: Die Grenzen europäischer Energie-Solidarität

von Luis Jachmann
06.10.2022 | 13:01 Uhr
In der Energiekrise beliefert Frankreich Deutschland mit Gas. Im Gegenzug bekommt der Nachbar deutschen Strom. Aber die Hilfe zwischen europäischen Partnern ist nicht grenzenlos.
Gasleitung in Deutschland (typical)Quelle: dpa
Weitgehend unbemerkt hat die saarländische Kommune Gersheim jahrelang eine wichtige Rolle für Frankreichs Energieversorgung gespielt. Durch die kleine Gemeinde direkt an der deutsch-französischen Grenze verläuft unterhalb idyllischer Felder die einzige Pipeline, die bisher russisches Gas nach Frankreich geschickt hat.

Französisches Gas über Gersheim

Doch seitdem Nord Stream 1 und 2 infolge des Ukraine-Kriegs auf unbestimmte Zeit ausfallen, ist Deutschland selbst auf Gasimporte angewiesen. Und da kommt Gersheim ins Spiel - unter umgekehrten Vorzeichen: Denn am Übertrittsort soll ab dem 10. Oktober Gas aus Frankreich nach Deutschland fließen und so rund zwei Prozent des deutschen Gasbedarfs decken.

Frankreich bekommt aus Deutschland Strom, im Gegenzug wollen die Franzosen Gas liefern. Doch unterschiedliche Systeme erschweren die Lieferung.

05.10.2022 | 02:15 min
Michael Clivot, Bürgermeister von Gersheim schätzt die französische Hilfe:
Ich finde es großartig, dass Deutschland und Frankreich hier gegebenenfalls auch eine unabhängige Energieversorgung zusammen hinbekommen wollen.
Michael Clivot

Frankreich ist auf Stromimporte angewiesen

Clivot spielt mit seinen Restzweifeln auf die Energieprobleme an, die es auch auf französischer Seite gibt. In dieser Woche verkündeten die Energiebetreiber eine ermutigende und eine bedenkliche Nachricht: Einerseits seien die Gasspeicher in Frankreich jetzt vollständig gefüllt. Andererseits bereiten die Atomkraftwerke, die weit über die Hälfte des französischen Stroms produzieren, Sorgen. So seien zwölf Atomkraftwerke in den vergangenen Monaten nur mit Ausnahmegenehmigungen am Netz geblieben.
Hintergrund ist die wochenlange Hitze, die zu erhöhten Temperaturen des Kühlwassers geführt hatte - das wird aus den Meilern in Flüsse abgeleitet. Auch nach dem Hitzesommer sind etliche Meiler nicht im Regelbetrieb oder wegen Wartungsarbeiten gar nicht erst am Netz.

Trittin spricht sich gegen einen Gaspreisdeckel aus: Das Gas kauften dann andere und die "eurozentristische Debatte" der Europäer gehe zu Lasten ärmerer Länder.

06.10.2022 | 05:22 min

Frankreich hinkt bei erneuerbaren Energien hinterher

Dass Frankreich die Stromprobleme nicht selbst in den Griff bekommt, liegt auch am schleppenden Ausbau von Wind- und Solarenergie: In der Europäischen Union hat einzig Frankreich das EU-Ziel verfehlt, den Anteil der erneuerbaren Energien auf mindestens 23 Prozent anzuheben.
Als Präsident Emmanuel Macron kürzlich einen neuen Offshore-Windpark im Atlantik eröffnete, gab er offen zu:
Wir müssen an Geschwindigkeit zulegen. Wir müssen die Genehmigungszeit von Projekten erneuerbarer Energien mindestens halbieren.
Emmanuel Macron, Präsident Frankreich
Doch das ist noch Zukunftsmusik. Um mögliche Engpässe zu überbrücken, erwartet Frankreichs Präsident für die Gasexporte eine Gegenleistung: "Wir müssen solidarisch in Europa sein. Wir werden an unsere Nachbarn Gas liefern. Im Gegenzug importieren wir Strom, den wir derzeit nicht ausreichend produzieren können."
ZDFheute Infografik
Mehr
Mehr
Mehr

Spaniens Gaskapazitäten außen vor

So bedient die Gaspipeline nach Deutschland auch französische Interessen. Beim Bau einer anderen grenzüberschreitenden Pipeline hingegen bremst Macron. Das milliardenschwere Projekt MidCat, eine neue Gasverbindung von Spanien nach Frankreich, liegt wegen des Vetos aus Paris bisher auf Eis - wegen wirtschaftlicher Interessen.
Dabei könnte die Pyrenäen-Pipeline Spanien und Portugal mit ihren sieben Flüssiggasterminals ans europäische LNG-Netz anbinden.

Scholz spricht von europäischer Solidarität

Deutschland wirbt für den Bau. Auch Bundeskanzler Olaf Scholz sprach jüngst von europäischer Solidarität. "Ich unterstütze, dass wir eine solche Verbindung bekommen."
Jetzt geht es darum, die Verbindung des Gasnetzes in Europa zu verbessern - langfristig, wenn es darum geht, Wasserstoff in Europa gemeinsam zu nutzen.
Olaf Scholz, Bundeskanzler
In Zeiten drohender Energieknappheit gewinnen in Europa aber erstmal fossile Energien wieder an Bedeutung - mit Frankreich als Knotenpunkt. Oder wie es der spanische Premier Pedro Sánchez betitelt: "Wir können Europas Bedarf nicht mit unseren Kapazitäten abdecken, weil es diesen Flaschenhals gibt."
Die Öffnung zeigt in Richtung Deutschland.

Themen

Mehr zum Thema Energiekrise und EU