: Alternativen zum Shutdown gesucht

29.03.2021 | 16:15 Uhr
Flächendeckende Tests statt Shutdown: Innovative Öffnungskonzepte zeichnen Böblingen, Rostock und Tübingen im Kampf gegen Corona aus. Was machen sie anders? Ein Überblick.
Mit einem negativen Testergebnis können die getesteten Personen zum Beispiel in Modeläden einkaufen, zum Friseur oder auch in der Außengastronomie bewirtet werden.Quelle: dpa
Seit Mitte März testet Tübingen in einem Modellprojekt, ob mehr Öffnungsschritte mit möglichst flächendeckendem Testen umsetzbar sind, ohne dass die Zahl der Corona-Fälle deutlich zunimmt. Menschen können in der Stadt kostenlose Tests machen, das Ergebnis wird bescheinigt. Mit dem Zertifikat können die als gesund getesteten Personen zum Beispiel in Modeläden einkaufen, zum Friseur oder auch ins Theater, in Museen oder in den Biergarten gehen.
Heute Abend will die Stadt eine erste Bilanz ziehen - doch Tübingen ist nicht die einzige Stadt, die im Kampf gegen die Corona-Pandemie versucht, eigene Wege zu gehen. Der Landkreis Böblingen setzt auf Schnelltestzentren und Rostock hat bereits Fußballfans zurück ins Stadion geholt.
[Hier finden Sie eine interaktive Karte über die aktuelle Corona-Situation in den Landkreisen]
Was machen diese Städte anders? Ein Überblick:

1. Testen, Testen, Testen

Böblingen setzt für den Begriff "Schnelltest" neue Maßstäbe: Testtermine werden hier im 30-Sekunden-Takt vergeben. In fünf Testzentren, kostenlos und zwei Mal wöchentlich für jede Bewohnerin, jeden Bewohner. Durch das Testen sollen nicht nur asymptomatische Infizierte erkannt und somit Infektionsketten durchbrochen werden, die Tests sollen auch Schlüssel für mehr Freiheit sein.
So funktioniert das Pilotprojekt in Böblingen:

Regelmäßige Testungen in Betrieben, Schulen, Kitas und kostenlose Tests in der Stadt: Die Corona-Strategie in der Universitätsstadt Tübingen scheint derzeit erfolgreich zu sein, die Positivrate der Schnelltests ist nach Angaben des Gesundheitsministeriums mit 1:1000 sehr konstant, die sogenannte Inzidenz liege seit mehreren Wochen unter 35. Das Modellprojekt wurde bis zum 18. April verlängert.
Der Einzelhandel war stellenweise besorgt, ob sich die Öffnungen unter den Bedingungen überhaupt lohnen. Wer ein Paar Socken kaufen wolle, werde nicht vorher eine halbe Stunde vor dem Testzelt frieren, sagte Sabine Hagmann vom Handelsverband Baden-Württemberg der Südwest Presse vor Start des Modellprojekts in Tübingen. Jetzt, wo das Projekt läuft, stellt sie im Gespräch mit ZDFheute fest:
Die Abläufe der Tests funktionieren gut, sodass Interessierte dadurch nicht abgeschreckt werden. [...] Die Kundinnen und Kunden kaufen auch mehr ein als sonst.
Sabine Hagmann, Handelsverband BW
So funktioniert der "Sonderweg Tübingen":

2. Kontaktnachverfolgung

Wichtig sind aber nicht nur Covid-Tests, sondern auch die digitale Nachverfolgung der Ergebnisse. Dafür greift Rostock beispielsweise auf die "Luca"-App zurück. Mehr als 800 Unternehmen, vor allem der Einzelhandel, machen so bei der Kontaktverfolgung mit. Durch einen QR-Code Scan werden die Daten an das Gesundheitsamt übermittelt.
Shoppen mit der "Luca"-App in Rostock. So läuft es ab:

Die "Luca"-App wird bereits bei 100 von 375 Gesundheitsämtern in Deutschland eingesetzt, wie das Unternehmen auf Anfrage mitteilte.
Doch auch vor Einsetzen der App habe das Gesundheitsamt in Rostock stets alle Fälle nachvollziehen können, sagt der parteilose Oberbürgermeister Claus Ruhe Madsen. So habe er das Gesundheitsamt frühzeitig personell aufgestockt, um auf die zweite Welle vorbereitet zu sein.

