: Lernplattformen: Ein typisch deutsches Chaos

von Sven Rieken
15.01.2021 | 13:28 Uhr
Homeschooling in der Corona-Krise - es läuft nicht überall reibungslos. Bei den Lernplattformen zeigt eine ZDF-Umfrage: Oft fehlt eine Strategie.
Komplexe Computersysteme helfen gerade Schülern und Lehrern, trotz Corona zusammen zu finden. Technische Probleme und abstürzende Server sorgen allerdings für Frust.
Anna Simionescu steckt mitten in den Abiturvorbereitungen. Die 18-Jährige aus Hamburg sitzt an ihrem Laptop im Wohnzimmer. Die Katze schnurrt unter dem Tisch, draußen schneit es. Eigentlich ein schönes Bild. Wäre da nicht die Meldung auf ihrem Bildschirm: "Diese Internetseite ist zurzeit nicht erreichbar."
Annas Schule nutzt für den Distanzunterricht in der Corona-Krise eine Lernplattform, die auf Moodle basiert. Moodle ist ein Lern-Management-System - das Chamäleon unter den Schulplattformen.

Lernplattformen nach dem Baukasten-Prinzip

Wie in einem Baukasten kann sich jeder Kunde dort seine eigene Umgebung zusammenbauen, weshalb die Plattform überall anders aussieht.
Die Tools pflegen und entwickeln IT-Firmen weltweit. Moodle-Partner übernehmen das Hosting - erst das kostet Geld. Die große Community ist eine Stärke, aber eben auch die Achillesverse. Neue Bedürfnisse, neue Anforderungen und Umstellungen etwa im Lernen, muss erst jemand benennen, fordern und programmieren. Das braucht Zeit und eine genaue Vorstellung vom Ziel.
Dorothee Bär (CSU), Staatsministerin für Digitalisierung, räumt ein: finanzielle Hilfen für Schulen seien zu bürokratisch angelegt. Sie versichert aber: "Es scheitert nicht am Geld".

Einheitliche Lernplattformen für Schulen nicht in Sicht

Eine ZDF-Umfrage unter der 16 Bundesländern ergab komplette Unterschiede in den Vorgaben und Angeboten für Lernplattformen. Nur Bremen hat sich für ein System entschieden. Die anderen stellen hauptsächlich Moodle-basierte Plattformen zur Verfügung.
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Und auch iServ - eine auf Linux basierende Entwicklung einer Braunschweiger Schule. Inzwischen ist daraus ein kommerzielles Produkt mit mehr als 4.000 Schulkunden entstanden. Manches kaufen die Braunschweiger ein - das geht schneller.
Das Videokonferenztool BigBlueButton war dabei eine Spur zu zickig. Die Integration der Open-Source-Software in die iServ-Umgebung sorgte für große Schwierigkeiten Anfang der Woche. Zu viele Videokonferenzen gleichzeitig brachten das System zum Erliegen.

Eine Plattform läuft in der Corona-Krise reibungslos

Diese Erfahrung musste auch Jürgen Solf in Hamburg machen. Der Schulleiter des Walddörfer Gymnasiums setzt seit mehr als fünf Jahren auf itsLearning. Die Plattform aus Skandinavien ist ein weltweiter Verkaufsschlager. Sie war von Anfang an auf das Lernen an der Schule und zu Hause ausgelegt.
Im März, im Shutdown, hatten die Server für zwei Tage ihren eigenen Shutdown - zu viele gleichzeitige Zugriffe. Nach drei Tagen war das Problem behoben, die Kapazitäten verzehnfacht - seitdem läuft alles, auch jetzt.
In der Corona-Krise wird besonders beim Homeschooling deutlich: Schulen sind bei der Digitalisierung überlastet, hinken hinterher. Doch ein Berliner Gymnasium ist da ein Gegenbeispiel.
Für Schulleiter Solf ein eindeutiger Beleg, dass das "ewige Herumprobieren, Nachsteuern, wieder Herumprobieren" der Behörden-Eigenentwicklung nur Zeit und Geld bindet.

Digitalpakt: Hardware inklusive, Software fehlt

Er verdeutlicht das auch an einem anderen Beispiel. Der Digitalpakt habe der Schule mehr als 500 Laptops beschert. Alle neu und superschnell. Aber alle leer. Geld für die Grundinstallation und den Support haben die Schulen in Hamburg nicht bekommen.
Am Ende musste sich Pädagoge Solf um einen IT-Vertrag kümmern. "Ob der gut oder schlecht, teuer oder günstig ist, weiß ich nicht - ich bin ja kein IT-Experte", gibt der Schulleiter achselzuckend zu. Die Behörde aber hat ihm dafür kein Geld bewilligt. Er muss das aus seinem Etat bestreiten.

Houston macht's vor - und die deutsche Bildungspolitik?

Die ZDF-Umfrage unter den Bundesländern bestätigt diese Entwicklung: Zwar halten die Länder Lizenzen für Plattformen vor. Wenn die Schulen aber für sich sinnvollere Lösungen finden, zahlen sie das selbst. Firmen könnten so nicht arbeiten.
Wie läuft im Shutdown das Lernen an den Grundschulen? Ein großes Problem: die Defizite bei der Digitalisierung. Server sind überlastet und Mails kommen nicht an.
Wie es gehen kann, hat die Stadt Houston in Texas gezeigt. Einer der größten Schulbezirke der USA hat sich komplett für eine Lernplattform entschieden - für itsLearning. Alle Beteiligten saßen an einem Tisch und haben mitgemacht.
Zwischen der ersten Idee und der kompletten Vernetzung aller Schulen vergingen nur zwei Jahre. Aus Sicht der deutschen Bildungspolitik ist das ganz klar: Lichtgeschwindigkeit.

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