Interview

: Brauchen Maßnahmen "ähnlich wie ein Lockdown"

07.12.2021 | 17:01 Uhr
Der Corona-Modellierer Thorsten Lehr hält 2G- und 2G-plus-Maßnahmen nicht für ausreichend und fordert Kontaktbeschränkungen auch für Geimpfte. Österreich sieht er als Vorbild.
Prof. Thorsten Lehr berechnet, wie sich Maßnahmen auf den Verlauf der Pandemie auswirken.
ZDFheute: Herr Lehr, können Sie schon sagen, wie sich Maßnahmen wie 2G und 2G plus auf den Pandemieverlauf auswirken?
Professor Thorsten Lehr: Das ist eine Frage, die wir versuchen zu beantworten - aus unseren Daten herauszufinden, welche Maßnahmen welche Effekte haben. Und bei 2G und 2G plus müssen wir unterscheiden zwischen dem, was sie theoretisch bringen und was sie praktisch bringen.
Theoretisch sind 2G und 2G plus ganz gute Maßnahmen. In der Praxis sieht man dann doch immer wieder, dass sie nicht so effizient sind.
So filtern zum Beispiel die Schnelltests bei 2G plus gar nicht so gut vor und wir haben dann trotzdem bei 2G-plus-Veranstaltungen viele Infektionen. Zudem muss man auch fragen: Was passiert mit den Ungeimpften? Die werden sich im Privaten treffen. Das ist zwar nicht erlaubt, aber in der Praxis dürfte es wohl so sein.
Wir gehen davon aus, dass wir durch 2G und 2G plus etwa 15 bis 20 Prozent Kontaktreduzierung erzielen können.

Thorsten Lehr ...

Quelle: Pasquale d'Angiolillo
... ist Professor für Klinische Pharmazie der Universität des Saarlandes. Gemeinsam mit seinem Team und Forscherkollegen hat er das mathematische Modell entwickelt, auf dem ein Online-Covid-Simulator aufbaut.
ZDFheute: Wie lautet Ihre Prognose für die kommenden Wochen, werden die bisherigen Regeln ausreichen?
Lehr: Die Zahlen sehen derzeit optisch ein bisschen so aus, als würden sie zurückgehen. Praktisch liegt das vor allem an den harten Maßnahmen in Bayern und Sachsen. In anderen Teilen Deutschlands stagnieren oder steigen die Fallzahlen. Wir haben im Schnitt immer noch rund 50.000 Neuinfektionen pro Tag über sieben Tage hinweg und rund 300 Einweisungen auf die Intensivstationen.
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Das heißt, wir verharren gerade auf einem ziemlich hohen Niveau. Das darf man nicht vergessen. Die Zahlen gehen nicht genug zurück. Das ist das Problem. Aus meiner Sicht brauchen wir jetzt härtere Maßnahmen, um eine Entlastung auf den Intensivstationen zu erwirken. Denn dort bringen die aktuellen Maßnahmen überhaupt keine Entlastung.
Deshalb brauchen wir Maßnahmen - ähnlich wie ein Lockdown. Und aus meiner Sicht auch Kontaktbeschränkung für Geimpfte.
So hart und so unsinnig das im ersten Moment vielleicht klingen mag.
ZDFheute: Neue Einschränkungen für Geimpfte wird die sicher nicht erfreuen. Wie kommen wir aus diesem Dilemma heraus?
Lehr: Wir müssen die Zähne gemeinsam zusammenbeißen. Vollständig geimpft war man bislang mit zwei Impfungen, aber man muss einfach feststellen, dass zweimal impfen nicht reicht. Wir brauchen die dritte Impfung, das ist auch etwas ganz Natürliches.
Wenn Sie an Diphtherie, Polio oder Tetanus denken, da müssen Sie sich auch dreimal immunisieren. Da ist es ganz normal, drei Spritzen zu bekommen. Das wird bei Corona auch so sein. Und dann wird die Infektiösität auch zurückgehen.
Wirksame Therapeutika gegen Covid-19 seien wichtig, sagt Infektiologe Christoph Spinner. Allerdings dürfe man keine zu hohen Erwartungen haben: Die Impfung bleibe der beste Schutz.
Aber wir sehen halt eben doch, dass die Impfung nachlässt nach drei Monaten und Geimpfte dann doch wieder andere Menschen infizieren können. Darum geht es jetzt: das im Kollektiv zu verhindern.
Wir sehen in Österreich wie gut es funktioniert. Wenn man sich da die Fallzahlen anschaut, dann sieht man, welchen Effekt ein Lockdown haben kann.
ZDFheute: Können Sie schon berechnen wie die Omikron-Variante den Pandemieverlauf verändern wird?
Lehr: Das ist gar nicht so einfach seriös zu beantworten. Wir beobachten in Südafrika eine Verdopplung der Fälle in drei bis vier Tagen. Das ist etwas, was wir wirklich so noch nicht gesehen haben. Das liegt daran, dass Omikron Geimpfte und Genesene befällt. Mit den momentanen Daten ist es nicht so einfach, eine Prognose zu geben. Was man aber schon erwarten kann: Wenn Omikron sich wirklich durchsetzt, dass wir dann eine deutlich steigende Anzahl von Fällen haben.
Und selbst wenn die Verläufe milder sein sollten, darf man nicht vergessen, dass es bei ganz vielen Fällen dennoch zu Problemen in den Krankenhäusern kommen kann.
Und genau deshalb ist es jetzt wichtig, auf Omikron vorbereitet zu sein, auch die Krankenhäuser jetzt schon zu entlasten. Es nutzt nichts, wenn wir jetzt an der Leistungsgrenze sind und Omikron uns dann innerhalb von ein bis zwei Wochen Schachmatt setzt. Das wäre nicht der richtige Weg.
Das Interview wurde leicht gekürzt und angepasst. Das gesamte Interview aus der ZDF-Sendung "Volle Kanne" sehen Sie oben im Video.

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