: Impf-Nebenwirkung: Wie ein Tweet missglückte

von Katja Belousova
21.07.2022 | 18:03 Uhr
Die Nebenwirkungen von Corona-Impfungen bergen in öffentlichen Debatten viel Sprengkraft. Was passiert, wenn die Politik das unterschätzt, zeigt aktuell das Gesundheitsministerium.
Dem Bundesministerium für Gesundheit ist ein Fehler unterlaufen. Quelle: dpa
Dass Impfgegner*innen sich durch die Aussagen des Bundesgesundheitsministeriums bestätigt sehen, kommt nicht besonders häufig vor. Denn ihr Misstrauen gegen staatliche Organe in der Corona-Pandemie sitzt tief.
Vor diesem Hintergrund war am Mittwoch bemerkenswertes zu beobachten: Vielfach wurde ein Tweet des Ministeriums vor allem von Impfgegner*innen in den sozialen Medien geteilt und erreichte eine enorme Reichweite. Grund war der erste Satz der Nachricht:
Eine von 5.000 Personen ist von einer schweren Nebenwirkung nach einer COVID19-#Impfung betroffen.
Bundesgesundheitsministerium bei Twitter
Durch diese Aussage sahen sich Impfgegner*innen in ihren Sorgen vor Nebenwirkungen bestätigt - doch der Post war aus mehrfacher Sicht problematisch:
  1. Die Aussage, dass von 5.000 Personen eine von schweren Nebenwirkungen nach einer Covid-Impfung betroffen ist, war falsch.
  2. Es fehlte jegliche Einordnung.
  3. Das Gesundheitsministerium wurde dem aufgeladenen Thema der Impf-Nebenwirkungen mit diesem verkürzten Tweet nicht gerecht.

Gesundheitsministerium löscht Tweet

Erst einen Tag nach Veröffentlichung des Tweets wurde er vom Ministerium am Donnerstag gelöscht - nachdem er tausendfach kommentiert und geteilt worden war. Mittlerweile wurde ein neuer Eintrag formuliert, samt jener Einordnungen, die im Vorfeld fehlten. Auf Anfrage schreibt das Ministerium: "Es gab einen redaktionellen Fehler. Dieser wurde korrigiert."
Thread des Bundesgesundheitsministeriums
Rechnet man 0,2 Meldungen pro 1.000 Impfdosen mal fünf, kommt man auf eine Meldung schwerwiegender Nebenwirkungen pro 5.000 Corona-Impfdosen und nicht - wie das Ministerium ursprünglich schrieb - pro 5.000 Personen. Bei diesen Meldungen handelt es sich zunächst um Verdachtsfälle. Und dass die Meldezahlen Ungenauigkeiten unterliegen, ist der Behörde bewusst:
Das Paul-Ehrlich-Institut sieht z.T. sehr stark fluktuierende Meldefallzahlen, die mit neuen Berichten in den Sozialen-Medien und auch anderen Berichterstattungen in Verbindung gebracht werden können.
Paul-Ehrlich-Institut

Schwere Impf-Nebenwirkungen äußert selten

Wie hoch die Zahl derjenigen ist, die tatsächlich schwere Nebenwirkungen durch eine Corona-Impfung, ist daher schwer zu sagen. Klar ist aber: Schwerwiegende Nebenwirkungen sind äußerst selten:
Donnerstagmittag schrieb das Ministerium entsprechend: "Wichtig bleibt: Das Risiko einer schwerwiegenden Nebenwirkung nach einer Covid-19-Impfung ist sehr gering." In der ersten Korrektur des Tweets vom Mittwochabend fehlte eine solche Einordnung.
Korrektur des Bundesgesundheitsministeriums

Missglückte Kommunikation des Ministeriums

Ein solcher Fall missglückter Kommunikation wiegt im Falle des Gesundheitsministeriums besonders schwer. Die Behörde steht vor allem seit der Corona-Pandemie im Fokus der Öffentlichkeit und hatte in diesem Fall offenbar die Sprengkraft unterschätzte, die die Diskussion über Impf-Nebenwirkungen vor allem im digitalen Raum birgt.
"Die Kommunikation des Gesundheitsministeriums war in der Pandemie nicht immer die beste und klarste", erklärt Veronika Karnowski, die Kommunikationswissenschaft an der Uni Erfurt lehrt. "Das Problem war weniger der erste Tweet, denn Fehler passieren allen einmal, sondern, dass der Fehler in der Korrektur nicht wirklich klargestellt wurde, vor allem nicht in verständlichen Worten".

Nebenwirkungen nach der Corona-Impfung sind selten. Doch es gibt sie. Eine Spezialabteilung der Uniklinik-Marburg versucht zu helfen.

09.06.2022 | 02:30 min
Für das Ministerium sei es selbstverständlich, dass eine Meldung nicht gleichzusetzen sei mit einer konkreten Impf-Nebenwirkung. Viele Menschen in der Durchschnittsbevölkerung verstünden das aber nicht.
Das ließ Tür und Tor offen für die wildesten Spekulationen unter dem Tweet.
Veronika Karnowski, Kommunikationswissenschaftlerin Uni Erfurt
"Ich bin froh, dass das Ministerium das alles mittlerweile in dem neuen Eintrag beherzigt", sagt Karnowski. Man müsse Politik - vor allem in der Corona-Zeit - gut erklären. Das forderte schon der Corona-Expertenrat. Dieser Forderung ist nun auch das Gesundheitsministerium - wenn auch verspätet - nachgekommen.

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