So zuverlässig sind Corona-Tests

von Oliver Klein
21.08.2020 | 15:00 Uhr
Kein Test ist fehlerfrei. Bei Gesunden kann ein Test positiv ausfallen, Infizierte können negativ getestet werden. Doch kommt so etwas tatsächlich sehr oft vor? Der Faktencheck.
Quelle: Karl-Josef Hildenbrand/dpa/Archivbild
Seit Monaten kursiert in Sozialen Netzwerken die Behauptung, Corona-Tests seien unzuverlässig und produzieren massenweise falsch-positive Ergebnisse - weisen also bei gesunden Menschen fälschlicherweise eine Infektion nach.
Doch diese Behauptung ist so pauschal falsch. Zwar ist kein Test perfekt, es gibt durchaus falsch-positive Tests. Aber die Fehlerquote ist gerade bei den Abstrich-Tests, den sogenannten PCR-Tests, gering.

So funktioniert der PCR-Test

Beim Verdacht auf das Coronavirus Sars-CoV-2 wird der Erreger in der Regel mit einem molekularbiologischen Test nachgewiesen. Zunächst nimmt ein Arzt eine Probe aus den Atemwegen eines Patienten - entweder einen Abstrich oder ausgehusteten Schleim. Spezialisten bereiten diese Probe dann im Labor auf und suchen mit einem sogenannten PCR-Test nach dem Erbmaterial des Virus. Vereinfacht gesagt wird dabei ein bestimmter Abschnitt des Viren-Erbguts millionenfach kopiert. Die Kopien werden mit einer sogenannten Sonde farblich markiert. Diese Farbmarkierung kann dann mit komplexen Geräten sichtbar gemacht werden. Sind entsprechende Farbsignale vorhanden, handelt es sich um eine "positive Probe". Unter idealen Bedingungen dauert ein solcher Test im spezialisierten Labor 3-5 Stunden.

Wie wird die Zuverlässigkeit von Tests gemessen?

Generell wird die Zuverlässigkeit von Tests mit Werten für die Sensivität und die Spezifität gemessen: Je höher die Sensitivität ist, desto mehr Infizierte werden vom Test tatsächlich erkannt. Und je höher die Spezifität ist, desto weniger Fehlalarme gibt es.
So gibt beispielsweise der Hersteller "Bencard Diagnostics" für seinen Antikörper-Test eine Sensitivität von 98,4 Prozent und eine Spezifität von 99,8 Prozent an. Doch die Mehrzahl der durchgeführten Tests sind Tests mit Abstrichen, sogenannte PCR-Tests.
Für Urlaubs-Rückkehrer gilt: Die einen können sich freiwillig testen lassen, die anderen müssen zum Abstrich. Ärzte und Betroffene scheinen überfordert.

Was macht PCR-Testverfahren zuverlässig?

Marc Lütgehetmann, Mikrobiologe und Oberarzt im Institut für Medizinische Mikrobiologie, Virologie und Hygiene am Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf (UKE), schätzt die tatsächliche Trefferquote auf nahezu einhundert Prozent:
Diese Tests sind viel besser als bloß 98 oder 99 Prozent.
Viele Prozesse der Testauswertung im Labor seien vollautomatisiert und es gebe für den PCR-Test verschiedene Kontrollmechanismen, die die Zuverlässigkeit noch mal erhöhen, erklärt der Experte im Gespräch mit ZDFheute. Zusätzlich würden manche Fehler auch sofort erkannt: "Wenn wir eine auffällige Häufung positiver Tests haben, dann werden wir natürlich misstrauisch. Dann wird neu getestet."

Was sind die häufigsten Fehlerquellen?

