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Stimmungsmache mit überhöhter Teilnehmerzahl

von Nils Metzger
03.08.2020 | 18:32 Uhr
20.000 Menschen demonstrierten laut Polizei gegen die Corona-Maßnahmen in Berlin. Wie kam diese Zahl zustande? Und wer spricht weiterhin fälschlich von einer Million Teilnehmern?
Eine Demonstration in Berlin gegen die Corona-Maßnahmen von Bund und Ländern erfährt seit dem Wochenende große Aufmerksamkeit. Am Samstag protestierten dort in der Innenstadt nach Polizeiangaben bis zu 17.000 Menschen und anschließend bis zu 20.000 Menschen bei einer Abschlusskundgebung auf der Straße des 17. Juni.
Unter Unterstützern der Proteste hält sich in den sozialen Medien jedoch seitdem das Gerücht, es hätten mehr als eine Million Menschen an der Demonstration teilgenommen und die tatsächliche Teilnehmerzahl würde von Sicherheitskräften und Medien unterschlagen.
Stellungnahme der Berliner Polizei

Fotoaufnahmen widersprechen der Zahl von einer Million

Belastbare Belege für die These von einer Million oder noch mehr Teilnehmern gibt es nicht. Tatsächlich belegen auch die Aufnahmen, die von Verfechtern der höheren Teilnehmerzahl immer wieder gepostet werden, keine Million Teilnehmer. Im Vergleich mit zurückliegenden Großveranstaltungen wie der Berliner Loveparade um das Jahr 2000 zeigen Fotoaufnahmen deutlich geringere Teilnehmerzahlen. Auch die Polizei Berlin blieb am Montag auf Anfrage von ZDFheute bei ihren Angaben.
Quelle: ZDF, reuters, dpaBerlin, Straße des 17. Juni, links Demo gegen Corona-Beschränkungen am Samstag, rechts die Loveparade 1999 mit rund 1,5 Millionen Besuchern.
Durch flach gewählte Bildausschnitte können Menschenmassen deutlich größer erscheinen. Auch durch das Ausblenden der verbleibenden, menschenleeren Straße des 17. Juni und insbesondere des Kreisels um die Siegessäule fehlen dem Betrachter wichtige optische Anhaltspunkte, um die vorhandene Menschenmenge in eine Relation zu setzen.
Bei den Aufnahmen vom Samstag sind zudem deutlich die Lücken in den Reihen der Demonstranten erkennbar - anders als etwa bei den Fotos der Loveparade. Auch das deutet darauf hin, dass es mutmaßlich weniger Teilehmer waren.
Befürworter der Demonstration arbeiten mit unklaren Bildausschnitten
Quelle: ReutersZwingend nötig für eine Million Teilnehmer: Feiernde um die Siegessäule bei der Loveparade 2003 in Berlin (Archivbild).

AfD-Bundestagsabgeordneter verbreitet falsche Zahlen

Unterstützung erfuhr die unhaltbare Millionen-These auch durch den AfD-Bundestagsabgeordneten Stephan Protschka. Er bedankte sich bei "den 1,3 Millionen friedlichen Demonstranten, die gestern in Berlin für Freiheit demonstriert haben". Auch andere AfD-Vertreter und Fanseiten übernahmen die Zahl.
Tweet des AfD-Bundestagsabgeordnetern Stephan Protschka
Ein womöglich manipulierter Tweet der Polizei Berlin, der sogar von 3,5 Millionen Teilnehmern gesprochen haben soll, verbreitet sich in zahlreichen verschwörungsgläubigen Telegram-Gruppen. "Wir haben so einen Tweet nie abgesetzt, auch nicht versehentlich", sagte dazu ein Polizeisprecher der "Berliner Zeitung".

Viel Resonanz unter englischsprachigen Verschwörungsanhängern

Auch in den englischsprachigen sozialen Medien, insbesondere bei Anhängern des QAnon-Mythos, verbreiteten sich Falschaussagen zur Berliner Corona-Demonstration. Auch dort wird von einer Million Teilnehmern gesprochen und die Demonstration als Vorbild für ähnliche Proteste weltweit gelobt.
Twitter-Account eines QAnon-Anhängers

Was sagt die Berliner Polizei zu den Diskussionen?

Wie die Berliner Polizei die Teilnehmerzahlen bei solchen Großveranstaltungen berechnet, hat ein Polizeisprecher gegenüber ZDFheuteCheck erklärt:

Wie berechnet die Polizei Berlin Teilnehmerzahlen?

"Die Teilnehmerzahlen von Großveranstaltungen – gleich ob Demonstrationen oder Festivals – werden mittels Luftaufnahmen erfasst. Die Aufnahmen entstehen durch einen Hubschrauber der Polizei und werden direkt an den Führungsstab des jeweiligen Einsatzes übermittelt. Die Aufnahmen dürfen nicht gespeichert oder herausgegeben werden, sondern werden unmittelbar auf Basis von Karten des Gebiets ausgewertet. Grundgedanke ist dabei, wie viele Personen maximal auf einem bestimmten Raum physisch möglich sind."

Wofür werden diese Zahlen genutzt?

"Diese Zahlen sind primär für die Steuerung und Bewertung von Einsätzen vorgesehen. Etwa ob Rettungs- und Fluchtwege ausreichend sind. Also primär für interne Zwecke. Herausgegeben werden sie eigentlich nur selten. Etwa bei ausreichend öffentlichem oder medialem Interesse."

Hat es Folgen, dass Zahlen so in Frage gestellt werden?

"Dass diese Zahlen von den Vorstellungen der Veranstalter quasi immer abweichen, dessen sind wir uns bewusst. Wir sprechen uns nicht mit den Veranstaltern ab, welche Zahlen sie gerne hätten. Die Differenz, die wir nun aktuell sehen, haben wir aber tatsächlich nicht alle Tage. Über die Beweggründe könnten wir nur spekulieren. Dass unsere Zahlen so in Frage gestellt werden, bedeutet erst einmal mehr Aufwand für die Presseabteilung. Für die Kollegen im Einsatz macht das keinen Unterschied."

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