: Herdenimmunität statt Corona-Lockdown?

von Julia Klaus und Alexandra Hawlin
14.10.2020 | 17:26 Uhr
Wissenschaftler schlagen vor, dass sich Menschen mit dem Coronavirus infizieren sollen, um einen Lockdown zu vermeiden. Warum das ethisch und wissenschaftlich problematisch ist.
Herdenimmunität gegen das Coronavirus? Davon ist man noch weit entfernt. Die WHO warnt davor, Herdenimmunität ohne eine Impfung anzustreben.Quelle: ZDF/colourbox.de
Mit ihrer Idee, die Pandemie mit natürlichen Corona-Ansteckungen zum Stillstand zu bringen, sorgen drei Wissenschaftler derzeit für Aufregung. In ihrer Erklärung "The Great Barrington Declaration" warnen sie vor dem "irreparablen Schaden" von Lockdown-Maßnahmen und "kurz- und langfristigen verheerenden Auswirkungen auf die öffentliche Gesundheit". 480.000 Menschen sollen bereits unterzeichnet haben.
Ihre Idee: Sie wollen auf Herdenimmunität setzen. Herdenimmunität bedeutet, dass genügend Menschen in der Bevölkerung immun gegen das Virus sind und es so nicht mehr weitergegeben wird. Herdenimmunität kann theoretisch auf zwei Wegen erreicht werden: mit einem Impfstoff oder über natürliche Ansteckungen. Auf letzteres setzt die Barrington-Erklärung.
Ist ein bestimmter Anteil der Bevölkerung immun, kann sich eine Krankheit nicht mehr ausbreiten. Wir erklären, warum Herdenimmunität keine Alternative zu Corona-Maßnahmen ist.

Herdenimmunität

Um eine Herdenimmunität zu erreichen, müssen laut WHO mindestens 60 bis 70 Prozent der Menschen immun gegen das Virus sein, um Übertragungsketten durchbrechen zu können. Das erklärte die WHO-Chef-Wissenschaftlerin Soumya Swaminathan in einem Video vom Montag. Derzeit geht die WHO davon aus, dass schätzungsweise weniger als zehn Prozent der Bevölkerung in den meisten Ländern infiziert wurde.

Was die Wissenschaftler vorschlagen

Das Szenario, das die Wissenschaftler zeichnen, wirkt auf den ersten Blick verlockend: Jene, die ein minimales Sterberisiko haben, sollten sofort wieder ein normales Leben führen dürfen, Schulen und Universitäten wieder zum Präsenzunterricht zurückkehren, Restaurants und Geschäfte öffnen.
Für die, die stark gefährdet sind, schlagen die Wissenschaftler einen "gezielten Schutz" (im Original: Focused Protection) vor. Im Detail wird dieser nicht ausgeführt. Lediglich sollten Menschen in Pflegeheimen isoliert werden, auch Menschen im Ruhestand sollten das Haus möglichst nicht verlassen und sich alles nach Hause liefern lassen.

Ethische Bedenken vor "wegsperren" der Älteren

Doch der Vorstoß stößt auf viel Kritik. Denn Herdenimmunität ohne das Vorhandensein eines Impfstoffs birgt gleich mehrere Risiken:
Zu denken, man müsste einfach die Pandemie einmal durch die Population rasen lassen und die Älteren alle wegsperren, das ist komplett unrealistisch und inhuman.
Prof. Dr. Friedemann Weber, Institut für Virologie an der Justus-Liebig-Universität Gießen
Auch ist unklar, welche Menschen man separieren müsste. Denn Risikogruppen seien laut Weber in allen Altersschichten zu finden. Manche Immunschwächen zeigten sich auch erst, wenn jemand infiziert sei. "Das ist alles viel zu einfach gedacht", kritisiert der Virologe gegenüber ZDFheute.

Sorge vor hohen Todeszahlen

Die Chef-Wissenschaftlerin der WHO warnt davor, Herdenimmunität ohne einen Impfstoff erreichen zu wollen. Eine natürliche Durchseuchung wäre mit "großen menschlichen Kosten" verbunden - also mit vielen zusätzlichen Toten, die eine unkontrollierte Virus-Ansteckung hervorbingen könnte. Sie empfiehlt stattdessen:
Mit einer Impfung kann man auf sicherem Weg Herdenimmunität erreichen.
Soumya Swaminathan, Chef-Wissenschaftlerin der WHO

Dauer der Immunität und Fälle von Reinfektionen

Unklar ist zudem, wie lange Menschen nach einer Corona-Infektion immun gegen das Virus sind - eine dauerhafte Immunität nach einer durchgemachten Infektion scheint aber eher unwahrscheinlich.
Darauf deuten auch die - wenn auch wenigen - Fälle von Reinfektionen hin, also von Menschen, die ein zweites Mal mit dem Coronavirus infiziert waren. Zwar gehen Forschende davon aus, dass man nach einer Infektion eine Teilimmunität gegen das Virus aufbaut. Doch weil Sars-Cov-2 mutierfreudig ist, kam es in bislang wenigen dokumentierten Fällen auch zu Reinfektionen mit einem genetisch veränderten Corona-Erreger.

Barrington-Erklärung: Intransparenz und Verbindungen zu Charles Koch

Die Erklärung wirbt damit, dass sie mehr als 480.000 Menschen unterzeichnet haben, darunter mehr als 9.500 Mediziner und Wissenschaftler. Doch das lässt sich nicht überprüfen - die aktuelle Liste ist verborgen. Ältere Einträge, die sich über Archivierungs-Webseiten aufrufen lassen, weisen aber Ungereimtheiten auf.
Unter den Menschen, die angaben, Mediziner zu sein, waren Einträge wie "Person Fakename" (auf Deutsch: Person Falschname) oder "Johnny Bananas", der sich als "Doctor of Hard Sums" bezeichnete - eine Anspielung auf eine britische Fernsehshow, wie Sky News recherchierte.
ZDFheute hat auch zahlreiche Einträge von Menschen gefunden, die Deutschland als Wohnort angeben. Mal war jedoch ein Mediziner doppelt gelistet, zählte also mehrfach, mal betreibt eine Frau, die sich als "praktizierende Ärztin" eingetragen hat, lediglich einen Massagesalon.
Der Investigativjournalist Nafeez Ahmed enthüllte zudem, dass die Webseite der Barrington-Erklärung von einem libertären Think Tank registriert wurde: dem American Institute for Economic Research (AIER). Dieses Institut erhielt 2018 68.100 US-Dollar von der Charles Koch Foundation, einer Stiftung, hinter der der rechte Milliardär Charles Koch steckt. Seine Stiftungen gelten als einflussreiche Treiber in der Szene der Klimawandelleugner. Auch AIER publiziert klimaschutz-kritische Artikel wie etwa "Warum Brasilien weiter seinen Regenwald abholzen sollte".
Fazit: Herdenimmunität wird laut WHO am besten mit einer Impfung erreicht - über natürliche Ansteckungen würde sie sehr lange dauern und hätte vermutlich eine große Anzahl an Todesopfern zur Folge.

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