: Russland weicht - aber nicht im Donbass

von Christian Mölling und András Rácz
22.06.2022 | 23:04 Uhr
Die Ukraine führt erfolgreiche Gegenangriffe in den Regionen Cherson, Charkiw und Saporischschja. Eine Rückeroberung des Donbass ist aber unwahrscheinlich.
Alltag in Charkiw: zerstörtes Gebäude im ZentrumQuelle: Orlando Barria/epa
Obwohl es teilweise scheint, als ob die Ukraine in den 119 Tagen des Krieges ausschließlich in der Defensive war, haben ihre Truppen tatsächlich bereits eine Reihe von Gegenangriffen durchgeführt - mit wechselndem Erfolg.

Immer wieder ukrainische Gegenoffensiven

Während der Schlacht um Kiew gelang es durch ukrainische Gegenangriffe, Russland daran zu hindern, die Stadt einzukesseln. Im Mai drängten ukrainische Streitkräfte die russischen Truppen aus Charkiw zurück, bis die Stadt beinahe außer Reichweite der Artillerie lag. Dies verringerte den Druck auf die Stadt erheblich.

An der Front sehe es "nicht besonders rosig aus für die ukrainischen Kräfte", berichtet ZDF-Korrespondent Luc Walpot aus Kiew. Neben militärischer benötige das Land auch psychologische Unterstützung.

22.06.2022 | 02:44 min
Im April gelang es in einem ukrainischen Gegenangriff Mykolajiw zu befreien. Seither wurden russische Verbände erheblich in Richtung Cherson zurückgedrängt. Anfang Juni näherten sich die ukrainischen Truppen bereits bis auf Artilleriereichweite an Cherson an und drängten die russischen Truppen langsam, aber stetig zurück.
Karte, Ukraine: Städte mit mehr als 400.000 Einwohner + Cherson (ca. 287.000)Quelle: ZDF
Russland seinerseits hat sich für eine aktive Verteidigungsstrategie entschieden und schaffte es kürzlich, einen ukrainischen Brückenkopf am Fluss Inhulets zu zerstören. Aufgrund des Mangels an Bodentruppen wird Russland jedoch kaum in der Lage sein, die Gegenoffensive der Ukraine in der Region zu stoppen.

Westliche Artillerie macht den Unterschied

Dank des zunehmenden Eintreffens westlicher Langstreckenartilleriesysteme und der Tatsache, dass die Schwarzmeerflotte von den ukrainischer Küste Abstand halten muss, um nicht zum Ziel ukrainischer Anti-Schiffs-Raketen zu werden, wird die Schlangeninsel für Russland wahrscheinlich nicht zu verteidigen sein. Dort stationierte Bodentruppen können durch ukrainische Artillerie vernichtet werden, die weit hinter der Küstenlinie agiert.
Moderne westliche Artillerie in Verbindung mit detaillierten Informationen von westlichen Quellen über russische Ziele werden die Ukraine in die Lage versetzen, weitere Präzisionsschläge gegen die russischen Streitkräfte entlang der gesamten Frontlinie durchzuführen.
Im Donbass hat die Ukraine bereits eine Reihe kleinerer, gut getimter Angriffe gegen die Flanken der vorrückenden russischen Streitkräfte durchgeführt. Besonders erfolgreich waren diese Vorstöße in Richtung Isjum, wo die ukrainische Offensive die russischen Kommunikationswege gefährdet und damit die Logistik der russischen Streitkräfte stört.

Dr. Christian Mölling ...

Quelle: DGAP
... ist Forschungsdirektor der Deutschen Gesellschaft für Auswärtige Politik (DGAP) in Berlin und leitet dort das Programm Sicherheit, Verteidigung und Rüstung. Er forscht und publiziert seit über 20 Jahren zu den Themenkomplexen Sicherheit und Verteidigung, Rüstung und Technologie, Stabilisierung und Krisenmanagement. Für ZDFheute analysiert er regelmäßig die militärischen Entwicklungen im Ukraine-Konflikt.

Dr. Andras Racz ...

Quelle: DGAP
... ist Associate Fellow im Programm Sicherheit und Verteidigung der Deutschen Gesellschaft für Auswärtige Politik (DGAP) in Berlin. Er forscht und publiziert zu Streitkräften in Osteuropa und Russland und hybrider Kriegsführung.

Absehbare Grenzen der Offensiven

Trotz all dieser Erfolge ist das ukrainische Potenzial für Gegenangriffe jedoch aus mehreren Gründen limitiert. Der erste ist politischer Natur und hängt mit dem Status der beiden selbsternannten Volksrepubliken im Donbass zusammen.
Mit der einseitigen Anerkennung der Unabhängigkeit der beiden Gebiete am 21. Februar 2022 ist Russland auch die rechtliche Verpflichtung eingegangen, diese militärisch zu verteidigen, was Moskau den Vorwand liefern könnte, eine Mobilisierung im eigenen Land anzuordnen.
Sollte Russland beschließen, diese Gebiete zu annektieren, würde die Verpflichtung sie zu verteidigen noch stärker werden, da sie von da an für Moskau als russisches Kerngebiet gelten würden. Wahrscheinlich ist dies der maßgebliche Grund, warum der Kreml Berichten zufolge eine Angliederung des Donbass an Russland plant.
Damit würde die Ukraine vor vollendete Tatsachen gestellt. Der Versuch, diese Gebiete militärisch zurückzuerobern, würde eine offene, direkte Offensive gegen Russland selbst bedeuten. Was die anderen besetzten Gebiete betrifft, so hat Russland seine militärische Präsenz bisher nicht in diesem Sinne "legalisiert", obwohl der Kreml plant, auch diese Gebiete an Russland anzuschließen.
Die zweite Einschränkung ist ressourcenbedingt. Trotz der laufenden massiven Ausbildung neuer Militäreinheiten und des Zustroms westlicher Militärausrüstung wird die Ukraine priorisieren müssen, welche Gegenangriffe sie durchführt.

Sie versorgen Verwundete von der Front. Leicht haben es die Ärzte nicht. Die Russen schießen mit Munition, die sich selbst mit magnetischem OP-Besteck kaum herausoperieren lässt.

05.05.2022 | 02:31 min
Der Versuch, Gebiete in der Region Cherson zurückzuerobern, erfordert kürzere und weniger anfällige Naschublinien als die Rückeroberung der Küste des Asowschen Meeres.
Außerdem leistet die lokale Bevölkerung in den Regionen Cherson, Saporischschja und Charkiw starken Widerstand gegen die russische Besatzung, während dies für den Donbass, insbesondere für die seit 2014 unter russischer Kontrolle stehenden Gebiete, weit weniger gilt.
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