: Sachsen lockert - trotz Omikron-Gefahr

von Anja Charlet
14.01.2022 | 19:54 Uhr
Vom Hotspot zum Primus: Sachsen hat aktuell die bundesweit niedrigste Inzidenz, das Land lockert die Corona-Regeln. Das aber wohl nur für einen kurzen Moment in der Pandemie.
Auch die Gastronomie darf in Sachsen wieder länger aufbleiben.Quelle: dpa
Über lange Wochen war Sachsen in der Corona-Pandemie bundesweit der Hotspot. Unverändert ist der Freistaat Schlusslicht, was das Impfen angeht. Wegen der hohen Inzidenzen und der permanenten Überlastung der Kliniken galten in Sachsen ab Mitte November die strengsten Corona-Auflagen und Kontaktbeschränkungen.
Inzwischen hat Sachsen laut Angaben des Robert-Koch-Instituts vom Mittwoch den niedrigsten Inzidenzwert bundesweit. Vom Hotspot zum Primus? Wie geht das, fragt man sich. Ministerpräsident Michael Kretschmer (CDU) sagt:
Wir haben uns den heutigen Stand hart erarbeitet.
Sächsischer Ministerpräsident Michael Kretschmer
ZDFheute Infografik
Mehr
Mehr
Mehr

Tourismus-Branche freut sich über Lockerungen

Ab Freitag wird gelockert. Im Tourismus zum Beispiel.
Für diese Chance haben sie auch in Oberwiesenthal am Fichtelberg seit Monaten gekämpft. 6.500 Einwohner hat der Wintersport-Ort. Es ist keine Übertreibung, wenn man sagt, dort sind so gut wie alle vom Tourismus abhängig.

Die Lage in Sachsen

Lange Monate war Sachsen in der Pandemie Corona-Hotspot Nr.1 in Deutschland. Schlusslicht bei den Impfquoten ist der Freistaat unverändert: Knapp 62 Prozent der Menschen sind doppelt geimpft, fast 36 Prozent geboostert.

In Sachsen sind deutschlandweit die meisten Menschen an einer Corona-Infektion gestorben. 13.500 Corona-Tote gibt es zu beklagen. Das sind doppelt bis dreimal so viele wie in anderen Bundesländern.

Bei den Verstorbenen handelt es sich zumeist um Ältere. Nur etwa 500 Menschen waren jünger als 60 Jahre. Ein Viertel der Einwohner:innen in Sachsen ist über 65 Jahre alt.

Seit November hatte Sachsen aufgrund der hohen Inzidenzen und der Überlastung der Kliniken (Patienten wurden ausgeflogen, z.B. nach NRW) die strengsten Corona-Regeln. 2G-Regel im Einzelhandel, Kultur-und Sporteinrichtungen waren geschlossen. Nur zehn Personen durften sich versammeln. Dagegen gab und gibt es Widerstand, der in Bautzen und anderen Orten auch immer wieder in Gewalt endet.

Im Zuge der Lockerungen dürfen sich jetzt wieder 200 Menschen versammeln.

Nicht noch ein Lockdown-Winter

Allein bis November 2021, bilanziert Bürgermeister Jens Benedict, belaufen sich die Verluste auf anderthalb Millionen Euro. Noch einen Winter zu verkraften, wo gar nichts geht: schwer vorstellbar.
Den letzten Ski-Tag haben sie in Oberwiesenthal am 15. März 2020 erlebt, erinnert sich Rene Lötzsch von der Fichtelberg-Schwebebahn. An den Bedingungen lag es nicht, sondern am Lockdown. Wer Schlitten oder Ski fahren wollte, fuhr ein Stück weiter ins benachbarte Tschechien. Dort war alles möglich.
In Sachsen demonstrieren jeden Montagabend Tausende Menschen gegen die Corona-Politik.
Unter Einhaltung von 2G und 2G-plus wird nun gelockert. Aber für wie lange? In Oberwiesenthal freuen sie sich erst einmal, dass an diesem Wochenende hoffentlich wieder Leben einkehrt in den Ort. Die Schneekanonen laufen ununterbrochen.
Auch Kinos und Theater in Sachsen dürfen unter 2G-plus wieder öffnen. Für viele ein Zeichen der Hoffnung. Der Mensch lebt nicht vom Brot allein. Clubs und Diskotheken bleiben jedoch weiter zu.
ZDFheute Infografik
Mehr
Mehr
Mehr

Öffnung oder "de facto Verschärfung der Situation"?

Und auch Gastronom Thomas Widmann sagt ernüchtert, für ihn lohne es sich nicht, weiter zu öffnen. Für die Gastronomie gilt ab sofort 2G-plus innen und 2G außen. Und nicht mehr um 20 Uhr, sondern erst um 22 Uhr müssen Gaststätten schließen.
Die Zahlen steigen weiter rasant in die Höhe – gestern mit über 92.000 Neuinfektionen und einer Inzidenz von 470,6. Aktuell ist fast ein Prozent der Deutschen an Corona erkrankt.
Doch das klinge nur nach Öffnung - de facto sei es eine Verschärfung der Situation, so Widmann. Er sagt:
Wenn wir nun zwei Stunden länger öffnen können, bedeutet das lediglich zwei Stunden mehr Verlust.
Gastronom Thomas Widmann
Er schließt nun alle seine Gaststätten in Dresden. Jetzt gerade. Bei dem niedrigen Impfstand in Sachsen kämen ohnehin nur 50 Prozent der Sachsen als Gäste infrage - das rette seine Unternehmen auch nicht. Wirtschaftlich seien seine Dresdner Restaurants ohnehin seit langem nicht mehr zu betreiben - aber noch mehr Verlust kann er sich nicht leisten.

Gastronomie braucht Corona-freien Sommer

Das Ersparte schmilzt und die staatlichen Hilfen kämen nicht nur sehr zögerlich, sondern reichten auch keinesfalls aus, die laufenden Kosten zu decken. Doch noch viel mehr Sorgen macht sich Thomas Widmann mit Blick in die Zukunft. Wenn der Sommer nicht die absolute Öffnung der Gaststätten zuließe, dann könne der Wirt seine Gaststätten nicht mehr betreiben.
Die Lage in Sachsens Krankenhäusern vor der Omikron-Welle.
Man muss kein Experte sein, um zu prognostizieren, dass die Entspannung der Lage in Sachsen nur kurz sein wird. Mit Blick auf die Omikron-Variante sagte die sächsische Gesundheitsministerin Petra Köpping (SPD), es sei die Ruhe vor dem Sturm.
Anja Charlet ist Redakteurin und Reporterin im ZDF-Landesstudio Sachsen in Dresden.

Hintergründe zu Covid-19

Mehr

Die wichtigsten Daten zum Coronavirus

Aktuelle Nachrichten zur Corona-Krise