: Ethikrat hält Suizide für ethisch vertretbar

von Dominik Rzepka
22.09.2022 | 11:10 Uhr
Der Deutsche Ethikrat fordert, Suizide aus freien Stücken zu respektieren. Der Staat dürfe Menschen nicht generell an einem Suizid hindern. Sogar Suizidhilfe könne vertretbar sein.
Der Deutsche Ethikrat hat eine Stellungnahme zu Suiziden und Suizidprävention veröffentlicht (Symbolbild)Quelle: dpa
Der Deutsche Ethikrat hat sich dafür ausgesprochen, Suizide aus freien Stücken zu respektieren. Wenn ein Mensch diese Entscheidung freiverantwortlich treffe, gelte es, diesen Wunsch "als Ausdruck des Selbstbestimmungsrechts zu akzeptieren", sagt Ethikrats-Vorsitzende Alena Buyx.
Staat und Gesellschaft hätten nicht das Recht, Menschen an ihrem Suizid zu hindern - es sei denn, diese könnten ihre Entscheidung eben nicht aus freien Stücken treffen. Dann gelte es vielmehr, die Person vor sich selbst zu schützen. Zu einem freiverantwortlichen Suizid aber dürfe sogar Hilfe geleistet werden, zum Beispiel in Pflegeeinrichtungen.

Schnell Hilfe finden

Es gibt Hilfe, auch in scheinbar ausweglosen Situationen. "Ich weiß nicht mehr weiter", "Ich kann nicht mehr": Wenn Ihre Gedanken darum kreisen, sich das Leben zu nehmen, versuchen Sie unbedingt, mit jemandem darüber zu sprechen - egal, ob Familie, Freunde oder Menschen, die sich auf diese Themen spezialisiert haben.

Schnelle Hilfe: Telefonseelsorge (0800 111 0 111), Nummer gegen Kummer (116 111), im Notfall Polizei (110) oder Rettungsdienst (112) anrufen!

Die Gesellschaft für Suizidprävention führt eine Übersicht der Angebote auf ihrer Webseite www.suizidprophylaxe.de.

Weitere Beratungsangebote

Lass Dir helfen - Freunde fürs Leben ist ein Verein der Jugendliche und junge Erwachsene über die Themen Suizid und seelische Gesundheit aufklärt.

Info-Telefon der Deutschen Depressionshilfe (0800 33 44 533) - im Netz unter: www.deutsche-depressionshilfe.de

Hilfe für Angehörige

Geschäftsmäßige Beihilfe zum Suizid war bis vor Kurzem verboten, das Bundesverfassungsgericht hatte das Verbot 2020 aber gekippt. Im Moment arbeitet der Gesetzgeber an einer neuen gesetzlichen Regelung zur Beihilfe zur Selbsttötung.

Ethikrat fordert bessere Prävention

In seiner Stellungnahme zu Suiziden, die der Ethikrat in Berlin vorgestellt hat, wird in diesem Zusammenhang auch bessere Prävention gefordert. Menschen mit diesem Wunsch müssten in begleitenden Gesprächen Alternativen zum Suizid eröffnet werden.
Außerdem sei Suizid keine Privatangelegenheit der betroffenen Person. Zu bedenken sei etwa die Rolle der Angehörigen. Insgesamt solle der Staat gewährleisten, dass Menschen nicht in diese Situation kommen.

Lea (20) wollte sich vor drei Jahren das Leben nehmen. In einem Blog berichtet sie von ihrer Geschichte.

08.09.2022 | 10:28 min

Das lange Warten auf einen Therapieplatz

In seiner Stellungnahme weist der Ethikrat darauf hin, wie wichtig Psychotherapien und eine gute psychologische Versorgungsstruktur sind. Diese sei aber "nicht im ganzen Land gegeben". Kinder und Jugendliche zum Beispiel warten im Schnitt ein halbes Jahr auf eine Therapie.
Der Ethikrat kritisiert "wachsende Defizite" bei psychotherapeutischen Angeboten. Therapieplätze müssten niedrigschwelliger erreichbar sein. Hier sei auch der Staat in der Pflicht. Der Ethikrat fordert:
Die Strukturen der Suizidprävention müssen gestärkt und eine angemessene, dauerhafte und verlässliche Finanzierung sichergestellt werden.
Deutscher Ethikrat

9.206 Suizide im Jahr 2020

In Deutschland stirbt jede Stunde ein Mensch aufgrund eines Suizids. Im Jahr 2020 haben sich 9.206 Menschen das Leben genommen, rund 75 Prozent davon Männer. Die Zahl der Suizidversuche liegt laut Deutscher Depressionshilfe etwa 15 bis 20 Mal höher. Depressionen sind die Hauptursache von Suiziden.
Wer an einer Depression leidet, kann Hilfe bekommen: "Die erfolgreiche Behandlung der psychiatrischen Erkrankung stellt somit die beste Suizidprävention dar", sagt die Deutsche Depressionshilfe.

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