleben den wahrscheinlich tiefsten Einschnitt in den Alltag der Bürgerinnen und Bürger seit Gründung der Bundesrepublik. Da gibt es nichts zu beschönigen."

Gesundheitsministerium schrieb auf Twitter von "Fake News"

Diese Einschränkungen hatten sich angebahnt, auch mit Blick auf die Corona-Maßnahmen anderer Länder. Trotzdem setzte das Bundesgesundheitsministerium am Samstag einen bemerkenswerten Tweet ab:
Meldungen darüber, dass die Bundesregierung massive weitere Einschränkungen des öffentlichen Lebens ankündigen wolle, wurden darin als "Fake News" abgetan. Wie schon zu Beginn der Krise warnte das Gesundheitsministerium also vor der Verbreitung von Fake News – und machte sich in den Augen vieler Bürger diesmal unglaubwürdig.

Spekulationen über Verschwörung der Bundesregierung

"Wie kann man dieser Regierung noch ein Wort glauben? Vor ein paar Tagen hat das Gesundheitsministerium 'Einschränkungen des öffentlichen Lebens' als Fake News bezeichnet. Heute wurden diese von #Merkel bekanntgegeben", schrieb ein Twitter-Nutzer.
"Warum wurde das vorgestern noch als Fake News runter gespielt und heute ist es doch Realität. Was soll man da noch glauben?", fragte ein anderer. Manch einer witterte gar eine Verschwörung der Regierung und fragte: "Was plant ihr als Nächstes hinter unserem Rücken?"
Auch Medien-Journalist Sascha Lobo äußerte sich kritisch zu dem Tweet:
Sein Fazit: "So eine supereindeutige Ansage - 'Fake News!' - und dann zwei Tage später exakt 'massive weitere Einschränkungen' ankündigen, das beschädigt das Vertrauen. Sehr."

Spahn: Wussten, dass wir zu den Maßnahmen kommen mussten

Bisher hat sich das Ministerium nicht direkt zu dem Tweet geäußert, er ist noch immer im Netz zu finden. Eine Anfrage von heute.de an das Ministerium blieb bis Redaktionsschluss unbeantwortet.
Am Montagabend erklärte Spahn in einem ZDF spezial, dass es ihm angesichts vieler Falschmeldungen in den sozialen Medien wichtig gewesen sei, zu signalisieren, dass eine Grundversorgung mit Apotheken, Drogerien, Tankstellen und Banken sichergestellt bleibt.
Zu den aktuell verhängten Maßnahmen sagte er aber: "Wir wussten, dass wir zu diesen Maßnahmen mal kommen müssen. Wir wussten aber nicht wie schnell".

Tweet wird zum Problem im Kampf gegen Fake News

Wenn das ein indirekter Erklärungsversuch für den Tweet vom Samstag sein sollte, hinterlässt er viele Fragen. Vor allem mit Blick auf die Wortwahl des Tweets, in dem klar von "Fake News" die Rede ist - nicht aber von einer Grundversorgung gesprochen wird. Und sind die bisher getroffenen Maßnahmen etwa keine "massiven Einschränkungen des öffentlichen Lebens"?
Gerade weil Bundesregierung und Bundesgesundheitsministerium als vertrauenswürdige Quellen gelten, entpuppt sich diese Wortwahl als Problem im Kampf gegen die Corona-Fake-News.
Denn der Tweet sorgt für Verunsicherung im Umgang mit echten Fake News und läuft damit dem ursprünglichen Ansinnen des Gesundheitsministeriums zuwider. Denn es war das Vertrauen auf die vielen Falschnachrichten, das Jens Spahn von Anfang an Sorgen bereitet hat. So schnell wird er diese Sorge nicht los.

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