Wie ist die Corona-Lage in Europa?

von Tim-Julian Schneider
17.10.2020 | 19:05 Uhr
Zahlreiche europäische Länder meldeten diese Woche Rekord-Infektionszahlen, die Corona-Maßnahmen werden wieder verschärft. Ein Blick zu den Hotspots in Europa.
Menschen laufen mit Masken durch CambridgeQuelle: dpa

Wo es diese Woche in Europa Rekord-Neuinfektionen gab

Rekorde an Neuinfektionen seit Ausbruch der Corona-Pandemie gab es diese Woche in:

  • Albanien
  • Andorra
  • Belgien
  • Deutschland
  • Frankreich
  • Georgien
  • Italien
  • Kroatien
  • Malta
  • Niederlande
  • Nordmazedonien
  • Österreich
  • Polen
  • Portugal
  • Rumänien
  • Schweden
  • Schweiz
  • Tschechien
  • Ukraine
  • Zypern

Quelle: Johns-Hopkins-University
Rekordinfektionszahlen in Deutschland haben dazu geführt, dass hierzulande wieder verschärfte Corona-Maßnahmen eingeführt wurden. Aber auch um Deutschland herum explodieren in Europa die Zahlen, teilweise befinden sich Länder wieder in einem zweiten Lockdown. Wie ist die Lage in Europa?

Niederlande reagiert mit scharfen Corona-Maßnahmen

Zeitweise 252 Infektionen pro 100.000 Einwohner in den letzten Tagen, in der vergangenen Woche wurde ein Anstieg von 60 Prozent zur Vorwoche an Neuinfektionen registriert: Die Niederlande ist mitten in der sogenannten zweiten Welle angekommen. Am Samstag meldete das Land mit 8.141 Neuinfektionen innerhalb von 24 Stunden einen neuen Höchststand.
In Amsterdam, Rotterdam und Den Haag mussten die Notaufnahmen von Krankenhäusern bereits zeitweilig geschlossen werden.
Ministerpräsident Rutte reagierte unter der Woche mit scharfen Maßnahmen, nachdem bislang im Nachbarland Deutschlands nicht einmal eine einheitliche Maskenpflicht galt:
  • Kneipen, Cafés und Restaurants sind geschlossen
  • Verkauf von Alkohol ab 20 Uhr verboten
  • Bürger dürfen nur noch maximal drei Gäste pro Tag in ihren privaten Wohnungen empfangen
  • Allgemeine Maskenpflicht in öffentlichen Räumen
Die Niederlande haben die Corona-Maßnahmen drastisch verschärft. Ministerpräsident Rutte kündigte in Den Haag einen Teil-Lockdown an. Kneipen, Cafés und Restaurants werden von heute Abend an geschlossen sein.

Frankreich ruft Gesundheitsnotstand aus

Zum zweiten Mal in diesem Jahr hat Frankreich den Gesundheitsnotstand ausgerufen, der schon von Ende März bis Mitte Juli galt. 20.600 Neuinfektionen pro Tag im Sieben-Tage-Schnitt: Kein anderes europäisches Land verzeichnet so viele Neuinfektionen.
Der Gesundheitsnotstand befugt Präsident Macron dazu, weitreichende Maßnahmen schnell per Verordnung umzusetzen. Das gilt mittlerweile unter anderem in Frankreich:
  • Ausgangssperre in Paris und acht weiteren Großstädten von 21 bis 06 Uhr
  • Bars sind geschlossen, Restaurants haben strenge Hygienevorschriften
  • Turnhallen und Schwimmbädern sind weitgehend geschlossen

ZDF-Korrespondentin Arend zur Corona-Lage in Frankreich

"Man hat den Eindruck, dass man nach dieser ersten Infektionswelle im Frühjahr, die ja in Frankreich mit sehr harten Maßnahmen einherging, verdrängt hat, dass das Virus noch da ist. Restaurants und Bars waren im Sommer voll, dicht an dicht die Tische, so wie man das aus Frankreich eben kennt, gerade in den Städten und an den Küsten.

Viele Franzosen haben wegen der Reisebeschränkungen im eigenen Land Urlaub gemacht. Die Bürgermeisterin von Marseille gestand neulich: "Vielleicht haben wir die ein oder andere Terrassenparty zu viel gefeiert."

Jetzt zielen die Maßnahmen darauf ab: Vor dem Virus schützen, ohne der Wirtschaft zu schaden. Anders als in Deutschland, ist Urlaub machen ausdrücklich erlaubt. Hier beginnen nächste Woche die Herbstferien und ich sprach heute mit Gastgebern am Atlantik. Einfach um zu fragen, ob es ihnen recht sei, wenn wir aus Paris, also aus einer Gefahrenzone, anreisen. Sie sagten: "Ihr bringt vielleicht das Virus mit, aber wir brauchen auch euer Geld, also kommen Sie."

Anne Arend ist Korrespondentin im ZDF-Studio Paris
Die Corona-Krise setzt Frankreich besonders zu. ZDF-Korrespondentin Anne Arend erklärt, wie sich die Franzosen verhalten und warum die Infektionszahlen so stark steigen.
Mit nächtlichen Ausgangssperren in Paris und anderen Metropolen verschärft Frankreich den Kampf gegen steigende Corona-Zahlen. Die neuen Beschränkungen gelten vom Samstag an.

