Warum der Corona-Lockdown nicht sinnlos war

von Oliver Klein
22.04.2020 | 17:37 Uhr
Die Reproduktionzahl ist einer der zentralen Werte, um das Corona-Infektionsgeschehen einzuschätzen. Doch sie ist seit Wochen niedrig. Kritiker sagen: Der Lockdown war überflüssig.
Die Reproduktionszahl gibt an, wie viele Menschen eine erkrankte Person im Durchschnitt infiziert. Dabei können schon vermeintlich kleine Änderungen dieser Zahl erhebliche Folgen haben.
"Was wir erreicht haben, ist ein Zwischenerfolg - nicht mehr und nicht weniger", sagte Angela Merkel in der vergangenen Woche, als sie die Lockerungen der Corona-Maßnahmen verkündete. "Wir sind jetzt ungefähr beim Reproduktionsfaktor eins - also einer steckt einen an", so die Kanzlerin.
Die Reproduktionszahl ("R") ist einer der wichtigsten Werte, um das Infektionsgeschehen einzuschätzen. Noch Anfang März lag "R" bei über drei: Ein Infizierter steckte also im Durchschnitt mehr als drei weitere Menschen an.

Reproduktionzahl seit Wochen bei eins

Was kaum einer ahnte: Als Merkel den Erfolg verkündete, dass die "R"-Zahl inzwischen bei eins liegt, hatte das Robert-Koch-Institut (RKI) längst ausgerechnet, dass der Reproduktionsfaktor bereits seit Wochen auf diesen Wert und teilweise sogar darunter gefallen war.
Der Sinkflug begann kurz nach dem 9. März: Zu diesem Zeitpunkt wurden Veranstaltungen mit mehr als 1.000 Menschen verboten. Als wenige Tage später entschieden wurde, Schulen und Kitas zu schließen, sank die "R"-Zahl weiter - und stabilisierte sich spätestens ab dem 21. März bei etwa eins.
Quelle: Robert Koch-Institut Stein des Anstoßes: Die Grafik des Robert Koch-Instituts mit der Corona-Reproduktionszahl (Screenshot) - ab dem 21. März liegt sie unter eins.
Das Brisante: Der Lockdown, also Kontaktverbote und Schließungen von Geschäften, trat erst danach in Kraft - am 23. März. Und auf den ersten Blick hatten diese zusätzlichen Maßnahmen keinen großen Einfluss auf "R", da der Wert bis heute meist knapp unter eins liegt.

Kritiker mit einer Million Youtube-Klicks

Schon melden sich Kritiker zu Wort: Der Lockdown sei völlig sinnlos gewesen, und die Politiker hätten das von Anfang an gewusst, sagt beispielsweise der Finanzwissenschaftler Stefan Homburg in einem Youtube-Video, das inzwischen über eine Million mal angeklickt wurde.
Manche Kritiker halten die Corona-Maßnahmen für sinnlos. Was ist dran?
Das RKI verweist darauf, dass sich das Infektionsgeschehen nicht durch eine einzige Zahl abbilden lasse. Man müsse neben "R" auch immer die Zahl der täglichen Neuinfektionen berücksichtigen. Und die stieg zu dem Zeitpunkt noch, als der Lockdown in Kraft trat.
Auch der Statistiker Helmut Küchenhoff aus München widerspricht Homburg:
Die Aussage, dass man allein aus der Reproduktionszahl die Unwirksamkeit der Maßnahmen ableiten kann, ist einfach nicht richtig. Das ist eine falsche Interpretation der Grafik.
Helmut Küchenhoff, Institut für Statistik, München
Gerade die Tatsache, das "R" meist bei unter eins geblieben ist, wertet das RKI als Beleg dafür, dass der Lockdown funktioniert - andernfalls wäre die Zahl mit hoher Wahrscheinlicheit wieder gestiegen. Und auch der Virologe Martin Stürmer sagt im Interview mit ZDFheute:
Letztendlich ist die Kontaktsperre das entscheidende Kriterium gewesen, dass im langfristien Trend sich die Zahlen so günstig entwickelt haben.
Martin Stürmer, Virologe und Epidemiologe
Das RKI erklärt auch, warum trotz der gravierenden Maßnahmen "R" nicht noch weiter gesunken ist und verweist auf Ausbrüche in Pflegeheimen und Krankenhäusern, die ab Mitte März verstärkt beobachtet wurden. Ein weiterer Aspekt sei, dass in Deutschland die Testkapazitäten deutlich erhöht und so mehr Infektionen sichtbar wurden.

RKI schätzt Reproduktionszahl seit Ende März

Der Vorwuf von Homburg, die "Eliten" hätten von den guten Zahlen bereits vor dem 23. März gewusst und wider besseren Wissens Deutschland in den Lockdown geführt, ist absurd: Matthias an der Heiden vom RKI sagt, dass die Reproduktionszahl überhaupt erst seit Ende März errechnet wird. Die Daten für März sind also rückblickende Schätzungen.
Im Video: Der Virologe Hendrik Streeck bei "Markus Lanz": "Man darf die Anzahl der Infizierten und die Reproduktionszahl nicht unabhängig von der Testkapazität sehen"

Grundsätzlich hat das RKI ohnehin das Problem, dass seine Fallzahlen der Realität um Tage hinterherhinken: Bis Symptome bei einem Infizierten ausbrechen, dauert es im Schnitt fünf bis sechs Tage. Bis ein Test durchgeführt und das positive Ergebnis über die Gesundheitsämter an das RKI übermittelt wurde, vergehen durchschnittlich weitere fünf bis zehn Tage.

"R" steigt bereits wieder

Der Virologe Stürmer warnt vor zu schnellem Optimismus. Es sei gefährlich, ein Abfallen von "R" unter den Wert eins sofort als "wir haben die Pandemie im Griff" zu interpretieren.
Die Zahl muss über einen längeren Zeitraum unter eins sein, nicht 0,9 oder 0,7 - sondern noch tiefer, damit wir sicher sein können, dass die Pandemie beherrschbar ist.
Martin Stürmer, Virologe und Epidemiologe
Ähnlich sieht es auch die Helmholtz-Initiative "Systemische Epidemiologische Analyse der Covid-19-Epidemie". Derzeit scheint "R" wieder zu steigen. Nach Schätzungen des RKI liegt der Wert heute bei 0,9.
Fazit: Die Behauptung des fachfremden Ökonomen Stefan Homburg, dass Politiker den Lockdown beschlossen haben, obwohl sie um den niedrigen R-Wert wussten, ist falsch. Die Reproduktionszahl hat das RKI erst seit Ende März geschätzt. Epidemiologen sehen es als sinnvoll an, "R" mit entsprechenden Maßnahmen dauerhaft sehr deutlich unter 1 zu drücken, um der Covid-19-Epidemie Herr zu werden.

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Quelle: Mit Material von dpa

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