Das häufigste Problem sind wohl Unsicherheitsfaktoren, die durch das Testen selbst entstehen: Wenn der Abstrich nicht richtig entnommen oder Proben falsch transportiert wurden. Auch der Zeitpunkt des Tests ist entscheidend: Hat die Infektion erst kurz zuvor stattgefunden, können meist weder Viren im Rachenabstrich noch Antikörper im Blut nachgewiesen werden und es kommt zu sogenannten "falsch-negativen" Ergebnissen: Dass also der Test negativ ausfällt, obwohl die Person infiziert ist.
Ein negativer Test ist also oft kein Freibrief: Bestehen berechtigte Zweifel am negativen Testergebnis, weil die Person zum Beispiel engen Kontakt zu einem Infizierten hatte, wird zu einem zweiten Test geraten. Deshalb sollten sich auch Urlauber, die aus Risikogebieten zurückkehren, ein zweites mal testen lassen, wenn Covid-Symptome bei ihnen auftreten - selbst, wenn der erste Test negativ ausfiel.

Wie groß ist das Problem der "falsch-positiven" Tests?*

Das umgekehrte Problem scheint weniger relevant: Das Robert-Koch-Institut (RKI) schreibt auf seiner Webseite, dass falsch-positive Tests "nach derzeitigen Erkenntnissen nur selten" vorkämen. Die Positiv-Quote aller durchgeführten Tests lag im Juli teilweise bei nur 0,59 Prozent. Die Tests müssen also zwangsläufig eine deutlich geringere Falsch-Positiv-Rate haben.
In einer Mail an ZDFheute verweist eine Sprecherin des RKIs auf sogenannte "Ringversuche", bei der deutsche Labore sehr gut abschneiden.

Was sind Ringtests

Bei Ringtests werden mehreren Laboren identische Proben zur Auswertung geschickt. Die "Gesellschaft zur Förderung der Qualitätssicherung in medizinischen Laboratorien" hat zuletzt im Juni Ergebnisse eines PCR-Ringtests veröffentlicht. "Hinsichtlich der Spezifität spiegeln diese Ergebnisse eine sehr gute Testdurchführung in deutschen Laboratorien wider", heißt es vom RKI.

Es müsse jedoch bedacht werden, dass vom Ergebnis eines Ringversuchs nicht auf die Gesamtheit der durchgeführten Tests geschlossen werden könne. Möglicherweise sind die Labore im Realbetrieb sogar noch besser als die Ringversuche vermuten lassen, so sieht es jedenfalls Lütgehetmann: "Da nehmen teilweise Labore teil, die das bisher kaum gemacht haben, die auch gar nicht zugelassen sind für die Corona-Tests, die von den Kassen gezahlt werden. Die wollen mal ausprobieren, wie gut sie abschneiden. Und könnten dadurch möglicherweise den Schnitt verderben."
Tatsächlich ist jedoch die wirkliche Anzahl der falsch-positiven Tests kaum abzuschätzen. Das RKI schreibt in einer Mail an ZDFheute, es könne "keine 'Falsch-Positiv-Rate' der PCR-Teste für Deutschland in der Gesamtheit angegeben werden." Das Institut geht jedoch nach eigenen Angaben von einer "Spezifität von mehr als 99,9%" aus. Diesen Wert gibt auch die österreichische Gesellschaft für Labormedizin an, die nach internen Auswertungen im Hinblick auf falsch-positive Testergebnisse von einer "absoluten Rarität" spricht.
Das Magazin SPIEGEL zitiert Peter Bauer vom Testlabor Centogene, das nach eigenen Angaben zwei Mal pro Woche alle 500 Mitarbeiter auf das Coronavirus testen lässt. Bei über 20.000 durchgeführten Tests habe es keinen einzigen falsch-positiven gegeben. Die drei einzigen positiven Tests hatten Mitarbeiter, die tatsächlich infiziert gewesen seien.
Dennoch besteht das Problem in der Masse der durchgeführten Tests, insbesondere, wenn nicht zielgerichtet getestet wird - also auch Menschen ohne einen konkreten Verdacht. Ein Rechenbeispiel: Einhunderttausend gesunde Menschen werden getestet, der Test hat eine Spezifität von 99,99 Prozent. Dann bekommen immer noch 10 ein falsch-positives Ergebnis.
*die drei letzten Absätze mit weiteren Fakten und Zahlen wurde am 27.8.2020 ergänzt.

Mehr Informationen zu Covid-19

Aktuelles zur Coronavirus-Krise