"Wir sehen uns gut vorbereitet"

16.10.2020 | 10:06 Uhr
Der Präsident der Deutschen Krankenhausgesellschaft, Gerald Paß, sieht der zweiten Welle der Corona-Pandemie optimistisch entgegen. Im ZDFheute-Interview äußert er aber eine Sorge.
Die Zahl der Corona-Infektionen steigt. Experten sprechen von einer zweiten Welle. Quelle: dpa
ZDFheute: Wie gut sind Deutschlands Krankenhäuser auf den Corona-Winter vorbereitet?
Gerald Gaß: Wir sehen uns gut vorbereitet. Wir haben natürlich aus den Erfahrungen gelernt. Wir haben die erste Welle ja ganz ordentlich bewältigt in den Krankenhäusern, obwohl wir damals nicht ganz so recht wussten, was da auf uns zukommt.

Gerald Gaß ...

... ist Präsident der Deutschen Krankenhausgesellschaft (DKG).
Dr. Gerald Gaß, Präsident der Deutschen Krankenhausgesellschaft Quelle: ZDF
ZDFheute: Was haben Sie denn genau aus der ersten Welle gelernt?
Gaß: Wir können heute sehr viel besser einschätzen, wie sich Verläufe wahrscheinlich entwickeln werden. Wir können Beatmungstherapien gezielter einsetzen, ein Stück weit später damit beginnen, um natürlich auch eventuelle negative Konsequenzen aus einer längeren Beatmung zu reduzieren.
Auch die medikamentöse Behandlung ist besser geworden. All das, was am Anfang an Unbekanntem existiert hat, hat sich ein Stück weit aufgehellt.
Gerald Gaß
Wir haben Mitarbeiter geschult, die zusätzlich qualifiziert sind, um bei den Beatmungen zu unterstützen.
Und wir haben die regionalen Netzwerke intensiviert, das heißt, Krankenhäuser arbeiten innerhalb der Region eng zusammen, sie unterstützen sich bei der Verlegung von schwerkranken Patienten. Wenn ein Haus droht, überfordert zu werden, wird sofort das benachbarte Krankenhaus informiert.
ZDFheute: Stecken wir in einer zweiten Welle? Einige Krankenhäuser kommen ja bereits an erste Kapazitätsgrenzen.
Gaß: Wir stehen am Beginn der zweiten Welle, das ist so. Wenn man sich ganz Deutschland anschaut, haben wir etwa 30 Prozent Intensivbetten frei. Wenn man etwas differenzierter schaut, nach Berlin - da sind es nur noch 15 Prozent. In Rheinland-Pfalz sind es im Moment noch 38 Prozent.
Man sieht schon, wir haben zunehmende regionale Belegungen. Das bedeutet noch nicht, dass wir an den Grenzen unserer Möglichkeiten angekommen sind, aber wir sehen, dass die Belastung der Krankenhäuser wieder zunimmt. Wir haben ja auch in den letzten 14 Tagen eine Verdopplung der Intensivpatienten, der Covid-19-Patienten, auf vergleichsweise niedrigem Niveau.
Entscheidend ist die Dynamik. Wir wissen, dass die Belegung in den Krankenhäusern immer in etwa 14 Tage zeitversetzt der Infektionslage folgt. Ich rechne damit, dass wir in 14 Tagen weit über 1.000 Intensivpatienten mit Covid-19 haben werden.
ZDFheute: Gibt es ausreichend Schutzausrüstung für das Klinikpersonal?
Gaß: Die Bevorratung der Schutzausrüstung ist zurzeit gut. Wir haben im Moment auch verlässliche Lieferketten. Wir erwarten nicht, dass wir eine vergleichbare Situation erleben wie im Frühjahr, wo ja auf der ganzen Welt die Lieferketten zusammengebrochen sind. Es wird sicher schwierig werden, aber gerade in Asien ist die Produktion stabil und insofern erwarten wir auch Lieferungen.
Im Frühjahr kam es zu Engpässen: zu viele Infizierte, zu wenig Beatmungskapazitäten.
ZDFheute: Und hat sich in der Zwischenzeit etwas am Personalmangel geändert?
Gaß: Wir haben auch ohne Corona eine angespannte Fachkräftesituation gehabt. Das gilt insbesondere für die Pflege, das ist ja auch eine Diskussion, die wir schon länger führen. Diesen Fachkräftemangel konnten wir jetzt in den letzten zwölf Monaten natürlich nicht schließen.
Mit steigenden Infektionszahlen wird es bei den Gesundheitsämtern eng – besonders personell. Wie sind die Krankenhäuser vorbereitet?
Wir erleben zwar, dass sich mehr junge Menschen für eine Ausbildung im Bereich Pflege interessieren, dass die Nachfrage da durchaus höher geworden ist. Faktisch ist die Besetzung aber auf einem Niveau - da müssen wir unbedingt nachlegen, das wollen wir auch. So dass man sagen muss, dass wir bei voller Auslastung keine Idealbesetzung haben werden.
ZDFheute: Wie nehmen Sie die Dankbarkeit in Politik und Bevölkerung wahr? Die ist ja doch recht schnell wieder abgeebbt.
Gaß: Ich bin da zuversichtlicher. Ich habe schon den Eindruck, dass auf die Arbeit der Menschen, die im Gesundheitswesen arbeiten, ein neuer Blick entstanden ist. Ich glaube nicht, dass es nur ein kurzfristiges Strohfeuer mit Applaus war, sondern da ist schon ein Stück weit Nachdenklichkeit entstanden.
Insofern wollen wir natürlich auch als Arbeitgeber diese Situation weiterhin deutlich machen und werden sicherlich auch weiter an Verbesserungen der Arbeitsbedingungen arbeiten.
Das Interview führte Julia Lösch.

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