: Darum geht mancherorts der Impfstoff aus

von Nils Metzger
01.12.2021 | 17:10 Uhr
Mitten in der Booster-Kampagne wird mancherorts Impfstoff knapp - obwohl beim Bund genug Dosen vorrätig sein sollen. Grund sind die Biontech-Rationierung und der Bestellprozess.
Lange Schlangen vor den Impfzentren: Die Nachfrage ist aktuell oft höher als das Angebot.Quelle: dpa
Lange Schlangen, ausgebuchte Termine – der Andrang auf Impfangebote ist riesig. Ausgerechnet da kommen aus dem ganzen Bundesgebiet Meldungen über Lieferprobleme.
Frankfurt am Main muss seinen "Impfexpress" in einer umfunktionierten Straßenbahn stilllegen, von Jümme in Ostfriesland bis Karlsbad in Baden-Württemberg mussten in den letzten Tagen große und kleine Impfaktionen und ausgemachte Termine wieder abgesagt werden. Impfstoff, mit dem Impfzentren und Praxen fest gerechnet hatten, wurde nicht geliefert.
Der künftige Kanzler Olaf Scholz möchte bis zum Jahresende 30 Millionen zusätzliche Corona-Impfungen durchführen lassen. Fachleute halten den Plan allerdings für schwer umsetzbar.

Frankfurt macht Bund für Knappheit verantwortlich

Die Stadt Frankfurt sieht die Verantwortung dafür beim Bund in Berlin.
Ganz Frankfurt ist stinksauer auf Berlin – und mir fehlen ehrlich gesagt die Worte.
Peter Feldmann, Frankfurter Oberbürgermeister
"Erst vor ein paar Stunden habe ich den Startschuss für den Impfexpress gegeben und an die Menschen appelliert, sich impfen zu lassen. Jetzt soll es das schon wieder gewesen sein für diese tolle Aktion. Nicht weil es an Impfwilligen fehlt, sondern an Impfstoff", so Feldmann in einer Pressemitteilung am Montag.
Die Kassenärztliche Bundesvereinigung warnte bereits vergangene Woche vor einem Lieferengpass. "Etwa die Hälfte der BioNTech/Pfizer-Bestellungen kann durch den Bund nicht bedient werden, sodass viele Praxen weniger Impfstoff erhalten als sie bestellt haben. Insgesamt fehlen rund zwei Millionen Dosen."
Die Nachfrage nach Corona-Impfterminen hat in vielen Teilen Deutschlands zugenommen. Das Problem: in den Arzt-Praxen ist der Impfstoff knapp.

Ministerium: Es gibt mehr als genug Impfstoff

Dass es aktuell zu wenig Impfstoff gebe, verneint das Bundesgesundheitsministerium (BMG) auf Anfrage. 11 Millionen Booster-Dosen mRNA-Impfstoff seien diese Woche ausgeliefert worden, außerdem seien aus der vergangenen Woche noch 2,8 Millionen Dosen nicht verimpft. Dem gegenüber stünden 4,2 Millionen Impfungen in der zurückliegenden Woche.
Demnach stehen für Impfungen in dieser Woche circa 13,8 Millionen Dosen mRNA-Impfstoff zur Verfügung. Es ist aktuell mehr Impfstoff im System, als verimpft wird. Gleichzeitig gewinnt die Booster-Kampagne Tag für Tag weiter an Fahrt.
Bundesgesundheitsministerium
Woher kommt also die Knappheit?
ZDFheute Infografik
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Gesundheitsministerium rationierte Biontech-Impfstoff

Wahrscheinlicher Grund für einen großen Teil der aktuellen Verzögerungen ist die Entscheidung des Bundesgesundheitsministerium, den Corminaty-Impfstoff von Pfizer-Biontech wegen schwindender Lagerbestände zu rationieren. Impfende Stellen erhalten seit Montag nur noch begrenzte Mengen dieses Vakzins.
Stattdessen soll Spikevax von Moderna, ebenfalls ein mRNA-Impfstoff, verimpft werden. Von diesem ist ausreichend in den Zentrallagern vorhanden, teils droht er sogar zu verfallen. Die durch die Begrenzung reduzierten Biontech-Lieferungen werden jedoch nicht automatisch durch umfangreichere Moderna-Lieferungen ausgeglichen – die Impfstellen müssen extra neue Bestellungen aufgeben.
In Deutschland sind 68,6 Prozent vollständig gegen Corona geimpft. Bremen ist Spitzenreiter, Sachsen Schlusslicht. Doch die Zahlen der Erstimpfung steigen an. Ein Überblick.

