: Wieso zögert die Kanzlerin bei Schnelltests?

von Jan Schneider
12.02.2021 | 19:19 Uhr
Schnelltests könnten ein "Game-Changer" im Kampf gegen Corona sein. Doch die Kanzlerin will erst weitere Prüfungen, bevor sie für jedermann zugelassen werden. Ist das sinnvoll?
Bundeskanzlerin Angela Merkel stellt sich im ZDF-Interview den Fragen von Marietta Slomka. Sehen Sie das Video hier in voller Länge.
Corona-Schnelltests sind in vielen Ländern bereits zum festen Bestandteil der Pademie-Bekämpfung geworden. In Deutschland sind sie allerdings im Moment nicht für jedermann zugelassen, sondern dürfen nur von medizinischem Personal oder nach einer Einweisung durchgeführt werden.
Im ZDF-Interview zur Lage in der Corona-Krise widersprach Kanzlerin Merkel der Aussage, es gäbe bereits ausreichend Daten zur Sicherheit von Corona-Schnelltests für Laien. Im Corona-Kabinett habe man beschlossen, die Tests erst noch weiter zu prüfen, bevor eine Zulassung für die allgemeine Bevölkerung gegeben werden kann.
Wir haben uns entschieden, alle gemeinsam, wir wollen wissen, wie wirksam sind sie denn? Wir müssen auch aufpassen, dass diese Tests, die man selber machen kann, dann nicht zum Schluss vielleicht nur eine Wahrscheinlichkeit von 60 Prozent haben. Da wäre uns allen nicht geholfen.
Kanzlerin Angela Merkel, ZDF
Auf dieser Position verharrt auch Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU). Auch er will noch eine gründliche Prüfung der neuen Corona-Schnelltests vor einem Einsatz in Deutschland. Die Politik ermögliche den Einsatz dieser Tests, aber für eine Zulassung komme es auf die Qualität an, sagte Spahn in Berlin.
Denn wenn die Tests viele falsch negative Ergebnisse liefern sollten, stecke darin auch ein Risiko, so Spahn. Infizierte Menschen könnten in der Annahme, nicht infiziert zu sein, andere anstecken.
Obwohl sie nur 60 bis 70 Prozent der Infektionen entdecken, seien Corona-Schnelltests besser als nichts. Man könne sie auch selber machen, meint Virologin Ulrike Protzer.

Studienergebnisse geben Grund zur Zuversicht

Dabei gibt es bereits vielversprechende Daten zu Schnelltests: Eine Studie der Uniklinik Heidelberg und der Charité Berlin zeigt, dass die Schnelltests auch dann zuverlässige Ergebnisse erzielen können, wenn sie selbstständig und ohne vorherige Schulung durchgeführt werden. Im Rahmen der Studie, die noch das Peer-Review-Verfahren durchlaufen muss, wurden 146 Erwachsene getestet, die Corona-typische Symptome aufwiesen. Bei 33 der Studienteilnehmenden war das Ergebnis positiv. Zum Vergleich: Als das medizinisch geschulte Personal den Abstrich entnahm, wurden 34 Corona-Fälle erkannt.
Bei anschließend durchgeführten PCR-Tests wurden noch weitere sieben Studienteilnehmende positiv auf das Coronavirus getestet. Bei ihnen war die Virenlast jedoch so gering, das sie vermutlich nicht mehr ansteckend waren.
[Lesen Sie hier eine Zusammenfassung der wichtigsten Aussagen von Kanzlerin Merkel im ZDF-Interview]

Hessische Studie stimmt positiv

Auch eine Studie an Lehrern und Schülern in Hessen stimmt positiv: Für ihre "Safe School Studie" testeten sich sieben Wochen lang 711 Lehrkräfte hessischer Schulen freiwillig alle 48 Stunden selbst mit Antigen-Schnelltests. 
Mehr als 10.000 Tests wurden dabei gemacht und ausgewertet. Bei fünf Lehrkräften konnte so eine Infektion mit dem Coronavirus korrekt erkannt werden. 16 weitere positive Testbefunde konnten durch einen anschließenden Labor-PCR-Test nicht bestätigt werden, waren also falsch-positiv. Vier der Tests lieferten falsch-negative Ergebnisse: Das entspricht rund 0,04 Prozent der Tests.

Schnelltests können helfen, wenn die Qualität stimmt

Entscheidend für den flächendeckenden Einsatz von Schnelltests ist die Qualität der Testergebnisse: Mindestkriterien für Antigentests werden durch das Paul-Ehrlich-Institut (PEI) in Abstimmung mit dem Robert-Koch-Institut (RKI) festgelegt.
Nach deren Einschätzung ist die Qualität und Leistungsfähigkeit der auf dem Markt verfügbaren Tests sehr unterschiedlich. Eine Liste von Antigentests, die gemäß Herstellerangaben die Mindestkriterien erfüllen, wird durch das Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM) gepflegt.
Kanzlerin Merkel zeigt sich optimistisch, dass ab dem 1. März ein stabiler Inzidenzwert von 50 pro 100.000 Einwohner auf sieben Tage möglich ist. Dann könnten erste Öffnungen folgen.
Das Paul-Ehrlich-Institut setzt als Mindestkriterien eine Sensitivität von über 80 Prozent und eine Spezifität von über 97 Prozent voraus. Bei Tests dieser Qualität läge die Quote der von Kanzlerin Merkel befürchteten falsch negativen Tests lediglich zwischen 0,01 und 2,2 Prozent, wie Berechnungen des RKI aus dem letzten Jahr zeigen.
Da die Daten allerdings von den Herstellern selbst stammen und das PEI nur stichprobenartig Tests durchführt, sind die Ergebnisse weniger aussagekräftig als eine echte Studie zur Schutzwirkung.

Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte rechnet mit baldiger Zulassung

Trotzdem rechnet das Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte für Anfang März mit ersten Sonderzulassungen für Laien-Schnelltests. Bislang seien fast 30 Anträge auf Sonderzulassung gestellt, teilte das Institut mit. "Damit die Tests von Laien sicher angewendet werden können und einen wirksamen Beitrag zur Pandemiebekämpfung leisten, muss Sorgfalt das oberste Prinzip in den Prüfverfahren sein", betonte es zugleich.
Fazit: Die Datenlage zur Sicherheit von Schnelltests für Laien ist vielversprechend. Die Studien der Uniklinik Heidelberg und des Frankfurter Universitätsklinikums haben gezeigt, dass die Testergebnisse vor Infektionen schützen und Infektionsketten durchbrochen werden können.
Die Zahl der Teilnehmer an diesen Studien war gering bis mittel, eventuell lässt das die Kanzlerin und den Gesundheitsminister zögern bei der allgemeinen Zulassung. Dann müssen sie sich aber die Frage gefallen lassen, warum es nach fast zwölf Monaten Pandemie nicht bereits größere Studien zu Schnelltests gab.

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