3. Konsequentes und schnelles Handeln

Außerdem ist der Rostocker Oberbürgermeister davon überzeugt, dass es sich in der ersten Welle ausgezahlt habe, zügig zu handeln. Dadurch habe die Stadt weitgehend die Kontrolle über die Pandemie behalten, sagte er im Februar im Gespräch mit ZDFheute.
Zudem gab es früh eine Maskenpflicht im öffentlichen Raum. Allein auf Appelle, die Corona-Regeln zu beachten, wollte und will sich Madsen jedoch nicht verlassen. Er setzt auch auf Kontrollen. In Tübingen läuft das ähnlich. So hat sich Oberbürgermeister Boris Palmer (Grüne) auch für nächtliche Ausgangsbeschränkungen als weiteres Mittel zur Eindämmung der Pandemie ausgesprochen. 
Wir haben die Fahrkartenkontrolleure Timo und Detlef in Tübingen begleitet:

Problem Finanzierung

Doch das Testen ist teuer, sagt die Tübinger Pandemiebeauftragte Lisa Federle und fordert, dass es mittelfristig an die Bürger übertragen werden solle. Jeder Test an einer der neun Teststationen in Tübingen koste den Steuerzahler 15 Euro, sagte Federle am Samstag bei einer Online-Diskussionsveranstaltung der Bundesregierung. Daher müsse man die Verantwortung für die Selbsttests "schon in die Hände der Bevölkerung geben".
Tübingen hat die bisher vorhandenen 550.000 Test nur besorgen können, weil ein Tübinger Unternehmer diese zwischenfinanziert habe, sagte Boris Palmer im Deutschlandfunk. Üblich wäre eine öffentliche Ausschreibung gewesen, um die Tests mit öffentlichen Geldern zu zahlen.
Auch Rostock lässt ein Pilotprojekt an Schulen, bei dem Schüler*innen und Lehrer*innen bis zu zwei Mal die Woche kostenlos einen PCR-Test machen können, durch das dort ansässige Biotech-Unternehmen Centogene finanzieren, das die Tests herstellt.

Länder ziehen nach

Die Modellprojekte in Rostock, Tübingen oder Böblingen haben bundesweite Beachtung gefunden - mehrere Bundesländer planen ähnliche Lockerungsschritte: So will das Saarland vom 6. April an Kinos, Theater, Fitnessstudios und die Außengastronomie wieder öffnen - vorausgesetzt ist ein negativer Schnelltest der Gäste. Niedersachsen will in Modellkommunen Öffnungen von Geschäften, Außengastronomie, Theatern, Kinos und Fitnessstudios an Schnelltests koppeln.
Trotz Corona-Notbremse wegen steigender Infektionszahlen wollen zahlreiche Städte und Kreise in Nordrhein-Westfalen das Einkaufen und den Museumsbesuch mit negativem Schnelltest weiter ermöglichen.
In Nordrhein-Westfalen soll Köln offenbar bei einem Modellversuch des Landes zur sicheren Öffnung von Einzelhandel, Gastronomie und Veranstaltungsstätten eine zentrale Rolle spielen. Das Brandenburger Kabinett will an diesem Dienstag über kommunale Modellprojekte beraten.

Kritik an den Modellversuchen

Angesichts weiter steigender Infektionszahlen wird die Kritik an den Modellversuchen jedoch lauter. So hat Kanzlerin Angela Merkel (CDU) am Sonntagabend allen geplanten Lockerungen und Modellprojekten in der Pandemie angesichts der dritten Corona-Welle eine klare Absage erteilt. Zudem übte sie Druck auf die Länder aus, um diese zum Umsetzen der Notbremse und noch schärferer Maßnahmen zu bewegen. Sie deutete an, dass der Bund tätig werden könnte, wenn die Länder nicht die nötigen Maßnahmen ergreifen sollten.
Nordrhein-Westfalen, Brandenburg, Niedersachsen und das Saarland sahen am Montag zunächst keinen Grund für schnelle Anpassungen.
Quelle: dpa, ZDF

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