Schwedens Sonderweg ist zu Ende

von Hermann Bernd
22.11.2020 | 19:51 Uhr
Lange glaubten die Schweden, mit ihrem Sonderweg in der Pandemie gut zu fahren. Doch die neue Ansteckungswelle ist höher als gedacht. Die Regierung beschließt nun doch zu handeln.
Appelle statt Verbote: Schweden setzt in der Pandemie vorranging auf freiwillige Maßnahmen.Quelle: epa
April 2020, leere Straßen, geschlossene Schulen und Geschäfte in Deutschland. Und dann das? Unsere Kollegin Ulrike schickt uns Bilder aus Stockholm, die verstören, weil sie auf den ersten Blick wie aus einer anderen Welt zu kommen scheinen.
Bei strahlendem Sonnenschein schlendern Menschen durch die Einkaufsstraßen in Schweden. Geschäfte und Cafés - alles ist geöffnet. Normalität auf den ersten Blick, es gibt keine strengen Vorgaben wegen Corona. Wer krank ist, soll zu Hause bleiben, Abstand halten. Kein Zwang - es sind Empfehlungen. Der schwedische Sonderweg!

Schwedens oberster Epidemiologe hoffte auf Immunität im Sommer

Der Mann dahinter ist Anders Tegnell, der oberste staatliche Epidemiologe. Er bleibt bei seinem Kurs, obwohl das Land schon damals - bezogen auf die Einwohnerzahl - viel schlechter dasteht als etwa Dänemark, Norwegen oder Deutschland. [Alle aktuellen Entwicklungen zum Coronavirus verfolgen Sie in unserem Liveblog.]
Tegnell ist überzeugt, dass dieser lockere Ansatz dem Land am Ende zugutekommen werde. Bei einer zweiten Welle im Herbst, so Tegnell damals, werde es in Schweden einen hohen Grad an Immunität geben und die Zahl der Fälle wahrscheinlich ziemlich niedrig sein.

Zahl der Corona-Infizierten in Schweden steigt rasant

In den Sommermonaten sah es dann auch wirklich ziemlich gut aus in Schweden, doch jetzt steigt die Zahl der Infizierten schneller als in allen anderen europäischen Ländern, auch die Zahl der Toten nimmt zu. 115 Menschen starben am Mittwoch und Donnerstag vergangener Woche an Covid-19.

Maßnahmen verschärft: Regierungschef Löfven startet Kurswechsel

Bisher folgten die meisten Menschen im Lande fast kritiklos Tegnell, der als Institution gilt. Doch jetzt schlägt die Regierung Alarm. Regierungschef Löfven warnte wegen deutlich steigender Ansteckungszahlen vor einer drastischen Verschlechterung der Lage. Er rief seine Landsleute auf, private Pläne aufzugeben und zu Hause zu bleiben.
Geht nicht in die Sportstudios, geht nicht in die Büchereien, veranstaltet keine Partys, sagt alles ab.
Stefan Löfven
Und er verkündete ein Verbot aller öffentlichen Veranstaltungen mit mehr als acht Teilnehmern, das am 24. November in Kraft treten und vier Wochen dauern soll. Schluss mit Empfehlungen, diesmal ist es Gesetz! Viele sehen darin ein Abrücken vom schwedischen Sonderweg, auch weil die Regierung entschieden hat, ohne wie bisher die staatliche Gesundheitsbehörde vorher zu befragen.

Ärzte kritisieren optimistische Vorhersagen aus dem März

Schon im Frühjahr gab es Kritik von Ärzten. Oberarzt Anders Janssen aus Stockholm sagte dem ZDF damals, dass es ein Zeichen für staatliches Versagen sei, wenn die Todeszahlen hoch sind. Jetzt werden solche Stimmen lauter. Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in Kliniken beklagen nicht nur die hohe Arbeitsbelastung durch die Zunahme von Intensivpatienten, sie beklagen vor allem, dass die optimistischen Vorhersagen Tegnells dazu geführt hätten, dass das Land nicht richtig auf eine zweite Welle vorbereitet gewesen sei.
Die Zweifel wachsen, auch weil bekannt wurde, dass in den ersten sechs Monaten dieses Jahres rund 10 Prozent der Sterbefälle auf Covid-19 zurückzuführen sind. Damit war es in diesem Zeitraum die dritthäufigste Todesursache.
Kontaktbeschränkungen werden in Schweden verstärkt, es zeigt sich eine Abkehr vom bisherigen "Schwedischen Weg".

Schweden und Corona: Masken eher unüblich

Schulen und Restaurants bleiben jedenfalls weiterhin offen. Betreiber von Restaurants müssen allerdings streng darauf achten, dass pro Tisch nicht mehr als acht Gäste sitzen. Alkohol darf in Bars und Restaurants bis Ende Februar nach 22 Uhr nicht verkauft werden.
Und noch etwas fällt auf, wenn man durch die Straßen der schwedischen Städte geht. Kaum jemand trägt bisher einen Mund-Nasen-Schutz und auch da folgten die Schweden gerne Anders Tegnell, der es noch immer "für ziemlich gefährlich hält zu denken, dass die Gesichtsmaske die Lösung ist."
Doch auch beim Thema Masken scheint es ein Umdenken zu geben. So rät die Königlich Schwedische Akademie dringend das Tragen der Masken an. Appelle, die durchaus gehört werden, weil es eben doch mehr werden, die den bisherigen Kurs anzweifeln und die in Restriktionen die bessere Lösung sehen.
Die Mund-Nasen-Bedeckung ist in Schweden keine Pflicht.Quelle: AP

Treffen im öffentlichen Raum per Gesetz eingeschränkt

In der Fußgängerzone von Stockholm treffen wir etwa Jonas Ossas, der auch glaubt, dass es mit der Eigenverantwortung seiner Landsleute zurzeit nicht so gut klappt wie etwa im Frühjahr. Er sagt: "Der Grund, warum wir in Schweden eine offene Gesellschaft sein können im Vergleich zu anderen Ländern, hat damit zu tun, dass jede Person seine eigene Verantwortung tragen muss. Und wenn wir das nicht schaffen, dann muss die Regierung Verbote und Restriktionen auf unsere Bewegungsfreiheit einführen."
Das ist jetzt geschehen, zumindest im öffentlichen Raum, wo sich mit acht deutlich weniger Menschen treffen können als bisher. Doch was im privaten Bereich geschieht, dafür trägt jeder allein Verantwortung, genauso, wie es Jonas Ossas gesagt hat.

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