Praxen und Impfzentren sollen zu spät bestellt haben

"Dass Biontech-Lieferungen kontingentiert werden mussten für die Auslieferung der laufenden und kommender Wochen, ist bekannt", so das BMG zu ZDFheute. "Der Impfstoff von Moderna wurde in der Regel - sofern rechtzeitig und korrekt bestellt - komplett beliefert, dies soll auch weiterhin erfolgen." Das Ministerium sieht die Verantwortung für die Knappheit also bei den Impfstoff-Bestellern, etwa Landesverwaltungen, Praxen oder Gesundheitsämtern.
In den meisten Beschwerde-Fällen hat sich gezeigt, dass Bestellungen zu spät oder nicht korrekt aufgegeben wurden.
Bundesgesundheitsministerium
"Bei kurzfristigen Nachbestellungen hat das BMG in den vergangenen Tagen trotzdem alle Hebel in Bewegung gesetzt, um Ländern, die sehr kurzfristig zusätzlichen Bedarf gemeldet haben, Impfstoff von Moderna und Johnson & Johnson zur Verfügung zu stellen", teilte das Ministerium mit.
Impfstoff-Bestellungen für die kommende Woche müssen beim Bund bis Dienstagmittag, also fünf Kalendertage vor Auslieferung, eingegangen sein. "Dieser Mechanismus ist seit April dieses Jahres bekannt. Trotzdem haben einige Impfzentren beziehungsweise Praxen in dieser Woche verspätet bestellt", schreibt das Ministerium.
Der Corona-Impfstoffhersteller Biontech will in dieser Woche fast drei Millionen Impfdosen zusätzlich liefern. Grund dafür ist große Impfnachfrage.

Betroffenes Gesundheitsamt widerspricht dem Ministerium

Peter Tinnemann, Leiter des Gesundheitsamts der Stadt Frankfurt, nimmt Anstoß an dieser Darstellung des Ministeriums. "Es ist ja nicht so, dass wir das erste Mal Impfstoff bei unserer Apotheke bestellen. Wir machen das bereits seit Monaten. Wir machen sehr genaue Kalkulationen, was wir an Bedarf haben und die Bestellungen sind immer zeitgerecht eingegangen", sagt Tinnemann ZDFheute.
Für Frankfurt zumindest weiß ich, dass die Impfstoff-Bestellungen rechtzeitig oder korrekt eingegangen sind.
Dr. Peter Tinnemann, Leiter des Frankfurter Gesundheitsamts
Man habe Comirnaty von Biontech bestellt und, "weil Gerüchte über Knappheit schon länger kursieren, auch etwas Spikevax von Moderna". "Wenn man uns informiert hätte, dass nicht ausreichend Comirnaty vorhanden ist, dann hätten wir wesentlich mehr Spikevax bestellt. Es war nirgendwo vorher offen kolportiert worden, dass es knapp werden könnte", sagt Tinnemann.
Bestärkt worden sei diese falsche Sicherheit - laut Tinnemann - auch durch Informationen aus dem Ministerium: "Im Gegenteil, es gab ein Schreiben von Spahn an alle Gesundheitsämter, dass genug Impfstoff da ist. Dass Spikevax nicht bestellt werden müsste, weil ausreichend Comirnaty da sei. Es ist irritierend, solche Aussagen jetzt aus dem Bundesgesundheitsministerium zu hören", so Tinnemann.

Fazit

Biontech-Impfstoff nur noch begrenzt auszuliefern, mag eine notwendige Entscheidung gewesen sein. Dass dieser Schritt einen Rattenschwanz an Chaos hinter sich herzieht, wäre vermeidbar gewesen.
"Das hätten wir noch klarer kommunizieren müssen", sagte Gesundheitsminister Jens Spahn (CDU) bereits am 21. November in der ZDF-Sendung Berlin direkt. Das Ergebnis der verfahrenen Situation ist klar: Wichtige Impfangebote fallen aus.

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