: Deutschland wirbt um ausländische Fachkräfte

01.03.2020 | 08:04 Uhr
Ab heute gilt das Fachkräfteeinwanderungsgesetz: Es soll Menschen aus dem Nicht-EU-Ausland nach Deutschland locken. Doch es gelten hohe Hürden für die Fachkräfte.
Ab heute gilt das Fachkräfteeinwanderungsgesetz. Es soll den Mangel an qualifizierten Arbeitskräften bekämpfen.
Ab heute tritt in Deutschland das Fachkräfteeinwanderungsgesetz in Kraft: IT-Experten aus Indien, Pflegekräfte von den Philippinen und aus Mexiko, Bauarbeiter aus Marokko - Deutschland sucht Arbeitnehmer künftig auch jenseits der EU.
"Damit bekennt sich Deutschland erstmals dazu, Einwanderungsland zu sein", sagt die Integrationsbeauftragte der Bundesregierung, Annette Widmann-Mauz (CDU) dem Redaktionsnetzwerk Deutschland (RND). Auch Bundeswirtschaftsminister Peter Altmaier (CDU) setzt große Hoffnungen in das neue Gesetz:
Für Wachstum und Wohlstand brauchen wir mehr Fachkräfte.
Bundeswirtschaftsminister Peter Altmaier (CDU)

Altmaier: Demografischer Wandel verstärkt Fachkräftemangel

In einem Gastbeitrag für RND schreibt Altmaier weiter: "Deutschlands eigenes Potenzial an Fachkräften reicht nicht mehr aus." Er gehe davon aus, dass der Mangel an qualifiziertem Personal künftig eher zu- als abnehmen werde. "Die Situation wird in den kommenden Jahren durch den demografischen Wandel noch schlimmer." Der Wirtschaftsminister sieht den deutschen Wohlstand durch diese Entwicklung bedroht.
Zum Start des Gesetzes sind Fachleute vorsichtig optimistisch und sehen zugleich Herausforderungen bei der praktischen Umsetzung. "Es wäre wichtiger, auf Anpassungsfähigkeit und hohe Motivation von Einwanderern zu achten als auf formale Qualifikationen", sagt OECD-Migrationsexperte Thomas Liebig. Das sei auch deshalb wichtig, weil der technologische Wandel die Arbeitswelt in Deutschland so stark verändern werde wie in kaum einem anderen Land.
Das Gesetz gilt für Ausländer mit abgeschlossenem Studium oder einer sogenannten qualifizierten Berufsausbildung - beides muss entweder in Deutschland erworben oder mit einer deutschen Qualifikation vergleichbar sein. Ob die Fachkraft entsprechend qualifiziert ist, wird in einem Anerkennungsverfahren beurteilt..
Mehr zum Fachkräftemangel in Deutschland sehen Sie hier:
Die Vorrangprüfung, bei der geprüft wird, ob nicht auch ein inländischer Bewerber zur Verfügung steht, soll für qualifizierte Ausländer mit Arbeitsvertrag entfallen. Visa sollen schneller vergeben werden. Für EU-Bürger gilt weiterhin Arbeitnehmerfreizügigkeit.

Experten sehen Gesetz positiv

Ob das alles den erhofften Erfolg bringt, muss nach Einschätzung von Beobachtern die Praxis zeigen.
Entscheidend ist jetzt, dass das Gesetz bürokratiearm und mittelstandsfreundlich umgesetzt wird.
Zentralverband des Deutschen Handwerks (ZDH)
"Schon jetzt beobachten wir eine rasant steigende Zahl von Anfragen," teilt der Zentralverband des Deutschen Handwerks (ZDH) mit. Häufig gehe es dabei um Situationen, in denen Handwerksbetriebe schon ausländische Fachkräfte kennen und diese möglichst schnell ins Land holen wollten.
Die Vorsitzende des Sachverständigenrats deutscher Stiftungen für Integration und Migration (SVR), Petra Bendel, betonte: "Wichtig sind gute Sprachkurse, schnelle Visa und dass im Ausland erworbene Qualifikationen zügig anerkannt werden. Erst dann wird das Gesetz wirken."

Nachweispflicht über Qualifikationen ist strittig

Umstritten ist, wie sich die Pflicht zum Nachweis vergleichbarer Qualifikationen auswirken wird. "Im Ausland erworbene Qualifikationen lassen sich oft nicht mit deutschen Berufsabschlüssen vergleichen", sagt Bendel weiter. Deshalb sei es gut, dass die Bundesregierung die Möglichkeiten zur Nachqualifizierung in Deutschland stark ausgebaut habe.
Marius Clemens vom Institut der Deutschen Wirtschaft (DIW) ist da skeptischer: "Durch das spezielle Ausbildungssystem Deutschlands ist eine eindeutige Nachweisregelung nur schwer möglich." Sein Fazit:
Auch wenn das Gesetz der erste Schritt in die richtige Richtung ist, wird es in der aktuellen Form nur einen kleinen Beitrag zur Lösung des Fachkräfteproblems leisten können.
Marius Clemens, Institut der Deutschen Wirtschaft (DIW)
Der Spracherwerb schon im Herkunftsland spielt bereits heute eine große Rolle bei Programmen, die die Deutsche Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit (GIZ) zusammen mit der Bundesagentur für Arbeit für Fachkräfte durchführt. Seit sieben Jahren gibt es sie unter anderem für den Pflegebereich, wo nach Einschätzung von Experten bis 2025 rund 150.000 zusätzliche Kräfte benötigt werden.

Pflegekräfte auch Bosnien, Philippinen und Mexiko

Ein besonderer Fokus liegt dabei auf Bosnien und Herzegowina, Mexiko, Serbien, den Philippinen und Tunesien, von wo in den vergangen Jahren nach Angaben der Arbeitsagentur 2.220 Menschen nach Deutschland kamen, um in Pflegeberufen zu arbeiten. Mehr als 1.000 weitere Personen befänden sich derzeit noch in der Vorbereitung.
Mehr zur Anwerbung von Pflegekräften aus Mexiko sehen Sie hier:
Aber auch für die Gastronomie und die Baubranche laufen Pilotprojekte - vor allem in Nordafrika. In Kooperation mit dem Goethe-Institut in Marokko werden derzeit 100 Marokkaner für eine Ausbildung in Deutschland sprachlich und kulturell fortgebildet. In sechs Monaten sollen die jungen Menschen fit für den deutschen Arbeitsmarkt sein.
Institutsleiterin Susanne Baumgart sagt neben der sprachlichen Ausbildung gehe es vor allem auch darum, ein realistisches Bild von Deutschland und der Arbeit in der Gastronomie und dem Baugewerbe zu zeichnen. "Für manche ist das ein Traum, der zum Alptraum wird, wenn sie sich dann irgendwo alleine in der bayerischen Provinz wiederfinden", so Baumgart.

Pilotphase erfolgreich

Immerhin: Von den mehr als 100 Teilnehmern aus einer ersten Pilotphase, die 2017 begonnen hatte, sind nach GIZ-Angaben noch drei Viertel in Ausbildung und legen bald ihre Abschlussprüfungen ab.
Quelle: dpa, kna, AFP

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