Großbritanniens Corona-Maßnahmen für viele unzureichend

Rund 16.000 Menschen in Großbritannien steckten sich zuletzt binnen 24 Stunden nachweislich mit dem Coronavirus an. Das Drei-Stufen-System, mit dem Premierminister Boris Johnson die Maßnahmen vereinheitlichen wollte, wird von Kritikern als unzureichend eingestuft. Das wissenschaftliche Beratergremium Sage hatte der Regierung schon vor Wochen einen landesweiten Lockdown empfohlen.
In Großbritannien halten sich viele Nachtschwärmer nicht an die verhängte Sperrstunde – das sei fatal, so die britische Regierung, da mehr Corona-Patienten hospitalisiert werden als noch im Frühjahr. Nun soll ein Drei-Stufen-System das Virus eindämmen.
Die Regierungschefs der einzelnen Länder Großbritannien erlassen aber sowieso eigene Maßnahmen. So sind in Nordirland Pubs und Schulen geschlossen, in Wales soll ein Einreiseverbot für Menschen aus britischen Risikogebieten gelten. Wales' Regierungschef Mark Drakeford kritisierte zudem Johnson scharf, der in der Krise nicht kooperiere und nicht auf Anfragen antworte.

Die Einschätzung von ZDF-Korrespondent Hehrlein

"Es sieht immer mehr so aus als ob Boris Johnson kein Meister des Spagats ist. Im Kampf gegen das Coronavirus scheint dieser ihm zusehends zu misslingen. Der Premierminister versucht den Spagat zwischen dem Ruf nach härteren Maßnahmen auf der einen und den Gegnern dessen in seiner eigenen Partei auf der anderen Seite, zwischen konsequentem Schutz vor steigenden Covid19-Infektionen und dem Schutz der Wirtschaft.

Das Ergebnis aber ist Konfusion über immer neue, regional unterschiedliche Beschränkungen, zunehmender Vertrauensverlust bei der Bevölkerung und eine gleichzeitig abnehmende Bereitschaft, den Anweisungen zu folgen.Die Opposition im Parlament bezieht inzwischen klar Stellung und fordert einen zwei- bis dreiwöchigen Lockdown im ganzen Land.

Bei der ersten Infektionswelle im Frühjahr handelte die Regierung zögerlich. Die Folgen waren gravierend. Sowohl was die Todeszahlen wie auch was die wirtschaftliche Lage angeht.

Doch Johnson scheint daraus nichts gelernt zu haben."

Yacin Hehrlein ist Korrespondent im ZDF-Studio London

Italien: Erst Vorbild, jetzt Rekordinfektionen

Während in Spanien und Frankreich die Zahlen der Neuinfektionen schon rasant stiegen, galt Italien im September lange als Musterbeispiel für die Bewältigung der Pandemie in der zweiten Jahreshälfte. Im Oktober gingen die Zahlen aber wieder steil nach oben, am Samstag stiegen sie mit 10.925 auf den bisherigen Rekordwert des Landes.
Von einem Vergleich zum Beginn der Pandemie wird jedoch abgeraten, weil die durchgeführten Tests im Land nun deutlich zugenommen haben. Die Regierung hat wegen der beschleunigten Virus-Ausbreitung gerade mehrfach die Schutzmaßnahmen verschärft. Es gilt auch eine landesweite Maskenpflicht im Freien.
Aufgrund des Anstiegs der Neuinfektionen gilt in Italien eine landesweite Maskenpflicht im Freien. Verstöße werden mit Geldstrafen bis zu 1.000 Euro geahndet.

Österreich befürchtet zweiten Lockdown

Auch in Österreich steigen die Corona-Infektionszahlen rasant an. Die Landesregierung in Salzburg hat nun die 7000 Einwohner-Stadt Kuchl komplett unter Quarantäne gestellt.
Auch Österreich verzeichnete in der Woche Rekordwerte bei den Neuinfektionen. Am Samstag wurden 1.747 neue Fälle gezählt. Unter Berücksichtung der Zahl der Einwohner ist der Wert in etwa doppelt so hoch wie in Deutschland.
Mit dem 6.600-Einwohner-Ort Kuchl im Salzburger Land wurde wieder ein kompletter Ort unter Quarantäne gestellt. Die Entwicklung im Bundesland sei dramatisch, sagte Salzburgs Landeschef Wilfried Haslauer am Donnerstag. Die Kapazitäten in den Kliniken drohten in weniger als zwei Wochen, an ihre Grenzen zu kommen. Dann wäre ein Lockdown wohl unvermeidlich.

ZDF-Korrespondent Ulrich zur Corona-Lage in Österreich

"Bundes- und Landesregierungen suchen den Mittelweg zwischen Corona-Bekämpfung an den Hotspots und Maßnahmen, die die Wirtschaft nicht zu arg in Mitleidenschaft ziehen. Im Fokus derzeit die Region um Innsbruck herum und das Salzburger Land, wo die Gemeinde Kuchl jetzt unter Quarantäne gestellt wird.

Der Gesundheitsminister stimmt außerdem auf eine Corona-Adventszeit ein: Weihnachtsmärkte müssen Präventionskonzepte einreichen, bei Weihnachtsfeiern drinnen dürfen nicht mehr als 10 Personen teilnehmen.

Die Ski-Saison wird in diesem Jahr ohne Aprés-Ski stattfinden, dafür planen die Skigebiete wie in Niederösterreich beispielsweise mit Abstand am Lift, Maskenpflicht und Onlinebuchung vom Skipass."

Wolf-Christian Ulrich ist Korrespondent im ZDF-Studio Wien
Quelle: mit Material von dpa

Mehr Informationen zu Covid-19

Aktuelles zur Coronavirus-Krise