: Osteuropa setzt auf Ost-Impfstoff

von Wolf-Christian Ulrich
09.03.2021 | 20:00 Uhr
Die Corona-Lage in einigen Staaten Osteuropas spitzt sich zu. Weil die EU Impfstoff zu langsam liefert, wenden sich einige jetzt an Moskau und Peking - mit Konsequenzen für die EU.
Die Slowakei hat den russischen Impfstoff Sputnik V bestellt und hofft auf eine nationale Zulassung. Zuvor war bereits Ungarn vorgeprescht – und auch Österreich führt Gespräche.
Die Corona-Situation in der Slowakei ist dramatisch: Das Land leidet unter der verhältnismäßig höchsten Corona-Todesrate. Weil es mit dem Impfen zu langsam voran geht, soll jetzt Sputnik V aus Russland helfen. Zwei Millionen Dosen hat die Slowakei bestellt.
"Wir hatten erwartet, nach zwei, drei Monaten viel mehr Impfstoffe aus Europa zu haben," klagt Marián Kollár, Präsident der slowakischen Ärztekammer.
Richtig ist jetzt alles, was hilft. Sei es russischer oder chinesischer Impfstoff.
Marián Kollár, Ärztekammer Slowakei
Die schwer von der Pandemie betroffene Slowakei hat eine erste Lieferung des russischen Impfstoffs Sputnik V bekommen. Bis Juni sollen zwei Millionen Dosen geliefert werden.

Ungarischer Impfstoffalleingang als Vorbild?

Vorgeprescht war bereits Ungarns Ministerpräsident Viktor Orbán: Notzulassung in Ungarn für Sputnik V und Sinopharm. Orbán ließ sich auch selbst mit dem chinesischen Impfstoff impfen, um seine Landsleute von dessen Qualität zu überzeugen. "Mehrere Tausend haben den Impfstoff schon bekommen," sagte er danach in die Kameras, "Verlasst Euch auf die ungarischen Fachleute."
Impfstoffe aus Russland und China: Längst wächst auch in weiteren osteuropäischen Ländern das Interesse, weil die EU zu langsam liefert. Tschechien und Österreich zum Beispiel verhandeln mit Russland und China, ihre Regierungschefs verweisen aber auf die zuvor notwendige Zulassung durch die Europäische Arzneimittel Agentur EMA.

Österreich und Dänemark suchen Austausch mit Impfvorreiter Israel

Dass EU-Länder aus der gemeinsamen Impfstrategie ausscheren, sorgt bei EU-Partnern für Befremden. Österreichs Kanzler Sebastian Kurz etwa war jüngst mit der dänischen Ministerpräsidentin in Israel: Um eine gemeinsame Forschungsstiftung zu gründen, die Impfstoffe gegen zukünftige Varianten fördern soll. Durchaus ein Affront gegen Brüssel.
Österreichs Kanzler Kurz und Dänemarks Regierungschefin Frederiksen wollen sich bei der Impfstoffbeschaffung zukunftig nicht allein auf die EU verlassen. Mit Israel vereinbarten sie eine Allianz zur Entwicklung und Produktion von Corona-Impfstoffen.
Frankreich und Italien protestierten: Man fürchtet durch das Ausscheren aus dem gemeinsamen Einkauf um die Solidarität in der EU.

Nationaler Impfwettbewerb untergräbt Zusammenhalt in der EU

Frankreichs Europaminister Clement Beaune warnte außerdem davor, die Impfstoffe vor einer Genehmigung durch die EMA einzusetzen. Denn dadurch gerät auch der europäische "grüne" Impfpass in Gefahr. Mit dem soll ein europaweiter Tourismus zum Sommer möglich werden.
Mit dem russischen und chinesischen Impfstoff wird in Osteuropa allerdings auch eine politische Botschaft aus dem Frachtflugzeug geladen, ist der Politikwissenschaftler Florian Bieber vom Zentrum für Südosteuropa-Studien der Universität Graz überzeugt:
Es geht darum die europäische Union bloßzustellen. Zum anderen erhöht man damit seinen Einfluss auf die Staaten.
Florian Bieber, Zentrum für Südosteuropa-Studien Universität Graz

Impfstoff-Diplomatie hat Vorrang

In dem Zusammenhang gibt Bieber zu bedenken: "Wenn man autoritär regiert, muss man sich weniger um das Befinden der eigenen Bevölkerung kümmern. Russland und China können es sich deshalb eher leisten, die eigene Bevölkerung weniger zu impfen und den Impfstoff zu exportieren."
Im August wurde in Russland der Impfstoff Sputnik V freigegeben, obwohl die Datenlage zunächst dünn war. Nun bestätigt eine Studie: Der Impfstoff besitzt eine hohe Wirksamkeit.
Russland und China versuchen seit Jahren, ihren Einfluss in Südosteuropa zu vergrößern. Jetzt auch mit Impfstoff, und zwar nicht nur in den EU-Staaten Ungarn und Slowakei, sondern auch auf dem Westbalkan: Wo Serbien, Bosnien-Herzegowina und Nordmazedonien Sputnik V einsetzen.

Kampf um Einfluss auf dem Balkan

Sie sind zwar Nachbarn der EU, müssen aber über die Covax-Initiative bestellen - die von der WHO, Frankreich und der EU gegründet worden war, um weltweit eine faire Verteilung von Corona-Impfstoff zu sichern.
Sie hatten aber auf direkte Hilfe der EU gehofft. Dass ihnen stattdessen Russland und China helfen, habe Konsequenzen, meint Florian Bieber: "Ich glaube diese Enttäuschungen werden noch lange der EU zu schaffen machen."
Die Europäische Arzneimittelbehöre hat inzwischen mitgeteilt, dass Sputnik V im Zulassungsverfahren ist - was aber (aller Erfahrung nach) noch gute vier Monate dauern kann.
Der Autor ist Korrespondent im ZDF-Studio Südosteuropa.

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